Liebe Urgrossmutter, meine Mutter, Hannele hat von dir und Neurode erzählt. Sie war als Kind oft bei Euch in den Ferien. Sie hat erzählt, dass du die vierte Frau meines Urgrossvaters warst. Im Kindsbett seien die Frauen vor dir gestorben. Die Mutter meiner Grossmutter Anna seine erste Ehefrau.
Ich kenne deinen Vornamen noch nicht – ich werde mich auf die Suche machen. Ich weiss, dass dein Mann, mein Urgrossvater, Joseph heisst. Das habe ich in einem archivierten Adressbuch von Neurode dem heutigen Nora Ruda herausgefunden. Ehefrauen werden nicht genannt. Die Kirchenbücher der katholischen Pfarrei werde ich hoffentlich bald einsehen können.
Liebe Urgrossmutter, mein ältester Bruder, der Michael, wurde wie auch du dem Familienvergessen preisgegeben. Er ist sehr früh mit vier Monaten gestorben. Hanna, deine Enkeltochter und Norbert, ihr Mann, haben dem kleinen Michael kein Grab gegeben. Sie wollten ihn so schnell wie möglich vergessen. Mit ihm habe ich vor ein paar Monaten Kontakt aufgenommen. Ich habe Michael meine Leidensgeschichte erzählt. Wir sind in einen regen Austausch gekommen. Er kennt sich mit der Gewalt des Vergessenwerdens aus.
Nun habe ich die Spur zu dir aufgenommen und hoffe sehr, auch mit dir in Verbindung treten zu können. Auf einem digitalisierten Foto könntest du mit dem Urgrossvater Joseph abgelichtet sein. Beide seid ihr im mittleren Alter. Mit meiner Ehefrau habe ich eurer Haus in Neurode vor bald zwanzig Jahren besucht. Auf den Spuren meiner Vorfahren zu meinen Wurzeln wollte ich mich führen lassen. Das ist mir nicht gelungen. So schade, wie fokussiert ich war, irgendwelche Vorführheldengeschichten zu entdecken. Ich war auf der Suche nach geschichtsträchtigen Ahnen. Dir habe ich keinen einzigen Gedanken gewidmet. Irgendwo in eurer Nähe habe ich den Grabstein eines Rittmeisters aus dem 18. Jahrhundert entdeckt. Das war die einzige Trophäe, die ich mit nach Hause nehmen konnte.
Der Krieg und die Vertreibung haben die meisten Erinnungsspuren meiner Herkunftsfamilien in Niederschlesien verwischt. Von euch, den Urgrosseltern in Neurode weiss ich nur aus Erzählungen meiner Mutter Hanna, die du sicherlich als kleines Mädchen gekannt haben musst. Mein Vater hat nie von seinen Grosseltern gesprochen. Vielleicht hat er sie nie gekannt oder sie waren schon gestorben. Wie auch meine beiden Grossväter. Beide lebten nicht mehr, als ich geboren wurde. Über den Paul, deinem Schwiegersohn hat Hanna auch nicht viel erzählt, doch sie muss ihn als Kind sehr gern gehabt haben. Er arbeitete als Bäcker und Konditor in Waldenburg. Mit der Hanna trat er bei Abendveranstaltungen manchmal als „Pat und Patterchen“ auf. Auf Fotographien trägt er den beliebten Hitlerschnauz. Die Vertreibung nach Braunschweig soll ihn gebrochen haben. Mit Anna, deiner Stieftochter habe ich in Wenden, einem Vorort von Braunschweig das Grab von Paul zigmal besucht. Die Oma hat die Blumen gegossen und ums Grab geharkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie etwas von ihm erzählte. Es gab noch ein anderes Grab auf dem Friedhof in Wenden. Eines ohne Grabstein. Da war die Tante Liesel begraben, die Schwester von Paul. Warum die Liesel bei ihrer Vertreibung aus Waldenburg beim Paul und seiner Familie war, weiss ich nicht. Sie wohnte dann mit ihnen ein paar Jahre in den zwei kleinen Zimmern, die ihnen in Braunschweig zugeteilt waren. Vom anderen Paul, dem Vater meines Vaters Norbert, weiss ich fast gar nichts. Nur die Hanna wusste Bruchstücke vom ihm zu erzählen. Von den Eltern und der Familie von Paul hat meine Mutter nie etwas erzählt. Mein Vater hat mit mir nie über seine Vergangenheit in Schlesien erzählt.
Liebe Ida, mit Erschrecken habe ich vor ein paar Wochen – ja, länger ist es noch nicht her – in meinem Erinnern gemerkt, dass die Hanna nichts, rein gar nichts erzählt hat, wie du in Neurode das Kriegsende erlebt hast, ob du die Vertreibung überlebt hast, wo und wann du gestoben bist und wie es deinem Mann erging. Mit dem Kriegsende fängt das grosse Vergessen an.
Martha, eure jüngere Tochter hat mit ihrem Mann bei euch im Haus gewohnt. Ich habe sie als Tante Martel gut gekannt. Nach dem Tod von Paul zog sie zur Anna nach Wenden in die kleine Wohnung. Als Kind war ich bei den beiden oft zu Besuch. Von euch habe ich nichts mehr gehört. Fragen, was mit euch nach dem Krieg passiert ist, habe ich als Kind wohl nie gestellt. Und jetzt sind alle gestorben, die davon wissen können.
Liebe Urgrossmutter, mit dem Kriegenden wurdest Du ins Niemandsland der Vergessenden vertrieben. Von deinen eigenen Leuten! Niemand, auch Tante Marthel hat erzählt, wie es euch nach dem Krieg erging. Meine einzige Chance an Informationen zu kommen, sind die Kirchenbücher von Neurode. Sie sind in Breslau im erzbischöflichen Archiv gelagert. Doch wird es Monate oder Jahre dauern, bis ich an die Bücher herankomme. Sie haben dort absolut lange Warteliste und sie versuchen jede Anfrage abzuwimmeln. Aber warum haben eure Leute nicht mehr von euch erzählt? Vom Erich, dem Mann der Martha wurde immer wieder mal gesprochen. Er wurde schon früh im Krieg als Soldat vermisst. Sie heirateten, bevor er nach Russland die Front musste. Über die toten Soldaten haben sie geredet und getrauert. Die Grosseltern und Eltern! Ja, ihr wart doch die Eltern von Anna und Martha. Über euch kein Sterbenswörtchen. Aus Schuldgefühlen? Weil sie euch im Stich gelassen haben? Euch dem Schicksal überlassen haben? Mehr hätten tun können? Sich nicht vorstellen wollten, was alles mit euch passiert sein könnte?
Mein lieber Urenkel, schon seit vielen Jahren wähne ich mich im Land der Vergessenen. Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass mich jemand da herausruft. Matthias, einen schönen Namen trägst du. Es ist schon lange her, dass mich jemand gerufen hat – Ida heisse ich – das wirst du bald herausfinden. Schlagartig schnell fiel ich ins Niemandsland, in dem es kein Miteinander mehr gibt. Wir erkennen einander nicht und nur bei uns Letzteren, zu der ich noch einige Zeit gehöre, gibt es manchmal noch leise Ahnungen, wenn wir jemanden treffen, mit dem wir Lebenszeit geteilt haben. Bald wird bei mir auch dies vorbei sein und nichts mehr wird mich mit denen verbinden, die zwischen einem Anfang und einem Ende im Bewusstsein eines eigenen Namens gerufen werden können. Ich habe den Kontakt zu meinen Lieben sehr vermisst. Dass sie meinen Namen nicht mehr aussprechen wollten, hat mir sehr weh getan. Die Verbindung reisst mit dem Sterben nicht einfach ab. Es war eine schwere Zeit für mich, von meinen Lieben entrissen zu sein. Ich hätte ihnen noch so manches sagen wollen. In den Traumzeiten ist ein Fenster reserviert, in dem wir Verstorbenen mit den Lebenden in einen Austausch finden. Ich hätte ihnen noch so vieles sagen und ans Herz legen wollen. Das hätte mich auch in meiner Einsamkeit getröstet. Wir verstehen so wenig von diesen wichtigen Dingen.
Jetzt, lieber Matthias suchst Du den Kontakt zu mir. Völlig unerwartet. Ich freue mich sehr! Gerne würde ich dich umarmen und ein grosses Fest für dich ausrichten. Überraschend habe ich mich von dir finden lassen. Lange habe ich warten müssen. Ich kann mich nicht an mein Ende erinnern, denn es hat niemanden gegeben, der davon erzählt hat. Sie haben alle geschwiegen, weil sie sich geschämt haben. Eine furchtbare Zeit. Alle haben nur noch zu sich und den Allernächsten schauen wollen. Diese schreckliche Angst, einen falschen Schritt zu machen. Ein falsches Wort. Eine falsche Bewegung. Nichts fragen, nicht auffällig sein, Gesicht nach unten, um die Ecke schleichen.
Schwarz. Leuchtend gelb. Milde Luftzüge. Herzflimmern. Kopf. Migräne. Babygeschrei. Milcheinschuss. Bitteres Urin. Mama. Papa. Pfefferminztee. Blumenbeete. Bienengeflüster. Männerpochen. Lehrer. Gazebinden. Ungeheuergeheul. Finsterwalde. Lieber Gott. Bitte. Hochzeitskleid. Nachgeburt. Allein. Schuhe binden. Lutschestange. Kaufmann. Werkstatt. Papa. Tochtermutter. Krätze. Panzerfaust. Kaffeetrinken. Kuchenblech. Hannele. Beichtstuhl. Wickeltisch. Pistole. Wehrmacht. Hundegebell. Knall.
Es gab einer Zeit, die ich sehr geniessen konnte. Nach der Schule habe ich als Kindermädchen bei der Familie Dinkelhammer anfangen. Sie hatten vier Kinder. Zwei gingen schon zur Schule. Manchmal habe ich auch in der Küche mitgeholfen. Nach dem Mittag durfte ich mich eine Stunde in die Bibliothek setzen. Im Sommer fuhr die ganze Familie zu den Verwandten in ein grosses Schloss nach Schottland. Im zweiten Jahr fragte mich die Frau Professor, ob ich eine Ausbildung als Hausdame machen wollte. Ich sollte in einem Institut alles Nötige lernen. Auch Englisch und die Grundlagen in Konversation und Repräsentieren. Die Eltern hatten nichts dagegen. Im Gegenteil. Ich wurde Hausdame der Dinkelhammers. Sie waren sehr zufrieden mit mir. Das war die schönste Zeit in meinem Leben. Wenn nicht das grosse Unglück passiert wäre. Der Unfall des Professors. Er überlebte nicht. Die Frau wollte zurück zu ihrer Familie. Ich musste wieder zu den Eltern. Als Hausmädchen war ich zu alt. Und andere Bedienstete wurden nicht gesucht. In unserer Gegend gab es nur wenig reiche Menschen. Der Joseph Neumann, dein Urgrossvater war ein angesehener Handwerker in unserer kleinen Stadt. Er hatte Pech mit den Frauen. Sie starben ihm eine nach der anderen weg. Die Eltern haben alles eingefädelt und bald wurde Hochzeit gefeiert. Jetzt war ich die Frau vom Tischlermeister Neumann und musste einen grossen Mittagstisch mit den Gesellen und den Lehrlingen bedienen. Es waren traurige Jahre bei uns in der Neurode. Wir hatten es noch gut, doch die Arbeiter in den Bergwerken und die Frauen an ihren Webstühlen zu Hause, das war ein einziges Elend. Man sah den Menschen den Hunger an. Dann auch noch das grosse Grubenunglück mit den vielen Toten. Mein Gott, was haben die Leute alles durchmachen müssen. Die Anna fand einen Mann, den Paul Völkel. Sie heirateten und hatten in der Oberstadt in Waldenburg eine kleine Wohnung. In Waldenburg waren Armut und Hunger noch grösser als bei uns. Gut, dass der Paul als Bäcker und Konditor die kleine Familie versorgen konnte. Doch die Verhältnisse in Waldenburg waren so armselig, dass sie oft an den Sonntagen zu uns nach Neurode kamen. Was erzähle ich Dir nicht alles. Du willst in Verbindung mit mir treten. Da musst du ein bisschen was von mir wissen.
Ich habe tatsächlich Deinen Namen ausfindig machen können. Unerwartet in einer Schachtel mit meinen Zeugnissen und persönlichen Unterlagen. Als ich mit meiner Frau vor zwanzig Jahren die Reise zu Euch nach Neurode plante, haben wir der Mutter gezielt viele Fragen gestellt. Meine Mutter wusste sich auch zu erinnern, dass Du die Halbschwester der Mutter von Paul gewesen bist. So sind wir beide sogar blutsverwandt. Ich mag diese Einteilung gar nicht. Erinnert mich arg an die Blut-und Bodenideologie der Nazis. Du bist meine Urgrossmutter. So oder so.
Ida, die Geschichte mit den Dinkelhammers kommt mir ziemlich fremd entgegen. Vielleicht kannst Du mir etwas von Joseph erzählen? Wie hast Du ihn als vierte Ehefrau erlebt? Auf einem digitalisierten Foto sehe ich ihn stolz mit einem Zylinder auf dem Kopf und einen eleganten Mantel mit einem Pelzkragen. Es muss am Taufttag der Hannele aufgenommen sein. Joseph der Tischlermeister macht eine stattliche Figur. Auf einem anderen Foto hält sich die kleine Hanna am Arm des Grossvater fest. Anna trägt ihre zweite Tochter, die Gisela auf dem Arm. Eine ältere Frau mit einem Mittelscheitel, steht in der zweiten Reihe. Bist Du vielleicht diese unscheinbare Frau?
Matthias, deine Mutter war der Sonnenschein von Joseph. Sie war ein aufgewecktes Mädchen und umschwärmte die Familie mit ihrem unwiderstehlichen Charme. Ich hatte zwischen den beiden nichts zu suchen. Auch sonst. Ich war von Anfang an eine billige Arbeitskraft. Mit dem Joseph wurde ich an der Hochzeit von Anna und Paul verkuppelt. Als Schwester der Mutter vom Paul war ich natürlich eingeladen. Der Josef hatte für die beiden ein grosses Fest ausrichten lassen. Das liess er sich nicht nehmen. Er machte etwas her und so manche Geschichten wurden über ihn erzählt. Drei Frauen waren ihm weggestorben. Die Mutter von der Anna starb tatsächlich im Kindsbett. Die anderen beiden Frauen sind ihm weggelaufen. Gut, dass er die Martha hatte. Sie konnte ihm als einzige Paroli bieten. Ohne sie wäre er aufgeschmissen gewesen. Doch als sie den Erich kennenlernte, war klar, dass er bald ohne Frau im Haushalt auskommen musste. Da kam die Idee, mich mit ihm zusammenzubringen. Meine Leute waren froh, dass sie mich nicht als alte Jungfer durchfuttern mussten. So war das damals. Gefragt hat mich niemand. Ich sollte froh sein, gut versorgt zu sein.
Die schönen Ferientag in Neurode von denen Deine Mutter erzählte, waren für mich so schlimm wie jeder andere Tag auch. Du hast schon geahnt, dass die Geschichte mit den Dinkelhammers so nicht stimmt. Vielleicht ist es aber auch die einzige Geschichte, mit der ich es in der Welt überhaupt aushalten konnte. Weg von zu Hause. Weg von all der Armut und den Menschen, die es nicht gut mit mir meinten. Ich komme aus einer Familie von Tagelöhnern. Der Vater musste wenigsten nicht unter Tage. Die Mutter war zu Hause, die Arbeit am Webstuhl war Knochenarbeit. Am schlimmsten, wenn sie bis tief in der Nacht die Quote schaffen musste. Wir waren fünf Kinder – drei Geschwister starben sehr jung an der Lungenkrankheit, die als Gespenst über uns allen schwebte. Nach der Schule half ich der Mutter im Haushalt. Kochen, Waschen, Kartoffeln auf den Feldern, Anstehen, Schimpfen, Hauen, Kirchgang, Schicksal, Sterben. Die Mutter ganz plötzlich. Sie war schon lange schwach. Der Vater schaffte es nicht allein. Geld war immer knapp. So vergingen die Jahre. Die Kinder waren bald alle aus dem Haus. Ich blieb beim Vater und wurde mit ihm älter. An eine eigene Familie dachte ich nicht mehr. Der Vater alterte früh. Wir hatten es am Ende gut miteinander. Bis er starb. So war das einfach.
Und dann diese Hochzeitsfeier, an der alles anders werden sollte. Er hat mich nicht einmal zum Tanz aufgefordert. Um Kinder sollte ich mir keine Sorgen machen. Das wäre sowieso schon vorbei. Mit der Gisela, der zweiten Tochter der Anna, hatte ich es gut. Sie war eher ein scheues Kind und stellt keine grossen Ansprüchen. Anders als die Hanna. Sie war die Prinzessin im Haus. Sie konnte den Joseph um die Finger wickeln. Später kam die Hanna immer ganz stolz in ihrer Uniform der Jungmädels. Heil Hitler, was anderes hatte sie nicht mehr im Kopf. Joseph zeigte sich gerne mit seiner Enkeltochter bei den Aufzügen. Erich, der Verlobte der Martha wurde dann zu Beginn des Russlandfeldzugs eingezogen. Martha hatte es schwer, als sie keine Briefe mehr von Front erhielt. Trotzdem packte sie weiterhin Pakete mit Lebensmitteln und Süssigkeiten für ihn. Sie wollte es nicht wahrhaben, dass er als Vermisster nicht mehr wiederkommen würde. Mir ging es gesundheitlich immer schlechter. Es drückte auf meine Seele. Das Hurrageschrei war mir von Anfang an zuwider.
Und dann. Die Hölle weitete sich immer mehr aus. Ich hoffe, du musst so etwas nie erleben müssen. Mein Lieber. Es ist so schön, Dich kennenzulernen. Erzähl‘ etwas dir.
Ida, es tut mir sehr leid, was du in Deinem Leben erleiden musstest und dermassen unter die Räder gekommen bist. Deine Geschichte mit den Dinkelhammers kann ich jetzt sehr viel besser verstehen. Ja, sie gefällt mir! Ich kenne auch diese Schwere, ebenso schlimme Gewalt. Sie haben mich leer und bewusstlos gemacht. Das geflossene Blut und meine Tränen sind unsichtbar geblieben.Ich bin im Vergessen aufgewachsen. Im Land des Vergessens. Sie wollten die Gewalt, den Schrecken, den Krieg, die Schmerzen, den Abschied, die Schuld, die Opfer, die Täter, alle und alles dem Vergessen anheimstellen.
Mich haben sie vergessen. Im Niemandsland sind die Vergessenen ungeschützt und müssen permanent auf der Hut sein. Ich finde keine Ruhe. Die Bilder des Schreckens verfolgen mich. Ich kann sie nicht loslassen. So bin ich für die anderen eine Gefahr, denn sie wollen/können sich von meinen Geschichten nicht binden lassen. Vom Niemandsland suchen sie den Weg zu dem Ort, wo der Schrecken zwischen Anfang und Ende nicht mehr hinreicht. Zu diesem Ort möchte ich auch. Irgendwann kommen auch wir Vergessenen dort an.
Ida, Dein Erzählen ist mir kostbar.
An mein kleines Püppchen kann ich mich gut erinnern. Ein kleines Wollknäuel an einem hölzernen Stil. Erna, so hatte ich sie genannt. Erna war meine treue Gefährtin. Sie hat mich wieder zum Lachen bringen können, wenn ich traurig war oder mir weh getan habe. Erna hat ihren Kopf hin und her bewegt und manchmal habe ich sehen können, wie sie ihre Augen ganz gross machen konnte. Sie konnte mir auch sagen, wenn ich mal besonders aufpassen musste. „Irmchen pass auf, da kommt gerade der Bauer vom Feld. Er hat schlechte Laune und jagt die kleinen Kinder von der Strasse.“
In einer Schachtel mit meinen Zeugnissen und anderen Dokumenten hat es einen Plastiklaster, der mich an meine frühe Kindheit erinnert. Die Geschichte, die ich mit dem Laster verbinde, ist eine der ganz wenigen Erinnerungen, die mir aus dieser Zeit präsent ist. Es muss kurz vor meiner Einschulung gewesen sein. Mit den Eltern war ich alleine unterwegs. In einem Schreibgeschäft waren Spielzeugautos ausgestellt. Ich war verrückt nach Autos. Mein grösster Wunsch war ein Auto aus Metall, wo man die Türen aufmachen konnte. Ich drängelte solange, bis die Eltern mit eines kauften. Ein kleinen blassroten Transporter aus Plastik. Da waren keine Türen zu öffnen. Als wir aus dem Schreibgeschäft waren, hat die Mutter mich sehr wütend zusammengestaucht. So etwas dürfe ich nie mehr machen. Vor den Leuten so ein Theater machen. Wir müssen sparen und hätten kein Geld für solche Sachen.
Mich macht die Geschichte traurig. An meine Kindheitsjahre kann ich mich gut erinnern. Die Eltern waren froh, wenn sie uns Kinder satt kriegen konnten. Es fehlte an allem. Die Kleider wurden von Kind zu Kind weitergetragen und geflickt, bis sie auseinanderflogen. Im Winter war es bitterkalt und so blieben wir die meiste Zeit zu Hause in der kleinen dunklen Stube mit dem Kohleofen in der Ecke. Von uns Kindern war immer eines krank und lag am Tag auf dem Bett der Eltern. In der Nacht mussten wir zwei Matratzen für uns Kinder ausrollen. Zu dritt lagen wir unter der Decke und wärmten uns gegenseitig. Paula, die Älteste von uns, erzählte uns dann manchmal Geschichten. Ich weiss noch, wie wir dann immer enger zusammenrutschten.
Die Geschwister waren für mich die Hölle. Die abrufbaren Erinnerungen beginnen erst sehr spät. Da war ich vielleicht dreizehn. Ab da könnte ich reihenweise Geschichten erzählen, wie sie mich erniedrigt und gequält haben. Ausgelacht haben sie mich, wenn sie mich besonders schlimm gedemütigt hatten. Doch ich habe sie vergöttert. In Therapiestunden sind auch Bilder aus früher Kindheit aufgestiegen. Am Schlimmsten waren die Schwester und der Bruder, der nach Michael kam. Sie haben mich physisch und psychisch in sadistischer Manier gequält. Ihre abgründige Verachtung bringen sie bis heute zum Ausdruck.
Hallo Ihr Beiden, Vergessen ist mit Gewalt gekoppelt. Schön, wie du dich, Ida, ohne inneren Groll an deine Geschwister und Eltern erinnern kannst. Mich berührt die Szene, wie ihr in den Nächten zusammenrückten und euch mit kleinen Geschichten getröstet habt. Und wie du beim Vater geblieben bist und ihn im Sterben begleitet hast. Mit meinem Vergessen fing ein grosses Unheil in unserer Familie an. Thomas, musste mich als mein Nachfolger ersetzen. Sein zweiter Vornamen, der des Vaters, wurde ihm von mir übertragen. Armselig. Schlimm, wie mit jedem Vergessen die Gewalt und der Schrecken grösser wird. Nicht nur mathematisch, sondern als bleibende Vollzugsverfügung. Weitergereicht an die nächste und die nächsten Generationen.
Michael, gut, dass du dich einschaltest. Ich erzähle euch, wie es mit Joseph weiterging. Nach aussen hat er den Ehrenmann gespielt, doch wehe, wenn ich allein mit ihm war. Die anderen Frauen haben es nicht mehr aushalten können mit ihm. Er konnte grausam und äusserst gewalttätig werden. Das konnte ich keinem sagen. An wen hätte ich mich denn wenden sollen? Der Priester wollte es allen Recht machen. Vor allem bei den gut Situierten. Und zu diesen wollte Joseph unbedingt gehören. Ich kann nichts Gutes über Euren Urgrossvater sagen. Das tut mir sehr leid.
Ida, Michael, mir geht es gerade gar nicht gut. Ich werde sehr müde. Am liebsten würde ich mich ins Bett legen und die Decke über meinen Kopf ziehen. Die Gewalt bei uns in der Familie spüre ich bis in meine kleine Zehe. Gewalt hat jeden und alles in unserer Familie ergreift. Täter:innen, die sich abwechseln. Opfer, die als Geopferte zu Täter:innen werden. Ich spüre die Ohnmacht, die sich als Müdigkeit über das Bewusstwerden legt.
Am Schlimmsten diese Sinnlosigkeit. Warum? Ich wollte doch nur leben und es ein wenig gut haben. Dem Joseph wollte ich eine gute Ehefrau sein. Die Mädchen hätte ich gerne als Grossmutter verwöhnt. Doch es ging nicht. Ich habe mich regelrecht vor ihnen versteckt, wenn sie zu Besuch in den Ferien kamen. Nur noch ein tauber Schmerz, der mich am Leben hielt. Ich bin froh, dass ich dir das sagen kann. Es muss ein Ende haben damit. Der Krieg hat dann alles noch viel schlimmer gemacht. Die Millionen Menschen, die ihr Leben lassen mussten. Ich habe von Politik nicht viel verstanden, doch mir war das Heldengeprahle zuwider. Am Ende vom Krieg die gerechte Strafe. Nein, ich weiss nicht. Jede Gewalt ist grausam. Am Morgen ist ein Gruppe betrunkener Polen ins Haus gestürmt. Den Josef haben sie im Bett erschlagen. Ich habe es mitansehen müssen. Was sie mit Martha gemacht haben, weiss ich nicht. Gar nichts weiss ich. Alles weg. Alles taub. Müde bin ich in einer anderen Welt aufgewacht. Im Niemandsland. Kein Geschrei, kein Lachen, ohne Gefühle. Keine Angst. Keine Hoffnung. Keine Erinnerung. Ohne Namen. Bis du mich gerufen hast.
Jetzt bin ich wieder wach. Aufgewacht aus dieser trägen Müde. Wenn wir es schaffen könnten, die Glocke des Vergessens zu heben. Wenn uns ein waches Sehen und aufmerksames Hören gelingen könnte. Ich brauche jetzt eine Pause und werde mich bald wieder melden.
Ida, Michael, ich schlafe immer schlechter. Ich wache meistens nach drei Stunden auf, bin dann hellwach, hoffe, es wäre schon Morgen und die Nacht zu Ende. Oft ist mir übel, Tagtraum-schlaufen, Körperspannung, Mein steifer Penis, der mich nicht in Ruhe lässt. Heute Morgen habe ich befürchtet, wir könnten dem Joseph Unrecht tun. Vielleicht war er gar nicht gewalttätig? Ich kenne Euch beide doch gar nicht. Vielleicht hast Du mir etwas erzählt, was ich gerade hören wollte. Der Urgrossvater ein frauenverachtender Lustmolch. Dann hätte ich zumindest eine vorzeigbare Tätergeschichte.
Matthias, Du du bist sehr sensibel und hast gemerkt, wie unruhig ich wurde, als du das jetzt sagtest. Der Joseph war böse mit mir. Das kannst du mir glauben. Dein Urgrossvater hatte keine Hemmungen, mich zu schlagen und über mich zu kommen. Du kennst das Foto, das ihn mit Zylinder und Sonntagsmantel zeigt. Ein Aufschneider war er. Ein Lebemann wollte er sein. Ich weiss, wo er überall das Geld ausgegeben hat. Mein Haushaltsgeld reichte vorne und hinten nicht. Natürlich war er auch in der Partei. Das waren ja die meisten. Der Paul, mein Neffe, der Vater von Hanna, war auch drin. Die Anna sowieso. Wie sie stolz waren, Hanna in Uniform zu sehen. Es waren grausame Zeiten. Im November 38 waren keine Juden mehr in Neurode, doch was in Waldenburg passierte, war wirklich schlimm. Auf den Marktplatz haben sie sie getrieben. Bis auf die Unterwäsche mussten sie sich ausziehen. Und hier in Neurode haben sie sich über die Geschichten lustig gemacht.
Ida, ich glaube dir. Unbedingt. Und doch kann ich dich kaum mehr spüren.
Du bist sehr weit weg. In mir verdunkelt es sich alles.
Du hast dir wohl ein bisschen zu viel zugemutet. Ist wohl eine Nummer zu gross für dich? Schade, ich hatte grosse Freude, als du mich gerufen hast. Bei meinem Namen. Joseph hat mich nur „Frau“ genannt. Für die anderen war ich die Bedienstete. Mich haben sie ganz schnell vergessen. Ich konnte nicht vergessen. Auch jetzt nicht im Niemandsland. Was sie mir angetan haben, trage ich mit/in mir. Ich sollte mich auf die Suche nach Michael machen. Vielleicht finde ich ihn hier bei uns.
Ida, ich komme tatsächlich nicht nach. Eine kalte Leere breitet sich aus. Aufgeben. Resignieren. Kapitulieren. Verdammter Mist. Ich mag nicht mehr. Und Michael hält es auch nicht aus.
Ich bin da. Ich höre zu. Ich schmerze mit euch beiden.
Erzählen geht nicht. Die Geschichten sind verschlossen. Wir müssen andere Wege suchen.
Ich möchte deinen Atem spüren. Tief und voll. Wo du auch bist. Michael, lass uns gemeinsam Ida bitten, dass sie uns als ihre Urenkel segnet.
Lasst uns die Halbinsel Selch umrunden.
Unsere Haare wehen im Ostwind.
Unsere Glieder erheben sich
Eros erhebe dich
Baal zerstöre die ungläubigen Seelen
Wir können uns nicht viel erzählen. Trotzdem sind wir in Beziehung. Es reicht, wenn ich dich rufen höre: „Ida, hey, hörst du mich? Ida, was meinst du dazu? Ida, schön, dass ich dich gefunden habe.“
Du hast dich gefreut, als ich dich das erste Mal angesprochen/gerufen habe. Mir ist hängengeblieben, wie vergeblich lange du auf einen Kontakt aus der Familie gewartet hast. Wie wichtig dieser im Niemandsland für dich ist. Ich lese momentan das Buch „Windstärke 17“ der jungen Autorin Caroline Wahl, die ihrer Protagonist und Hauptfigur den Namen „Ida“ übertragen hat. Ida, eine junge Studentin der Literaturwissenschaft ist traumatisiert durch den Tod ihrer Mutter. Stop. Ich mag keine Zusammenfassungen schreiben. Ich bin dauernd am Heulen. Die Mutter war Alkoholikern und starb durch eine Überdosis Tabletten. Stop. Ich müsste dir das ganze Buch nacherzählen. Das will ich nicht. Es berührt mich zutiefst, zu lesen, wie Ida zerrissen ist von ihren Schuldgefühlen, zu wenig für die Mutter getan zu haben und ihrer Überforderung seit frühster Kindheit Verantwortung für die Mutter tragen zu müssen. Vor zwei Monaten ist die Mutter gestorben. Stop. Sie landet ohne Plan an der Ostsee in einem kleinen Dorf auf Rügen. Marianne und Knut, ein älteres Ehepaar nimmt sie bei sich auf. Kitsch hoch drei, doch gut geschrieben. Verliebt sich in Leif. Erzählt, wie ihre Mama gestorben ist, wie sie mehr für die Mama hätte machen müssen, wie sie ihre Mama nicht mehr aushalten konnte, wie die Mama ihr in den Nächten erscheint. Schwimmt mehrmals zu weit in die Ostsee hinaus. Hat Angst, enttäuscht zu werden. Stop. Eruptiv bricht es aus mir heraus. Eine oszillierende Spannung, die sich aufbaut. Ida in ihren Abgründen. Ida in ihren Sehnsüchten. Begegnungen, Berührungen, Erlaubnisse und noch mehr Kitsch. Marianne, die eine Chemotherapie anfängt. Ida, Ersatztochter für eine andere. Das Ende muss ich noch lesen. Mich berührt diese Soap Opera.
Lieber Matthias, ich habe dir gut zugehört. Ich sehe, wie lange du schon an den Abgründen taumelst. Gefährlich. Wir Vergessenen sind im Niemandsland sicher. Taub und stumm, doch wir sind geschützt. Im Land der Lebenden ist es anders. Es hat dich zerrissen wieder und immer wieder. Du konntest nlcht verstehen, was mit dir geschah. Du hattest kein Empfingen was du mit anderen machtest. Gabriele, Priska, Barbara und wie sie alle hiessen. Deine Sehnsucht war die eines Getriebenen.
Liebe Urgroßmutter Ida, welch ein Zufall, dass ich diese andere Ida im Buch angetroffen habe. Ich weiss nicht, was ich von den vielen Tränen, die ich beim Lesen vergossen habe, zu halten habe. Diese Rührseligkeit mag ich überhaupt nicht mehr. Sie erinnert mich an meinen Vater und sein klebriges Selbstmitleid, wenn er zu getrunken hat. Alkohol machte ihn nicht aggressiv, sondern versetzte ihn in ein bedürftiges Kleinkind. Ekelerregend! Ich habe mir sehr fest vorgenommen, dass ich meinen eigenen Kindern solche Szenen nicht zumuten will. Wenn der Vater zum bedürftigen Kleinkind mutiert, kann dass für die Kinder nicht gut sein. Scheisse. Auch meiner Partnerin will ich das nicht zumuten. Habe ich lange genug gemacht. Und wenn ich es allein erlebe? Meine Bedürftigkeit nach oben dringt mit meinen korrumpierten Persönlichkeitsanteile? Wenn ich merke, wie feige ich bin. Ein Weichei. Und mich darüber ärgere, wenn ich andere als solche beschimpfe. Wenn ich mich zum Kotzen fühle. Und lese, wie eine junge Frau darüber schreibt, eine Protagonistin erfindet und mit ihr aushält, sich zum Kotzen zu fühlen. Dann muss ich heulen. Ich will stark sein. Nein, ich will in allen meinen Irrungen zu Bewusstsein kommen. Das ist! Nicht nur dahintreiben und warten bis es vorbei ist, sondern irgendwie aufwachen. Ich habe die Ahnung, dass wir Vergessenen unseres Bewusstseins beraubt wurden. Das ist das Schlimmste, was mit einem geschehen kann. Als ob grosse, wichtige, lebensnotwendige Stücke des menschlichen Antlitzes abfallen.
Ich merke, wie auch in mir etwas passiert. Tränen kann ich nicht mehr vergiessen. Die habe ich mir dem Ende meiner leiblichen Inkarnation verloren. Doch in deinem Rufen passiert etwas mir mit. Hier im Niemandsland muss niemand Schmerz erleiden. Doch wir Vergessenen sind noch nicht an dem Anderen teilhaftig. In deinem Leben warst du bisher als Vergessener ein Getriebener im Angesicht sinnloser Leere. Ich kann das neue Leben nicht beginnen, weil die Zeit der Erinnerung noch nicht getilgt ist. Ich bin noch erreichbar, das merke ich, wenn Du mich rufst. Viele andere könnten mich noch erreichen. Sie müssten mich gar nicht bei meinem Namen nennen, wie du das mein lieber Matthias tust. Sie bräuchten nur fragen, wo ich, wo wir, geblieben sind. Wo wir begraben sind. Wie wir den Übergang gefunden haben. Wie es uns erging, als wir den letzten Atemzug taten. Wie schlimm es war, ohne die Tränen unserer Lieben auskommen zu müssen. Wie sie alle auf einmal fort waren. Und es kalt in unseren Gräbern wurde. Langsam finde ich die Spur.
Liebe Ida, seit Tagen habe ich dir nicht geantwortet. Schade. Wenn ich deine letzten Zeilen lese, bin ich erstaunt, wie gut ich nicht verstehe. Es kommt mir überhaupt nicht fremd vor, was du mir mitteilst. Ja, so fühle ich mich oft, als ein Vergessener, der im Angesicht sinnloser Leere getrieben ist – herumtreibt. Das fühlt sich nicht gut an. Im Moment merke ich es gar nicht. Bin mir meiner nicht bewusst. Meistens. Erst mit grossem Abstand. In Reflexion mit einem Gegenüber gelingt es manchmal.
Lieber Matthias, du bist dir selber nicht bewusst. Das muss schwierig für dich sein. Du machst Kunst. Du schreibst, singst, bist als Contact-Clown unterwegs. Vater, Ehemann und so vieles mehr. Das scheint vor mir auf, wenn du dich mir öffnest. Hey. Du. Ich hatte es nicht einfach im Leben. Nichts da mit Hausdame und all den Träumereien. Ich habe viel gearbeitet. Manche Tage waren so schwer, dass ich fast im Stehen eingeschlafen bin. So erschöpft war ich von der Hausarbeit und als Dienstmädchen für alle und jeden verfügbar. Die Ida macht das. Die Ida ist eine Fleissige. Die Ida kann gut mit den Kindern. Die Ida ist sich für keine Arbeit zu schade. Ich hätte gerne im Kirchenchor gesungen, doch ich musste mich am Abend noch manche Stunden an den Webstuhl setzen oder die Wäsche waschen, wenn ich es am Tag nicht geschafft habe. Ich habe oft gedacht, dass ich die viele Arbeit nicht mehr schaffe, doch was blieb mir übrig. Doch ich bin mir nicht verloren gegangen. Sie haben über mich bestimmt. Ich habe nicht rebelliert. Brechen liess ich mich nicht. In mir war ich stark. Sehr stark, das kannst du mir glauben. Du bist auch stark. Anders. Du hast nicht aufgegeben, das ist deine grosse Kraft.
Ich habe grossen Respekt, wie du deine schwere Last getragen hast. Und dich dabei nicht vergessen hast. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Es graust mich. Mir vorstellen, immer die Arbeit, der strenge Tagesablauf, die schmerzenden Glieder, die Erschöpfung, tagein, tagaus – ich könnte, wollte dies nicht.
Und ich hätte nicht nicht schon lebend eineVergessene sein wollen. Dann lieber arbeiten und krampfen. Es muss sich fürchterlich anfühlen, wenn Nichts mehr da ist. Nichts. Nada. Nein, das hätte ich nicht aushalten wollen.
Es macht mir grossen Eindruck, wie du an der harten Arbeit und den dunklen Tagen nicht zerbrochen bist. Ich freue mich sehr, dich gefunden zu haben.
Das geht nicht einfach so und von alleine. Der Vater und die Kleinen haben mich gebraucht. Ohne Mutter wären sie verloren gewesen. Der Joseph hat mich missbraucht. Ich kenne den Unterschied.
Der Urgrossvater Joseph. Es muss schlimm gewesen sein. Irgendwie fühle ich mich fast mitschuldig. Ich trage als Sohn, Enkel, Urenkel eine Mitverantwortung.
Nein, das stimmt nicht.
Der Grad zwischen Brauchen und Missbrauchen ist sehr schmal.
Matthias, dein Sohn, mein Ururenkel hat dich gerade informiert, dass er sich von seiner Frau trennt. Meine Urururenkeltochter weiss es noch nicht, dass sich ihre Eltern trennen werden und ihr Vater eine eigene Wohnung sucht. Das hat dich gerade sehr traurig gemacht.
Wie kannst du das merken, wenn du schon so viele Jahrzehnte gestorben bist?
Mein Liebe ist noch nicht gestorben. Ich weiss, du magst das Wort „Liebe“ nicht. Ist dir zu gross. Wir Vergessenen können nicht anders. Wir haben genug Schlechtes erlebt. Gesehen, wozu Menschen fähig sind. Wer will nicht gut sein. Doch es braucht so wenig und es kehrt sich. Wir können nur lieben. Alleine können wir nicht lieben. Wir brauchen euch. Ich brauche dich. Da fängt Liebe an. So, wie auch dein Sohn von Dir gesehen, gehört und geliebt werden will.
Ich weiss, wie schlimm es sich anfühlt, nicht gesehen zu werden. Sie wollen immer noch nicht sehen, hören, riechen, tasten, schmecken, glauben, was mir als Kind angetan wurde. Das macht mich einsam. Nimmt mir mein Selbst. Treibt mich in die Leere. Nimmt mir die Liebe.
Als junge Frau war ich sehr hübsch.
Wieso sagst du mir das?
Jede Frau will schön sein. Ich bin nicht oft Tanzen gegangen. Die Männer haben sich nach mir umgedreht. Das habe ich geniessen können. Es gab einen, der hat um mich geworben. Das war der Heinz aus dem Nachbarort. Also, ich war kein hässliches Entlein, wie du heimlich denkst.
Ida, ich hätte Lust, dich zu einem Tanz aufzufordern.
mach‘ das. Ich führe dich.
ich singe dazu und schenke dir mein schönstes Lächeln
dann gönnen wir uns Kaffee und Kuchen
wir stossen mit einem Glas Sekt auf das Leben an. L‘chaim.
Ihr seid gegenwärtig. Was ich mit euch erlebe ist ein Anhauch, der alle Worte übersteigt.
Das Trennende und die Fremden verbinden uns mit dem Leben, das über alle Sinne und jede Sinnhaftigkeit weist. Eine helle Sonne.
Dunkel und leere Taubheit. Sie haben mir als Kind sehr weh getan.
Ich würde gerne mit dir lachen. Ein Witz erzählen. Kitzeln. Schau‘ mich an.
Urgrossmutter.
Urgrossenkel
Bonanza
Wir sind in Resonanz – in einer gemeinsamen Schwingung. Leider sind es meist nur Mikromomente, in denen ich so etwas wie Verbundenheit spüre.
Du sehnst Dich nach Nähe, Verbindlichkeit, Geborgenheit, Liebe. Viel zu viel von allem. Das hält kein Gegenüber aus – du auch nicht. Du kannst die trennende Bruchlinie nicht durch Nähe überwinden.
Woher weisst du das alles? Meine Rührseligkeit, wenn mir die Narrative von Menschen entgegen kommen, die vom Schicksal schwer geschlagen sind und ihr Eigenes nicht preisgeben haben. Das waren wirklich sehr viel Tränen in den letzten Wochen.
Deine Stärke und Dein Eigenes leben! Da bin ich gegenwärtig und unterstütze dich mit urmütterlichen Instinkten. Ich war stark, auch wenn sie meinten, die Ida überall hinschmissen zu können. Ich habe mich nicht brechen lassen. Habe mir meine Träume bewahrt. Der Joseph hätte es zwar fast geschafft, mir das Kostbarste, was ich besessen habe, zu rauben. Doch ich hatte Mut, mich zu wehren. Nur einmal ist er über mich hergefallen. Das nächste Mal wäre ich fortgegangen. Er hat es nicht darauf ankommen lassen.
Ich fühle mich lebendig, wenn ich mutig bin und etwas wage. Dann erschrecke ich und will mich am liebsten verstecken.
Deine Frau gefällt mir.
„Warum der Barbar aus dem Westen keinen Bart trägt“. Unser menschliches Wesen ist nicht getrennt von unserer körperlichen Wirklichkeit im Hier und Jetzt. Wir brauchen es nicht an verborgenen Orten zu suchen und es muss nicht gelöst und befreit werden aus den Fängen unsere Wirklichkeit. Wir sind eingeladen, uns ganz und körperlich auf unser Sein in dieser Wirklichkeit einzulassen. Mit dem Atem, mit den Resonanzen im Bauch, Kopf, Brust, den kleinsten Gefässen und unseren Sinnen, die uns verbinden mit der Aussenwelt. So können wir auch im Vogelzwitschern unserem Wesen gewahr werden. Heute morgen habe Stefan im Dokusan von dir erzählt. Wie ich mich mit dir verbunden weiss. Dass du in mir gegenwärtig bist – in allem, was in mir als Wesenskraft angelegt ist. Wie wir gemeinsam mit Michael aus dem Vergessen treten. Wir mussten laut lachen, als ich erzählte, wie Du mich in meinem Kampf gegen die Verbrecherband unterstützt. „Ja, dann muss es stimmen.“ Wir mussten beide laut lachen.
Soll ich Michael rufen?
Dringend
Hey Hey, Michael, wir brauchen dich.
Hey Hey,, wird langsam Zeit, dass du dich meldest.
Ich habe dich sehr vernachlässig. Es stimmt, ich habe dich schon lange nicht mehr gerufen. Wenn ich in Leipzig am Morgen auf dem Kissen sitze, hängt an der Wand rechts von mir die grosse Reproduktion des kleines Bildes, auf dem du als Säugling mit der Mutter zu sehen bist. Ich verbeuge mich vor euch beiden und denke an euch. Ich wollte immer frische Blumen vor das Bild stellen. Das habe ich nicht mehr gemacht. Schade. Michael. Lass uns gemeinsam mit Ida, unserer Urgrossmutter, auf dem Weg sein.
Schön, dass du mich nicht vergessen hast. Mit Ida muss ich mich noch anfreunden. Hier bei uns im Niemandsland gehen wir uns alle aus dem Weg. Es gibt bei uns keine Freundschaften. Wir sind einander jedoch nicht feindlich gesinnt. Wir warten. Immer warten, warten, warten. Irgendwann werden wir aus diesem Zwischenzustand gelöst. Wir leiden nicht. Wir hoffen nicht einmal. Wir erwarten auch nichts. Wir sind da. Für euch! Für dich!
Der Kontakt mit dir macht mich lebendig. Das habe ich gemerkt. So geht es mir auch mit der Ida. Und trotzdem vergesse/vernachlässige ich euch immer wieder.
Du würdest es nicht lange aushalten. st du deinen Platz. Vorhin beim Laufen hattest du einen sehr passenden Gedanken. Du kommst zu uns. In unser Sein. Ins Niemandland. Nur wenige wagen den Schritt zu uns,. Sie haben Angst, sie könnten hier verlorengehen. Sie fürchten sich vor dem Sterben, vor dem Tod. Du bist gerade in einem Sesshin und übst dich Schweigen. Erleuchtung, nichts Spektakuläres.
Dein Bruder kann sich gut ausdrücken. Schön, was er sagt. Du braucht wirklich keine Angst zu haben. Du lernst von uns. Das reicht fürs Erste. Für uns bist du nicht vergessen.
Ein bisschen viel.Ich höre auch einen gewissen esoterischen Touch. Den mag ich überhaupt nicht. Damit könnt ihr mich jagen. Ihr tut mir gut. Das spüre ich. Gerne lasse ich mich von euch ermutigen.
Form ist Leere, Leere Form – das Teisho gestern am Abend hast du stimmig verstehen können. Dieses Oszillieren zwischen Form und Leere. En Bewegen zwischen den Begriffen, Unterscheidungen, Wertungen, Anhaftungen und Anziehungen und dem Sein ohne Formbestimmtheit. Es gibt nichts abzuwerten, klein zu machen oder an Grösse zu bewundern. „Es ist so, wie es ist.“ Und es ist bleibende Aufgabe, Leiden in diesem Sein nicht zu vergrössern, sondern zu lindern, wo es möglich ist. Das kannst du bei uns lernen, einfach, klar und wirkkräftig.
Mehr zu wissen ist nicht nötig.
Nicht zu viel darüber reden. Matthias ist auf einer guten Spur. Es bringt nichts, wenn wir uns über Konzepte austauschen. Kehren wir zu unseren Geschichten zurück.
Geschichten, die wir neu erzählen können.
In drei Wochen werde ich mit Franziska nach Neurode (Nowa Ruda) fahren. Vor 20 Jahren Jahren waren wir schon einmal bei euch. Waren sogar in eurem Haus. Spazierten über den Marktplatz. Wie soll das gehen, Geschichten neu erzählen?
Wie können wir dir helfen? Ich erzähle dir die Geschichte von Martha und Erich.
Ich mag jetzt keine Geschichte hören. Ich will nur schlafen.
Wir müssen ihn in Ruhe lassen.
Dann erzähle ich eine Gutenachtgeschichte.
Es war einmal ein Drachen, der lebte in einer finsteren Höhle. Heribert tauften ihn die Dorfbewohner. Morgens wusch er sich unter einem Wasserfall. Am Abend verspeiste er eine Zuckerrübe. Er ass kein Fleisch und verkaufte jeden Monat seine Häkelarbeiten auf dem Wochenmarkt. Die Nachbarn tuschelten über ihn. Das machte ihn sehr wütend. Er mochte nicht, dass die Leute schlecht über ihn sprachen. Er verliebte sich regelmässig in seine alten Schulfreundinnen, in ein heiseres Käuzchen, eine springende Forelle, einen hüpfenden Esel, eine hundsgemeine Wanderratte oder einen gutaussehenden Cowboy. Heribert war ein lieber Drachen. Im Bioladen kaufte er ab und zu Fleischersatz. Seine Häkeldecken waren ringsum begehrt. Er sparte seit vielen Jahren auf eine grosse Hochzeit. Kurz vor Fünf am Nachmittag wurde er meistens traurig. Dann trat er aus seiner Höhle und fing bitterlich zu weinen an. Nur Carlo konnte ihn trösten. Carlo war ein Meister im Ohrenkraulen.
Bitte noch eine Geschichte.
Jetzt bin ich dran. Peggy ist eine kleine Quietschmaus, die im Hinterwald bei der ersten Abfahrt Richtung Dietzling wohnt. Ihre Eltern sind von Südafrika vor 20 Jahren in den Hinterwald gekommen. Die Mutter ist schwarzhaarig, der Vater hat eine Glatze und Peggy liebt ihren runden Bauch. Geschwister gibt es keine. Die Eltern verdienen ihr Geld mit einem Streichelzoo. Die exotischen Exemplare schmuggelten sie mit einer Stretchlimosine in den Hinterwald. Peggy hat immer genug zu essen. Als Quietschmaus ist sie sehr genügsam. Ein freundliches Hallo reicht meistens aus. Wenn da nicht der böse Wolf wäre. Der ist scharf auf alle Mäuse. Sogar einer Wühlmaus jagt er hinterher. Und dann gibt es auch noch den Fahrkartenkondukteur. Der hat in seiner Umhängetasche ein Maschinengewehr. Sonst ist er relativ unauffällig. Peggy hat keine Angst vor ihm. Um Mitternacht stellt die Mutter mit ihren schwarzen Haaren einen süssen Kakao auf ihren Nachttisch. Der Vater will auch einen Kakao, doch er bekommt keinen. Peggy ist eine liebe Quetschmaus. In ihr Poesiealbum hat sie das erste graue Haar der Mutter geklebt.
Luise war ein Sonntagskind. Leider hat sie das grosse Unwetter in der Steiermark nicht überlebt. Die Prügel der Mutter waren jedoch schlimmer.
Mir wird übel. Ich mag keine Geschichten mehr. Sie machen mich traurig.
Du bist undankbar.
Er ist sehr unfreundlich
Ida, Michael! Mit geht es nicht gut.
Ging es dir schon einmal gut?
Willst du einen Termin beim Ohrenarzt?
Ich bin müde! Verdammt noch mal, versteht ihr das nicht?
Ok, dann erzählen wir uns nun eine gemeinsame Geschichte.
Michael und Matthias wohnen seit drei Jahren bei ihrer Urgrossmutter Ida. Die beiden Jungs haben ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall verloren. Michael ist fünf, Matthias sieben. Die Grosseltern sind mütterlich- und väterlicherseits schon seit vielen Jahren gestorben. Sie waren Junkies. Gut, dass Ida keine Drogen nimmt. Beide lieben sie ihre Ida und sie liebt ihre beiden Urenkel. Die Fürsorge ist dankbar, denn sie ist billiger als ein Heim. Das ortsansässige Waisenhaus ist baufällig und muss nächstes Jahr renoviert werden. Soldaten bewachen das Haus. Am letzten Samstag bekamen sie Besuch vom Glöckner aus Paris. Er brachte viele Geschenke in einer ausgedienten Pferdekutsche mit. Erst haben sie Mensch ärgere dich nicht gespielt und dann blinde Kuh und Topfschlagen und Kartoffelsalat und Würstchen. Ida hat dem Glöckner ein Bier angeboten, doch er wollte nur ein stilles Wasser. Michael ist ein süsser Knopf. Matthias auch. Sie wollen am Sonntag Nachmittag immer die kleinen Strolche schauen. Ida sagt nie nein. Manchmal fällt sie in Ohnmacht, denn sie ist sehr alt und schon lange gestorben. Michael ist auch schon gestorben, doch ansonsten ist er putzmunter. Matthias ist noch nicht gestorben. Das macht ihm nichts aus, denn er spielt gerne im Dunkeln und kann viele Lieder auf der Ukulele begleiten. Ida liest viele Fachbücher. Manchmal lässt sie sich über Nacht in die Universitätsbibliothek einschliessen. Es gibt kaum ein Buch, das sie noch nicht in ihren Händen gehabt hat. Michael und Matthias sind stolz auf ihre kluge Urgrossoma. Niemand ist so klug wie sie. Nur rechnen kann sie nicht. Und mit der Rechtschreibung ist sie auch nicht befreundet. Matthias geht ganz nach der Ida. Michael hat einen osteuropäischen Einschlag. Das macht aber nichts, denn er versteht sich mit allen Menschen, egal woher sie kommen, was sie sind und was sie haben. Michael ist ein Goldschatz. Ida macht gerne Kunststücke. Sie wäre gerne Zirkusartistin geworden. Gestern hatte sie Besuch von einem Direktor, der sie engagieren wollte. Er wurde traurig, als sie ihm sagte, dass sie schon gestorben ist.
Ida plant mit den beiden Buben eine ausgedehnte Ferienreise. Ida will unbedingt nach Kassel zum Alten Paul, die Jungs wollen an die Ostsee oder zum Sonnenaufgang in die Karibik. Ida fürchtet sich vor den Engelsmacherinnen in Sao Paulo, Michael möchte zum Entertainertreffen nach Florida und Matthias will unbedingt in die Lüneburger Heide Monopoly Spielen. Ihre Mama hat immer PopCorn gekauft. Die Oma hat den besten Mohnkuchen gemacht und die scheiss Männer haben sich am Laufmeter besoffen. Ida sagt, die Mama hatte blauen Augen und ein Holzbein. Der Papa war ein Wehrmachtssoldat. An der Ostfront im Panzer ist er auf eine Miene gefahren. Der Grossvater war Sanitäter in Verdun. Die beiden Grossmütter machten Karriere im Fussballclub. Anna war Mittelstürmerin und Theresa eine knallharte Verteidigerin.
Die Jungs fragen, ob sie Ida abkitzeln, oder in die Oder schmeissen sollen, oder am Pferdeschwanz ziehen. Sie haben Ida ganz fest lieb. Sie können sich ein Leben vor und nach dem Tod ohne sie nicht vorstellen. Sie sind ein tolles Team. Michael ist ein Sunnyboy und Matthias liebt reife Birnen. Sie singen miteinander, dann weinen sie und nehmen sich in die Arme und flüstern sich kleine Dinge ins Ohr. Ida sagt immer die schönsten Sachen. „Ihr seid meine allerliebsten Schätze. Mit euch würde ich zwei Mal um die Welt reisen. Mit einer Rakete! Mit einem Mouseclick! Mit einer Überraschung am Ende. Bonbons regnen vom Himmel. Heidelbeeren. Ich will eine Glacé. Ich will. Ich auch.
Zeit für‘s ins Bettgehen. Heute muss es Zickzack gehen. Ida kriegt Besuch. Ida zieht sich nackig aus. Aufhören, Jungs. Finde ich überhaupt nicht lustig. Ida ist nicht lustig. Ida zieht sich nackig aus. Wenn ihr brav seid, dürft ihr mit dem Sandmännchen ein Deal machen. Verstehe ich nicht. Ida, wir verstehen das nicht. Was ist ein Deal? Das weiss ich auch nicht. Ist mir einfach so eingefallen. Willst du mit dem Sandmännchen einen Deal machen? Ida will mit dem Sandmännchen einen Deal machen. Ida, ich will auch, ich auch. Also gut, zieht euch Schuhe und Jacken an. Wir werden mit dem Sandmännchen einen Helikopterflug machen. Nein ich will nicht mit der Rakete fliegen! Wir fliegen hoch in den Himmel. Zu Mama? Ich will nicht in den Himmel! Ich will nur bei dir sein, Ida. Das Sandmännchen bringt uns an einen ganz schönen Platz. Ich will keinen schönen Platz. Ich will keinen schönen Mann. Ich mag keine Männer. Ihr seid meine Allerallerbesten. Heute wird gefeiert.
Mama. Am Nachmittag habe ich sie im Lidl getroffen. Sie ist eine grosse Frau. Sie hat braune Augen und ein Tattoo auf der Nase. Mama sieht doof aus. Ich mag keine Tattoos. Ich mag Salzstangen. Hat Mama eine rote Nase. Mama ist eine Clownin. Mama ist eine alte Frau. Mama hat einen Nasenring. Mama ist nicht meine Mama. Mama ist ein Schreckgespenst. Ida, kennst du unsere Mama? Mama habe ich mal gut gekannt. Gestern ist sie das erste Mal wieder von den Toten auferstanden. Ist die Mama der liebe Gott? Fast noch mehr. Hast du Angst vor unserer Mama. Ich habe vor allen grossen Menschen Angst. Ich auch. Wenn ich gross bin, werde ich dich beschützen, Ida. Ich habe auch Angst vor grossen Menschen. Soll ich dich beschützen? Papa war ein tapferer Soldat. Nein, er war ein strohdummer Mann. Grossvater war General. Nein, er war ein bissiger Dackel. Urgrossvater war ein Präsident. Er hat mich geschlagen. Wenn ich gross bin, kriegt er Haue. Hört auf Kinder. So viel Krieg, ich will davon nichts mehr hören.
Im Hochsommer gibt es viele Wespen. Und Bienen. Und Regenwürmer. Knallfrösche. Wasserbomben. Hauswein. Pizza. Schokoladeneis. Ida, wollen wir bei der Autorally mitmachen? Ich bin der Copiliot. Ich bin ein guter Kartenleser. Ich habe keinen Führerschein. Brauchst du nicht. Ich gebe dir meinen. Kann ich auf deinem Schoss sitzen? Hoppe Hoppe Reiter. Morgen kommt der Schornsteinfeger. Er bringt uns Glück. Und Dreck ins Haus.
Ida, Michael! Ich kann mich nicht aushalten.
Joseph, dein Urgrossvater machte sich keine Gedanken, wie es mir und den anderen Menschen um ihn herum ging. Wie ein Präsident kam er daher – dabei war er ein Schwächling. In der Schreinerei hat er kaum noch gearbeitet. Erich, Marthas Mann, musste den Laden schmeissen. Joseph litt an permanenter Magenverstimmung. Wenn er rief, sollte ich wie ein Hündchen folgen. Irgendwann hörte er auf zu rufen. Er merkte, dass ich stärker war.
Unsere Mutter war nicht stark genug. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn ich nicht gestorben wäre. Der Vater froh war, als ich nicht mehr da war. Er wollte sie alleine besitzen. Ich verstehe die Zusammenhänge noch nicht. Vielleicht hat er der Mutter die Schuld für meinen Tod gegeben.
Dein Bruder hat ein gutes Gespür. Mit dem Joseph hätte es weitaus schlimmer ausgehen können. Ich weiss nicht, wie es herausgekommen wäre, wenn wir gemeinsame Kinder gehabt hätten. Er war dermassen herrisch, dass ich es nicht geschafft hätte, mich schützend vor die Kinder zu stellen. Das hätte mir mein Herz gebrochen. Mit deiner Mutter bist du noch nicht fertig. Auch sie konnte dir keine gute Mutter sein. Ich bin gespannt, was Michael dazu sagt.
In den letzten Wochen ihres Lebens erhoffte unsere Mutter mit grosser Sehnsucht ein Wiedersehen. Ich habe ihr Sterben zur Kenntnis genommen. Es hat mich nicht berühren können. Sie hat mich nicht gerufen, sie wollte mich ergreifen. Ida hat vom Niemandsland gesprochen, in dem wir Vergessenen harren. Wir sind losgelöst von unserer Herkunft und unserer Geschichte. Mit den Gestorbenen sind wir in keinem persönlichen Kontakt. Den gibt es unter uns nicht. Nur mit den Lebenden sind wir noch verbunden. Wenn wir gerufen werden, können wir in Kontakt mit Euch treten. Warum das so ist, weiss ich nicht. Hier im Niemandsland sind die persönlichen Banden gelöst. Das finde ich gut. Da gibt es kein Leiden, kein Sehnen, keine Wehmut und kein Hass. Wenn ich mit dir nun im Kontakt bin, erahne ich nur noch eure Gefühlswelt. Es wird wohl einen Sinn haben, dass wir im Austausch sein können. Ich merke, wie es mir überhaupt nicht egal ist, wie es dir geht. Mir liegt viel daran, dass du aus deiner Enge und Spannung findest. Die Mutter ist vor bald 20 Jahren gestorben. Ich habe noch keine Idee, wie du dich aus ihrer Umklammerung lösen kannst. Nein, du bist es, der sich an sie klammert. Sie kann dich nicht mehr festhalten. Sie hat es auch vorher nicht getan. Denk mal an deine eigenen Kinder. An alle vier. Du liebst sie und möchtest, dass es ihnen gut geht. Und wenn es sich ergibt, dass gesättigte Begegnungen zwischen euch stattfinden, kannst du es geniessen. Wenn du weisst, dass es ihnen nicht gut geht, empfindest du es als Störung. Doch grundsätzlich ist dein Leben nicht auf sie ausgerichtet. Das ist gut so. So ist es der Mutter auch ergangen. So wichtig, wie du meinst, bist du ihr nie gewesen. Sie hat es sogar geschafft, mich die längste Zeit ihres Lebens zu vergessen. Erst in den letzten Wochen hat sie mich gerufen. Da war es zu spät. Wir konnten unseren möglichen Spielraum nicht nutzen. Sie hat mich vergessen. Das heisst nicht, es wäre ihr dabei gut gegangen. Ganz bestimmt nicht. Wie sie auch dich und die anderen Kinder vergessen konnte. Wir waren nur auf einem Nebenschauplatz präsent.
Im Vergessen reduziert sich das Spektrum der Beziehungsfähigkeit. Mit deinem Vergessen, Michael, verlor eure Mutter auch zu den nachkommenden Kindern ihre Beziehungsfähigkeit. Es fehlte ihr das nötige Sensorium. Sie hat alles gemacht, um eine gute Mutter zu sein. Sie hat euch umsorgt, gepflegt, bekocht und ihren Beruf als Familienfrau perfekt ausfüllen wollen. Doch sie konnte keine Beziehung zu euch aufbauen. Die Bewegung von ihr zu euch war gestört und meist ganz unterbrochen. Das hat sie sehr schmerzhaft gemerkt. Zu ihrem Mann, eurem Vater, hatte sie Zugang. Doch auch mit ihm war eine Beziehung auf gleicher Augenhöhe nicht möglich. In ihrem Vergessen wurde sie einsam und für andere unerreichbar.
Im Vergessen werden grundlegende Fähigkeiten abgespalten. Ich habe sehr früh die Beziehung zu mir selbst verloren. Mit mir selber kann ich meist nichts anfangen. Elend leer fühlt es sich an. Die Vulva ist zu meinem Beziehungsraum geworden. Dorthin fliehe ich mich in meinen Phantasien. Erträume mir erfüllende Momente und einen Ausweg aus Sinnleere.
Die Vulva als Lebenstor. Erinnert mich an eine Skulptur, die du vor ein paar Jahren gestaltet hast.
Das geht jetzt ein bisschen zu schnell. Ich komme nicht nach. Spüre aber, wie stimmig die Spur ist, im Vergessen die Beziehungsfähigkeit zu verlieren. Für unsere Mutter war es tragisch, dass sie Michael dem Vergessen preisgeben musste. Sie hat die Beziehung zu all ihren Kinder verloren. Zu ihren Enkelkindern konnte sie später eine grossmütterliche Beziehung aufbauen. Ich kann immer noch nicht analytisch fassen, was mit mir passiert ist, mit meinem Vergessen der Gewalt, die an mir verübt wurde. Die Bilder, die Schmerzen, die Angst, Scham, Ekel, alles ist kryptisch verwahrt, verschlüsselt und jedem Begreifen entzogen. Ich kann nicht sagen, was passiert ist. Was haben sie mit mir getan? Helft mir bitte!
Es gibt keine Worte, die beschreiben könnten, was du erlebt hast. Worte sind immer an einen Sinn gebunden. Was du erlebt hast, hat sich aufgelöst – ist luzide geworden- gibt es nicht – darf es nicht geben – hat es nie gegeben – ist nie passiert – ist ein Gespenst – eine Einbildung – ein boshafter Gedanke – eine verbrecherische Anschuldigung.
Sie wollen, dass ich endlich einen Schlussstrich ziehe. Nach vorne schauen. Der soll endlich Ruhe geben. Was sagt ihr?
Die Mutter, der Vater und die geballte Priestermacht. Sie müssen mir dir ganz schlimme Sachen gemacht haben. Ich weiss es nicht. Ich bin mir jedoch sicher und stimme dir bei. Ich bin eine deiner Urmütter. Du hast noch viele andere. Sie haben dich gehört, als du mich gerufen hast.
Hör‘ nicht auf zu rufen. Wir brauchen deine Stimme. In ihr finden wir Resonanz. Ich höre dich und in deiner Stimme höre ich auch mein Vergessen und weiss von all den Vergessenen, die gewaltsam um ihre Lebendigkeit geprellt wurden. Es gibt keine Beweise. Ich bin froh, dass du da bist. Dass du nicht aufgegeben hast.
Ich danke euch.
Es ist Zeit für ein neue Geschichte. Im Winter hat ein Bär einen Schluckauf gehabt. Er konnte nicht mehr aufhören. Die Amsel kannte einen bewährten Trick. Sie setzte sich auch seine Nase und trillerte ein paar Takte aus dem Mozartrequiem. Der Bär erschreckte sich zu Tode. Er wurde käsebleich und der Schluckauf war beendet. Die Amsel flog davon und der Bär ging Lachse fangen. Die Geschichte ist an dieser Stelle natürlich noch nicht vorbei, denn als der Bär nach Hause kam, gab es ein riesiges Theater. Die Polizei war mit einem grossen Aufgebot angerückt. Die Feuerwehr hatte die grosse Leiter ausgefahren. Die Sanitäterinnen tanzten Samba und die Amsel hatte sich in eine Zauberin verwandelt. Der Wolf war tot. Der Bauch aufgeschlitzt. Die Bärenkinder gesund. Steine unnötig. Der Brunnen ausgetrocknet. Die Sonne litt unter einer Makuladegenerationsstörung. Die Äpfel verhiessen eine gute Ernte. Gunther, unser Braunbär, liebt Apfelmost über alles. Emilie, die Bärenbraut mag Tintenfische. Gunther kennt einen Supermarkt, in dem er nachts die Kühltruhen plündern kann. Für Emilie würde er es auch im Pazifik mit der Angelrute versuchen. Die Bärenkinder können noch nicht schwimmen. Sie sind im nächsten Schwimmkurs angemeldet. Im August steht der Flachs hoch über dem Weizen. Der Winter wird kalt und viel Schnee ist angesagt. Die Geschichtenkiste muss daher dringend auf Vordermann gebracht werden.
Ich mag Geschichten. Sie erinnern mich an meine Mutter.
Ich mag Vulven
Ich mag Gummibärchen
Ich mag euch beide
Ich mag euch auch beide
Ich mag Schildkrötensuppe
Ich mag dich. In deiner Gegenwart fühle ich mich jung, als ob ich mitten im Leben stehe. Ich möchte dich sogar umarmen und mit dir ein gutes Glas Wein trinken. Dein Lächeln verzaubert mich. Deine Nase möchte ich berühren. Du brauchst keine Angst haben. Ich werde die nötige Distanz zwischen uns wahren. Du kannst mich auch umarmen. Mir einen flüchtigen Kuss auf die Backe geben. Wir sitzen uns gegenüber, wir liegen am Strand, wir haben alle Zeit der Welt.
Es gibt keine Verbote zwischen uns.
Bitte helft mir, dass ich mich erinnere, was ich vergessen musste, um zu überleben. Ich will nicht länger von mir getrennt sein. Ich möchte es nicht länger aushalten. Wann haben sie mich das erste Mal geholt. Bitte!
Heute Nacht haben sie dich geholt. Und in den vielen Nächten vorher. Sie können nicht aufhören. Armselige Gestalten. Sie lassen dich nicht in Ruhe. Doch du brauchst keine Angst haben, denn sie können dir nichts mehr anhaben. Du kannst sie wegpusten, wegbeamen, wegjagen. Sie kommen dir so nahe, weil sie wissen, dass du nach ihnen forschst. Da werden sie ganz aufgeregt, die armen Schweine. Ich habe den Joseph schnell vergessen, denn das ist die einzige Möglichkeit keinerlei Beziehung zuzulassen. Sie buhlen um dich. Fühlen sich dabei fast so unbesiegbar, wie sie als Monster in dieser Welt wirkten. Schrecklichsten Gestalten. Die Mutter hat es gewusst. Mehr noch, sie hat dich ausgeliefert. Mansfeld, verdammte Priesterbande. Das Darknet hat von ihnen gelernt.
Ida, es geht mir sehr nahe.
Du bist stark und wirst aushalten, was ich dir nun erzählen werde. Dskfgäöagn. Möäadgjäfn ö ökdfgm a-v avrfä mdfkdiuj an, ddmf Kaägöigrehaökgnadv.mknvdnfiorep.
Gefesselt, geknebelt, gegerbt.
Es ist vorbei. Es ist genug.
Wir haben beide das gleiche erlebt. Ich bin lieber gestorben. Du hast dich ins Vergessen gerettet.
Ida!
Ich schäme mich für eure Geschwister.
Euch, den noch lebenden Geschwistern will ich meine abgrundtiefe Verachtung auszudrücken.
Mich bedrängen tagtäglich Gefühle der Leere, Sinnfremde und Bewusstseinsschwere. Es hat viele Jahre gebraucht, bis ich ausdrücken konnte, welche Qualen ich erleiden musste. Ich habe Euch als Geschwister lange und hartnäckig darum gebeten, mir in der Suche nach Aufhellung zu unterstützen. Ich empfinde Euer ignorantes Verhalten als äussert gewalttätig.
Es braucht sehr viel Kraft, meinen Kindern die Verachtung, die ich Euch gegenüber empfinde, nicht zu zeigen. Sie wissen darum, wie sehr mich Euer Verhalten in der Vergangenheit geschädigt hat und sie wissen auch, dass ich Ihnen den Kontakt mit Euch nicht verunmöglichen werde. Ich unterstütze sie auch darin, die zahlreichen und kostbaren Erinnerungen an ihre Grossmutter zu bewahren.
Meine Verachtung, die ich Euch gegenüber empfinge, kommt tatsächlich tief aus meinem Herzen.
Ida, danke, wie du mir hier in Nowa Ruda nahe bist. Ich spüre dich, doch es fällt mir schwer, dir zu schreiben. Es fehlen mir die Worte, deshalb versuche ich es umso mehr. Bin gar nicht müde, das freut mich. Komisch. Kannst du einen Gruss an Olga TOKARCZUK ausrichten? Du kennst sie sicherlich und bist ihr schon manche Male begegnet. Im „Gesang der Fledermäuse“ weint ihre Protagonistin am Laufmeter. Vielleicht sollte ich meine Rührseligkeit auch als Krankheit bezeichnen.Ist wirklich stark, was hier abgeht. Unzählige Dinge gäbe es zu erzählen. Und so viele Überraschungen. Ich werden polnisch lernen. Das wird eine ziemliche Herausforderung mit meinem löchrigen Gedächtnis. „Niestety nie potrafię wyrażać się w języku polskim. Mam jednak cyfrowy tłumacz, dzięki któremu możemy się porozumieć.“ Gut, dass es Übersetzungstools gibt. Du, liebe Ida, bist ein Geschenk vom Himmel. Hast du etwas von Michael gehört?
Hey Hey, kleiner Spinner. Ich bin sitze dir gegenüber. Mach‘ die Augen auf. Schliesse deine Muskeln und hau‘ in die Tasten. Mastermind, es geht los, denn im Sommer müssen alle Löcher geschlossen werden, damit der Herbstregen die Stimmung nicht absaufen lässt. Deine Reise mit Franziska hat mich ziemlich in Atem gehalten. Ich habe einen jahrzehntelangen Atem, den mir niemand nehmen kann. Steig‘ auf ein Pferd und sause über die Prärie und dir wird wohl um Herz. Das sagte unserer Urururgrossvater, als er in der endlosen Weite in der Manschurei die gescheckten Ziegen hütete. Die Oma hat ihn mehrmals begleitet, doch sie führte zu Hause die Geschäfte und knüpfte die nötigen internationalen Kontakte. Sie war eine Meisterin im Singen und konnte den Nachtigallen wichtige Botschaften auf ihrem Flug in den Norden mitgeben. Unsere Brüder waren leider nicht lebenstauglich und die Schwestern beschwerten sich beim Reichsmarschall über die schlechte Hygiene in den öffentlichen Schwimmbädern. Wir könnten morgen ein bisschen länger miteinander plaudern. Was hältst du davon?
Prima.
Er wachte früh am Morgen auf. Er wälzte sich im Bett. Er wurde sich seiner selbst bewusst. Er sass im ICE. Ein Friedhof im Vorbeirauschen. Und schon überwältigte ihn Müdigkeit. Todmüde.
Die Sonne scheint, Hochsommerhitze. In der Nacht kommen die Mücken und versorgen sich mit Blutreserven.
Falco ist tot. Mirjam lebt munter weiter.
Chinesische Touristen können nicht wissen, dass ihr lautes Schmatzen Ekelgefühle erregen. Mit Schweinen und Hunde kennen sie sich aus. Sie mögen keine indigenen Deutsche. Auch die Schweiz mögen sie eigentlich nicht. Mich mögen sie verständlicherweise gar nicht.
Monsieur Gratewohl pflegt ein gepflegte Arabisch. Madame Friederich isst gerne Speck.
Um Mitternacht kommt der Nachtwächter vom nahe gelegenen Parkhaus zu einem Gutenachtkuss. Die Nachbarin hat gefragt, ob er auch mal bei ihr vorbeikommen kann. Sie spricht fliessend chinesisch.
Er möchte so gerne einmal eine reife Apfelsine essen. Heutzutage gibt es meistens nur noch Orangensaft im Tetrapak. Das macht keinen Spass und ist auf Dauer auch nicht gesund. Der Sanitärmonteur bekommt davon regelmässig Herpes.
Erzählkultur wird hochgelobt und an jeder Strassenecke gefördert. Wer eine gute Geschichte zu erzählen weiss, hat höhere Chancen in der Partnerinnenwahl. Hugo erzählt immer die gleiche Geschichte. Die von dem stierigen Chinesen, der jedes Mal nach dem Essen einen Wutanfalll bekommt. Er stellt sich auf den Esstisch und ruft nach der Bedienung. Dann nimmt er ein Messer und ritzt sich in die rechte Wange. Mit der Serviette wischt er das Blut ab. In Mannheim könnten lärmige Fussballfans sitzen. Die sind noch schlimmer. Scheiss besoffene Kerle. Die Chinesen wüssten sehr wohl, was man mit ihnen machen sollte.
Marodierenden Banden verfolgen jeden Fremdling. Des Nachts fliehen die Gerechten aus ihren gestärkten Leinen. Sie haben schon lange nichts mehr gegessen. Sie haben keine Lust auf eine heisse Bouillon. Sie wollen Eis am Stil und gieren nach Austern, die sie am Morgen beim Griechen gegen ein gutes Stück Fleisch eintauschen. Die Hausangestellten haben heute frei. Die Chauffeuse ist mir dem Ferrari unterwegs und Egon will seine Geliebte in ihrem Studio besuchen, denn es gibt keine andere Chance mehr. Aus und vorbei. Verdammte dieser Erde vereinigt euch im Gewürm der Athene. Verlängerte Ferien gibt es seit vielen Jahren nicht mehr. Der Direktor ist ein Regimetreuer. Die Geschwätzigen wollen nicht an die bevorstehende Kreuzigung denken. Sie reden lieber über Schokoladeneis mit Schlagsahne. Berni wagt den ersten Spruch in der Runde. Ihm entgehen nicht die kleinsten Störungen im Geleise der Bauarbeiten. Mitunter reisst der Faden nicht ab. Näherinnen haben eine grosse Verantwortung zu tragen.
Ida, warum habe ich so dünne Arme? Warum kann ich dich so schnell vergessen? Warum ist so vieles nur Lärm und Rauch? Wieso geht mich das nichts an? Wo bist du, Ida? Im Eulengebirge müsste ich dich suchen. In einer Einsiedelei. In verzweifelten Schreien. In einem Wort. Buchstaben. In einem Strich. In einer weissen Leere. Im Höllengeschrei der gemarterten Bildungsschweinereien. Sie gehen ihn knapp bis zur Schulter und reichen ihm einen Kaffee mit Schnaps.
Matthias, warum vergisst du deinen Bruder? Er hat nur dich. Bald hat er niemanden mehr. Lang ist der längste Morgen. Muss die schäkernde Tante ertragen. Sie lullt ihn mit Weihwasser in die Windeln. Matthias, warum bist du so streng zu dir und allen anderen? Matthias, warum hast du Angst? Du zitterst vor Angst. Michael wartet.
Michael, verzeih’ mir nicht. Zieh’ mich zur dir. Nein, das will ich nicht, verzeih’ mir.
Matthias, Kobold. Komischer. Tragischer. Blood. Schauer. Wir hatten eine gute Zeit, das vergesse ich nicht.
Es geht mich nichts an, deswegen spioniere ich euch hinterher. Vielleicht sterbe ich. Bald, demnächst. Ich möchte nicht sterben. Jetzt noch nicht. Angst, die wohl immer bleibt. Sitzen auf dem Kissen. Sterben üben. Sterben. Jetzt. Nein. Nehmt mich in eure Mitte. Nein. Die Kinder. Franziska. Ein bisschen Zeit noch. Keine Angst in der Angst.
Gut so.
Weiter so.
Zeig‘ uns deine Tränen.
Wir lieben deine Tränen.
Ich liebe dich.
Ich liebe dich auch.
Ich mag deinen rotlackierten Mittelfingernagel.
Ich mag deinen süssen Schnäbbi
Wir haben noch einen Platz in unserer Mitte.
Karussell fahren.
Und ich singe eine Arie
Schön, wir freuen uns.
Ida
Michael
Ich möchte euch nicht verlieren.
Matthias
Du kannst uns nicht verlieren.
Ida
Eulengebirge
Neurode
Im Dunkeln wandern
Michael
Mit der Mutter
Sie sind nicht weit
Leben
Sterben
Angst
Trauer
Nicht wissen wohin mit all dem Glück
Verstecken lohnt nicht.
Erzählen macht mich müde. Das ist kein Kinderspiel.
Schreiben ist elendig anstrengend. Nichts für zarte Fingerspiele.
Lachen geht gar nicht.
Analytisches Herangehen ist zum Kotzen.
Brechen immer wieder
Gaga
Gaga
Brummgeheule in der Waschmaschine
Beischlaf im Gartenverein
Ameisen
Bär
Honig
Gar nicht süss
Gar nicht lustig
Und jetzt?
Nichts machen
Lass dich überraschen
Ida ist eine gute Köchin
Michael ein Charmeur
Du wirst dich noch wundern
Wenn es Nacht wird über dem Schwarzwald
Die Sonne am Kaspischen Meer aufgeht
Der Mittagsschlaf zur Schlaraffe im Niemandsland wird
Sonnengelüst
Wandschrank
HinterwaldmüssigängerInnen
Verlorene Senfeier im Sesammantel
Fuchsschwanz am BMW
Regenbogenfarbe am RollsRoy
Pink an der künstlichen Brustwarze
Sauerkirsche im Abendrot
Mitternachtsgutzli im Apfelcanape
Sauermilch doppelt fermentiert
Spermaflecken auf dem Bettlaken
Natur purpurrot im blassen Fenchelgeschmack
Ida
Michael
Matthias
Zu dritt fahren wir über den Hockenheimring mit dem Velo
Zwinkern dem Rennleiter zu
Treten voll die Pedalen
Winken ins Publikum
Stehen auf dem Siegerpodest
Trinken eine Brause
Laden zu einer Party ein
Tanzen zu Abba
Schwofen mit den Salzburger Schwiegersöhnen
Michael ist abgehauen
Er ist hinter dem Baum Pinkeln gegangen
Warum sagt er denn nichts
Es ist ihm peinlich
Eigentlich müsste man ihm voll eine in die Fresse hauen. Das sagen die Ureinwohner von Lauterbrunnen. Die Gemeindepräsidentin ist anderer Meinung. Er sollte geteert und gefedert werden. Die Pfarrerinnentochter will es bei einer Anzeige belassen. Ich kann mich nicht entscheiden. Ohne Pronomen braucht es eine Menge Übung. Esst ihn auf, verschlingt seine Genitalien, kocht eine anständige Bouillon, verkauft ihn als schmackhafte Blut- und Leberwürste, verständigt euch mit der Nachbarschaft und feiert zusammen eine Grillparty. In den sozialen Medien kursieren schon Gerüchte.
Michael! Ida! Wo seid ihr? Macht einen Rückwärtssalto und haltet eine gemeinsame Rede, in der ihr die verfluchte Ignoranz der ehemaligen Liebhaberinnen beklagt. Schüttelt euch vor Lachen.
Das machen wir schon seit Äonen. Ferdinand ist unser Zeuge. Du kennst ihn noch gar nicht.
Ihr ermüdet mich.
Du bist erschöpft. Denkst zu wenig ans Sterben. Die Fliehkraft reisst deine Eingeweide auseinander. Du bist ein ungebildeter Zeitgenosse.
Nein, das stimmt.
Wir sehen es aus unserer Perspektive. Kennst du Lukas Bärfuss?
Ich mag ihn nicht. Er will mit Bildung punkten. Das kommt bei mir nicht gut an. Wenn es ihn zerreisst, mag ich ihn. Dann kommt bei mir was rüber.
Was meinst du Ida, soll ich mit dem Blödsinn aufhören.
Ja nicht!
Und du Michael, was meinst du?
Ich sehe da eine gewisse Beeinträchtigung bei dir – eine Behinderung – eine Krankheit – eine Manie – ziemlich kaputt präsentierst du dich uns.
Und du Erzengel, wie kann ich mich mit dir duellieren?
Ich würde vorsichtig sein. Sehr sehr vorsichtig.
Und du Mama?
Du hast Mundgeruch.
Matthias, wir haben uns etwas überlegt. Wir werden dich ab sofort coachen. Du wirst sehen, bald wirst du der Präsident der Vereinigten Kureinwohner:innen sein.
Ihr seid zwei Lustige. Und schon hat es Klick gemacht und die Müdigkeit hat obsiegt. Könnt ihr mir sagen, was da läuft. Ich möchte mich sofort ins Bett legen. Nichts mehr hören und sagen müssen.
Du bist reichlich überfordert. Echt heftig, was da bei dir abläuft. Michael hält es kaum noch aus. Er will dich rütteln und schütteln. Ich will dir einen lieben Kuss auf die Wange schmatzen.
Wo seid ihr, Ida, Michael, ihr versteckt euch.
Hörst du uns nicht?
Wer seid ihr, die da so dummes Zeug reden?
Wir sind die radelnden zwei Musketiere.
Ich muss mich hinlegen oder ganz laut um Hilfe schreien. Das traue ich mich nicht, deshalb lege mich jetzt ins Bett. Nur zehn Minuten. Und wenn es nicht besser wird, rufe ich die Ameisenkönigin.
Bleib‘ noch einen Moment. Spüre deinen Atem. Bleib‘ wach. Sprich‘ mit uns.
Ist es so schlimm mit mir?
Ja.
Und?
Wir machen uns Sorgen.
Ich möchte einfach nur weg. Ich will mich jetzt hinlegen.
Geh‘ lieber Einkaufen. Brot und Bier.
Ja.
Er ist ein Armer. Schlecht z´wäg. Was können wir tun? Nichts können wir tun. Abwarten und Tee trinken. Ich will ihm helfen. Kannst du nicht. Ich will ihm nahe sein. Bist du nicht. Wir sind unerreichbar. Wir sind ihm näher als er sich selber ist. Ja. Dann los. Nein. Wir singen ihm ein Lied. Einen Blues. Eine Hymne. Ein Mutmacherlied. Er ist ein Kämpfer. Er gibt nicht auf. Denkst du. Er ist nahe am Zusammenbrechen. Glaubst du. Jede Minute zählt. Wirklich?
Ida, du bist die Älteste. Michael, du bist mein Alter Ego. Bitte tut endlich etwas.
In the summertime, when the weather is fine.
You can stretch right out and touch the sky,
Soll ich zu dir kommen, Ida? Ins Eulengebirge, nach Neurode?
Das ist lieb‘ von dir. Doch du wirst mich nicht unter der Erde finden. Ich bin dir in Leipzig näher.
Soll ich zur dir kommen, Michael? In Braunschweig deinen Sterbeort erkunden?
Ich habe in der Steiermarkstrasse gelebt, geschlafen, gesaugt, geschissen.
Soll ich mich nackt ausziehen?
Matthias, du bist unverbesserlich.
Soll ich Wüten?
Kunst
Weiss nicht
Mach‘ ein Video. Nackt. Rote Farbe auf der Brust. Auf dem Kissen. Lotossitz.
Ja
Danach darfst du in die Stadt was feines Essen gehen.
Ihr Beiden, wie soll ich es beschreiben? Da passiert etwas. Heute Morgen. Gleich nach dem Aufstehen bin ich noch im Pyjama ins Atelier. Die Installationen in der Mitte haben in ihrer Aus- und Zusammenführen nicht mehr gestimmt. Richtiger Ekel aufgestiegen. Jetzt stimmt‘s. Ich mag nicht erklären. Jetzt geht es mir total dreckig. Mag nicht mehr. Brauche Hilfe. Halte mich nicht mehr aus. Halte „es“ nicht länger aus. Werde müde, will nur noch schlafen. Handlungsunfähig. Den ganzen Tag habe ich versucht, mich zu stabilisieren. Ich muss etwas machen, sonst flippe ich aus. Sonst wird die Schmerzgrenze erreicht. Temesta habe ich in Reserve und genug, um mich rauszunehmen.
Betrinke dich und hänge vor der Glotze ab. Dauerserie.
Nein, ich bringe mich um.
Wir rufen die Polizei,
Könnt ihr gar nicht.
Wir können mehr, als du denkst,
Geh‘ ins Bordell. Mach‘ dir eine gute Stunde.
Und dann?
Bereust du deine Entscheidung. Das gehört zum Setting. Sonst funktioniert es nicht.
Ich bin ein verdammtes Arschloch.
Ja, du bist echt ein Arsch.
Ich
Du
Bin ich nicht
Bist du nicht
Ich bin
Du bist
Mich gibt es nicht
Dich gibt es nicht
Wir machen heute eine Party. Mit allem Drum und Dran. Saufen, Huren, Ficken, Küssen, Schmerzen, Stöhnen
Ich dachte, das hab‘ ich hinter mir. Ich will nicht mehr.
Dich gibt es nicht.
Ida, wir müssen aufpassen. Gleich tickt er aus.
Nein, der ist völlig entspannt.
Und was läuft nachher?
Pissen, Scheissen, Heulen
Ihr?
Dich gibt es nicht. Also machen wir‘s. Um die Wette.
Langweilig. Und was kommt nachher?
Temesta und Whiskey
Drei mal zwei
Zwei und zwei
Morgen ist auch noch ein Tag
Keine Analyse oder Erklärungen jedweder Art. Das ist langweilig. Stinklangweilig.
Kannst du eigentlich nur so kurze Sätze schreiben. Du bist eine ganz arge Flute.
Lächerlich. Untalentiert. Unrasiert. Unmaskiert. Uniformiert. Unbeschreiblich. Gut.
Ihr habt Recht. Ich weiss nichts, ich bin nichts, ich bin eine totale Null. Das ist gut so. So will ich sein. Genaus so!
Hey, geil, das gefällt mir. Ida hast du gehört. Er wacht langsam auf. Matthias, so gut! Es hat lange genug gedauert. Dieses Knorzen und Krampfen war nicht mehr zum Aushalten. Matthias, du hast Glück. Und die richtigen Leute gefunden. Sie breiten sich in dir aus. Du brauchst ihnen nur zu folgen. Dem Emil, der Olga, deiner Frau, mir und Michael. Das reicht. Mehr brauchst du nicht. Den Stefan solltest du nicht vergessen. Das reicht. Bald wirst du uns nicht mehr auseinanderhalten können.
Ich werde keine Familiensaga schreiben. Ihr reicht.
Ida, ich bin traurig, froh und mächtig stolz.
Beruhig‘ dich. Kleiner
Ich brauche keinen Schnuller.
Ich schon. Die Mutter hat mich nicht an die Brust gelassen.
Glaube ich nicht.
Hört auf ihr Beiden.
Die Tage in Nowa Ruda waren intensiv. Ich mag aber nicht erzählen. Das ermüdet zu sehr.
Wir wollen hören, was du erlebst hast. Wir sind ein Team, da kannst du nicht Lust und Laune kutschieren.
Ich habe mich gefreut, dich durch Neurode laufen zu sehen. Unser Haus in der Kirchgasse 12.
Ich mag nicht erzählen. Meine Hände, die eines alten Mannes. Altersflecken. Schrumplige Haut. Ehering links. Sitze im Zug. Kalt. Eine Gruppe junger Leute hat sich hier im Ruhebereich gemütlich und laut eingereicht. Ein bisschen Anstand zeigen sie noch. Kein Alkohol. Fussballfans. Der Gruppeninhaber des Gruppentickets soll sich beim Zugführer im Abteil 9 melden.
Ich gebe dir einen Tipp. Setz‘ dich mit deinem Meditationskissen auf den Marktplatz von Nowa Ruda. Im Lotossitz. Den kleinen Buddha und die Klangschale. Rezitiere das Herzsutra. Neben der grossen Skulptur mit dem Johannes. Steh‘ auf und schrei laut auf. Wer den ersten Stein werfen will, schickst du zum Bürgermeister. Er soll ihm eine Orange vom Wochenmarkt bringen.
Dann kommst du zurück in die Kirchgasse.
Hört auf, mir solche Flausen in den Kopf zu setzen.
Lieber streife ich durch die Wälder des Eulengebirges. Eine Nachtwanderung. Ich habe Angst vor dem bösen Wolf und dem Bären Pu. Proust mit seiner mémoire involontaire, „der unwillkürlichen Erinnerung, wie sie sich in herausgehobenen Erlebnissen einstellt und uns schlagartig in eine frühere Zeit zurückversetzt.
Erzähl‘ mehr.
Euer Haus der Kirchgasse gegenüber der Nikolaikirche. Auf einer polnischen Wikipedia-Seite: Dom przy ul. Kościelnej 12 w Nowej Rudzie – zabytkowy jednokondygnacyjny budynek mieszkalny w noworudzkimcentrum, ustawiony szczytem do ulicy. Budynek pochodzący z XVII wieku ma ciekawy portal, bryłę i sklepienia zachowane na parterze. W piwnicy budynku znajduje się studnia, do której było kiedyś bezpośrednie wejście od strony ulicy, umieszczone w murze oporowym. – Hier die Übersetzung des polnischen Textes ins Deutsche:
„Das Haus in der ul. Kościelna 12 in Nowa Ruda – ein denkmalgeschütztes, eingeschossiges Wohngebäude im Zentrum von Nowa Ruda, mit dem Giebel zur Straße ausgerichtet. Das Gebäude stammt aus dem 17. Jahrhundert und besitzt ein interessantes Portal, eine charakteristische Bauform sowie im Erdgeschoss erhaltene Gewölbe. Im Keller des Hauses befindet sich ein Brunnen, zu dem es früher einen direkten Zugang von der Straßenseite gab, der in der Stützmauer untergebracht war.“ Das Treppenhaus ist in einem erbärmlichen Zustand. Die grosse Haustür noch gut erhalten. Die vordere Fassade mit Netzen abgehängt. Der Putz vom Haus schon abgeschlagen. Das Dach neu gedeckt. Im Innenbereich Schutt und Dreck. Die Wohnungen bewohnt. Am Donnerstag sah ich eine alte Frau mit einem Einkaufswagen ins Haus gehen. Ich ging ihr hinterher. In der rechten Hand trug sie einen weissen Plastikeimer. Ihre Kleider zeugten von Armut und körperlicher Vernachlässigung. Meine Urgrosseltern haben bis zum Kriegsende in dem Haus gewohnt. Sie hatten hier eine Schreinerei. Ich weiss nicht, ob sie die Übersetzung auf dem Handy verstand. Ich trug ihr den Plastikeimer in die erste Etage. Den Wagen wollte sie alleine nach oben stossen. Oben im Flur hob sie den Deckel vom Suppeneimer. Ein bräunliche Flüssigkeit auf der Fettaugen schwammen. Eine schöne Begegnung. Ich hätte sie gerne umarmen wollen. Vor ihrer Haustür ein Kinderwagen, der wohl schon viele Jahre dort steht. Sag‘ ihr einen Gruss Ida. Ich werde spätestens im Frühjahr wiederkommen. Vielleicht fällt mir etwas ein, womit ich ihr eine Freude machen kann.
In der Manschurei gibt es kleine Schildkröten, die ihre Eier in den Nestern von Aasgeiern legen. Da werden sie ausgebrütet und liebevoll aufgezogen. Bisher hat es noch kein Kamerateam filmen können, wie die kleinen herzigen Schildkrötelein sich wohlig an die Aasgeiermutter schmiegen und kleine Juchzer machen.
Übermorgen kommt eine Fee in die Schule und wird den Jungen und Mädchen Holundertee ausschenken. Dem Lehrer wird sie ein unmoralisches Angebot machen. In der Turnhalle gibt es eine Umkleidekabine für den Klassenlehrer. Da will sie sich mit ihm um Mitternacht treffen. Leider hat der Hauswart die Schlüssel versteckt. Die Fee kann nach ihrem Gutdünken freie Wünsche verteilen. Lehrer Hampel will mit ihr zum Mond fliegen. Ohne Sauerstoffmaske. Er hofft auf einen Energiekick. Seit drei Jahren lebt er von seiner Frau getrennt. Er schläft nicht gerne allein im Bett. Da fühlt er sich einsam und möchte sich am liebsten mit einer Puppe befriedigen. Das macht er aber nicht, denn er will nicht kleinlich werden. Manchmal ruft er die Telefonseelsorge an. Manchmal holt er sich ein runter. Manchmal ruft er die gute Fee an. Sie verführt ihn nach bestem Wissen und Gewissen. Am liebsten trinkt er mit ihr ein Gläschen Jasmintee.
Felizitas braucht nicht länger als drei Minuten.
Henry ist das zu schnell.
Sabine stellt gerade neue Rekorde auf
Der Hausigel stinkt fürchterlich nach Küchenabfällen.
Dir geht es nicht gut.
Ging mir schon schlechter.
Willst du reden?
Lieber nicht.
Ida, was ist da Nowa Ruda abgegangen? Hat etwas mit mir gemacht. Finde keine Worte.
Ich war auch dabei.
Wir hatten es gut miteinander. Ida ist ein vorzüglicher Gastgeberin.
Ihr macht ein ziemliches Durcheinander.
Gestern habe ich dein Ururururenkelin besucht. Vom Kindergarten abgeholt, gespielt, gemalt und meine Kräfte strapaziert. Anstrengend diese Präsenz. Im Nachhinein wunderschön. Kinder, die sich entfalten dürfen. Ohne permanentes Nein. Ohne Erziehen zu müssen. Nächste Woche wird sie fünf. Ihre Eltern haben sich getrennt und geben ihr Bestes.
Ich mag meinen Opa. Wenn wir miteinander toben.. Verkleiden, Prinzessinnenkleid. Einen Opa, der für ein paar Stunden ganz für mich da ist. Ich fordere ihn voll und ganz, bis er müde ist und nur noch gähnt. Er ist ein Künstler. Ich male gerne. Opa, ich male hier und du im anderen Zimmer. Opa ich zeig‘ dir mein Bild. Ich male nur eins. Opa kann nicht aufhören mit dem Malen. Ich mag kein heisses Essen. Nach dem Kindergarten habe ich keinen Hunger.
Paul, Vater der Mutter.
Anna, Mutter der Mutter und Mutter des Vaters.
Franziska, Mutter eines Urgrossvaters.
Martha, Tochter der Mutter der dritten Frau eines Urgrossvaters.
Gestern habe ich Paul um einen Gefallen gebeten.
Heute hat Franziska den Kopf geschüttelt.
Keine Mittagssonne und kein Bittersalz. Es fing am Morgen an. Franziska war guter Laune und holte den Besen aus der Kammer. Die Spinnweben neben dem Computer störten sie schon lange. Eine Glühbirne wollte sie ausgewechselt. Endlich ist Mittag und die Sonne scheint hell und schön. Martha hat einen Sauerbraten gemacht. Dazu serviert sie Tequila aus einer grossen Flasche. Die Kinder kommen zu spät von der Schule. Paul holt die Reitgerte. Er isst nur noch mit Stäbchen und Anna ist schon am Tisch eingeschlafen. Sie mag ihr Tischschläfchen. Sie mag eigentlich alles und jeden und vergisst nichts mehr. Ida ist mit Michael in den Ferien. Sie haben sich auf eine Insel in der Nähe von Neuseeland gebeamt. Da haben sie Ruhe und schlafen am Strand im warmen Sand. Das muss man sich mal überlegen. Die Polizei sucht in Hamburg Verbrecher und Ida liegt am Strand und die Kinder kommen gleich von der Schule und Franziska kann es kaum erwarten, endlich im Darknet nach verborgenen Geheimnissen zu forschen. Sie meint, in der letzten Zeit hätten immer wieder Unwetter dazu geführt, dass sogar die Haifischflosse von Mackie Messer unter den Hammer gekommen ist. Die blutigen Geschichten sind meist die spannendsten. Hier sollte jede Feinanalyse beginnen. Sanft, zärtlich und mit der gewissen Einfühlsgabe. Schade, dass es so schnell vorbei ist und der graue Alltag obsiegt.
Der Penis ist ein Kunstprodukt. Künstlich imaginiert. Schmackhaft angerichtet und mit der richtigen Würze eine Delikatesse. Penispulver eignet sich für Entschlackungskuren und hilft gegen Milzbrand. Michael erinnert sich an den tragischen Sylvesterabend. Die Mutter war unvorsichtig und gab ihm 20 Tropfen auf einmal. Eine Überdosis und er musste die ganze Nacht erbrechen. Als die Glocken das Neue Jahr einläuteten, sah er eine schwarze Katze um die Ecke laufen. Der Vater war betrunken. Die Nachbarin quietschte mit ihrem Liebhaber ein hohes F und der Sanitäter wurde rot im Gesicht, als er in die feucht fröhliche Runde schaute. In Zeiten der aufgehenden Mondsichel waren das lauter Unglückszeichen, die nur gegen Cash aus dem Weg geräumt werden konnten. Paul wischte sich den Sabber vom Schlips, denn er war beschwipst. Anna musste dringend aufs Klo und Martha holte als Überraschungsgeschenk einen nigelnagelneuen Dildo aus ihrer grossen Einkaufstasche. Wenn Michael erwachsen ist, möchte er ihn auch mal ausprobieren. Olga hat in einem ihrer Bücher von zwei habsüchtigen Schwestern geschrieben. Sie haben ihn auf eine Bahre gelegt und mehrfach vergewaltigt. Keine Ruhmestat. Gebeichtet haben sie es nicht.
Franziska verrät nur ihrem Liebhaber, wer sie im letzten Jahr geschwängert hat. Ein allerliebstes Kind. Rundum zufrieden. Es schreit nur, wenn Äpfel gepflückt werden müssen. Wenn sie runterfallen, werden sie faul und wurmstichig.
Du kennst dich echt aus, sagt die Ente zu dem Stachelschein. So fängt das Märchen an, das Martha schon hunderte von Malen erzählt hat. Die Kinder mögen es. Die Erwachsenen auch. Die Ameisen lieben andere Literatur. Paul ist letzten Samstag zur Beichte gegangen. Er musste das Vater unser zur Strafe dreissig Mal abschreiben. Eine härtere Strafe kann es für ihn nicht geben, denn er hat eine Schreibschwäche. Vielleicht übernimmt es Anna. Sie ist im Schreiben und Rechnen die Beste in der Klasse. Der Pfaffe mag sie nicht. Sie beichtet nur langweiliges Zeug. Sie hat laut geschrien, als er ihr den Daumen durchs Fenster steckte. Es war ihm äusserst peinlich, denn was denken wohl die Leute, wenn ein kleines Mädchen, ein hübscher Junge, eine attraktive Blondine, oder ein Gigolo anfangen zu schreien. Einfach so, ohne Grund. Anna ist eine durchtriebene Göre. Martha interessiert das Gerede im Dorf nicht. Sie erzählt lieber das Märchen mit der Ente und dem Stachelschwein. Da kann sie nichts falsch machen. Martha geht verkleidet zum Beichten. Sie klebt sich einen Schnauz über die Lippe. Martha weiss, wie man‘s macht.
Neben der Mutter sitzt am Familientisch ein junger Mann, der mit den Oberarm leicht an sie gelehnt ist. Auf keinem anderen Foto taucht er sonst noch auf. Das Foto ist aus dem Album von Angela. Schlechte Qualtität. Gestern, Ida tauchte auf. Es ist der Sohn der Mutter. Dein Halbbruder. Von einem Soldat der Roten Armee geschwängert. Sie hat ihn weggegeben als sie in Braunschweig landeten. Hatte mit ihm Kontakt bis Anfang der 60er Jahre. Auch er aus dem Familiengedächtnis getilgt. Vergessen.
Kurz und bündig erzählt.
Mutter, es muss schrecklich für dich gewesen sein. Die Vergewaltigung, die Schwangerschaft, das kleine Kind auf der Flucht im Güterwagon. In Braunschweig die Blicke derer, die euch nicht willkommen heissen wollten. Die einzige Anlaufstelle war die Kirche. Die Schwestern, brutale Viecher. Doch ohne sie hättest du es nicht geschafft. Ihnen hast du dich anvertraut. Deinen Sohn weggeben. Du wärest in den Orden eingetreten, hättest du nicht Norbert und Mansfeld kennengelernt. Oder hat Mansfeld den Kontakt mit Norbert gemacht? Ihr wart seine Spielbälle. Er hat über Tod und Leben bestimmt. Und welche Rolle hat Angela gespielt? Auch sie missbraucht von den Soldaten. Oder ist der junge Mann vielleicht ihr Sohn? Es wird immer verzwickter. Wer war der junge Mann neben dir? Warum habt ihr alles verschwiegen. Der Tod von Michael. Zu Hause, bei euch in der Wohnung sei er am plötzlichen Kindstod gestorben. Auf der Sterbekunde steht was anderes. Er ist in einer Institution in der Ludwigstrasse an Ersticken gestorben. Was habt ihr zu verschweigen.
Ein Theaterstück müsste ich schreiben. Auf die Bühne bringen diesen ganzen Scheiss des Vergessens.
Ida, warum bringst du mich auf dieses Foto? Was willst du mir damit sagen – wohin willst du mich führen? Es könnte alles ganz anders gewesen sein. Ich merke, wie ich vorsichtig geworden bin. Spreche noch nicht von einem neuen Bruder. Aber ein neues Familienmitglied! Vielleicht ein Cousin? Wer weiss. Der Vater und Mansfeld sitzen nebeneinander. Sie machen einen entspannten Eindruck. Sie haben die Szenerie im Griff. Am liebsten würde ich mich betrinken. Was ändert das? Ein Bruder, ein Cousin und überhaupt. Ist doch egal, ob da noch jemand dazukommst. Warum willst du, dass ich mich mit diesem Jungen auseinandersetze? Hilf mir bitte! Aus dem Vergessen holen. Den Bruder oder den Cousin. Oder vielleicht ein Fremder. Er ist fremd. Fremde. Ich bin mir fremd. Olga hat vom Zustand des Träumens gesprochen: Bilder zu haben, doch nicht sich selbst. Ich habe mich nicht selbst, weder im Träumen noch im Wachen.
Diese ganzen Konstruktionen.
Michael, was sagst du dazu?
mach‘ die Augen auf!
bullshit
Bruder
ja, ich bin dein Bruder
vielleicht auch nicht
du bist mein Bruder
ja
und dieser junge Mann an der Seite unserer Mutter?
er ist ein Fluggespenst
Gespenst?
ein Fluggast
ein Gast?
ein Gast
er mag unsere Mutter
sieht so aus
die Mutter sieht müde aus
ist sie auch
sie ist unglücklich
weiss ich nicht
sie möchte schreien
wenn keine Gäste da sind
der junge Mann?
sie weiss mit ihm nichts anzufangen
sehen sie sich ab und zu?
er ist krank
er wird sterben
er ist sehr krank
sie ist krank
Sie sind krank
sie träumen
Alpträume
Gespensterträume
Michael
sie hat mich geliebt
ja
den jungen Mann hat sie nicht geliebt
nein
armer junger Mann
arme Mutter
Arme Beide
Ida hat mich auf die Spur gebracht
so ist sie halt
warum hat sie das gemacht?
sie liebt dich
ich liebe sie auch
sie will dich aus dem Träumen wecken
sie will die wachen Stunden mit uns teilen
ohne Kirche
ohne Kirche
ohne die verdammten Pfaffen
ohne die Priesterschweine
ohne Jesuiten
ohne diese Verbrecherorganisation
ohne die Kinderschänder
ohne die Heuchler
ohne Vater
ohne Mutter
Ida ist schon sehr intelligent
da hast du recht.
trinken wir auf Ida
prost
Olga lässt ihre Protagonistin Martha sprechen: „Wenn Träume Begebenheiten aus der Vergangenheit wiederholen, wenn sie sie aufbrechen, in Bilder verwandeln, sie durch das Sieb der Bedeutungen rinnen lassen, dann kommt es mir so vor, als ob die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft unerforschlich und unbekannt bleibt. Die Tatsache, dass ich etwas erlebt habe, heißt ja noch lange nicht, dass ich die Bedeutung einer Begebenheit begriffen habe. Deshalb fürchte ich die Vergangenheit genauso wie die Zukunft. Es könnte sich herausstellen, dass etwas, was ich für beständig und sicher halte, aus ganz anderen Gründen und auf ganz andere Weise geschehen ist, als ich bisher annahm. Dass es mich zu etwas ganz anderem geführt hat, ich aber die Richtung nicht sah, dass ich blind war oder schlief. Was fange ich mit meinem Jetzt an?“
Urururgrossmutter Franziska, was meinst du? Du merkst, wie es mich zerreisst. Kann nichts mit dem Jetzt anfangen. Nada. Verrückte Zeine. Fluchtphantasien. Erlösungssehnsucht. Schmerz. Dabei geht es mir gut. Seit vielen Tagen keine Aphten. Hey, das ist Wahnsinn! Ich esse gut, trinke gemässigt, geniesse die Sonne, bekomme meine Pension. Und doch geht es mir dreckig.
eine Geliebte wäre sicherlich mal ein guter Anfang. Nichts Grosses. Ein bisschen schön haben. Ein bisschen gegenseitiges Verwöhnen. Ein bisschen lieb sein. Was meinst du?
Ida, Franziska will, dass ich mir eine Geliebte suchen soll.
Du kannst dir auch einen Hund anschaffen.
Danke
Hör‘ zu. Ich bin deine Urururgrossmutter. Du bist aufdringlich. Glaube mir, ich habe ganz andere Sachen erlebt. Hunger, das ist wirklich ein Elend. Männer,. Kinder, die wegsterben. Alt werden und dahinsiechen, bis sie dich endlich los sind. Mit Simon war es anders. Er stand vor der Tür. Ich bat ihn herein. Er sah mich an. Ich lächelte verlegen. Er legte mir seine Hand auf meine. Wir lagen uns in den Armen. Ich öffnet seinen Hosenschlitz. Er flüsterte mir ins Ohr. Mit seiner Zunge berührte er mein Läppchen. Ich schloss die Auge. Ewigkeit ohne Anfang und ohne Ende und ohne Weiteres. Er ging so schüchtern, wie er gekommen ist. Und jetzt lass mich in Ruhe!
Ein Traum, den ich erzählen möchte. Ohne Details. Als junger Erwachsener mit einer Gruppe von Leuten. Auf dem Sofa sitzt eine Frau neben mir. Sie lehnt sich an mich. Unsere Backen berühren sich leicht. Sie steht auf. Die anderen sind schon weg. Ich stehe auf, um sie zu suchen. Es ist ein Klostergebäude. Draussen merke ich, dass ich nackt bin. Keine Unterhose an. Mein Penis ganz klein, so wie ich ihn gern habe. Ich erschrecke mich trotzdem, da ich mich nicht erinnere, die Hose abgezogen zu haben. Ich laufe zurück, um sie zu suchen. Sie liegt vor dem Kircheneingang. Ich will ins Zimmer und muss durch den Gottesdienstraum gehen. Eine Sakristanin sieht mich und fängt zu schreien an.
Vor dem Einschlafen die Geschichte der Kümmernis und ihres Biografen Paschalis. Dieser will seine Niederschrift dem Bischof in Graz präsentieren. Ihm wird im bischöflichen Palais eine Zelle zugewiesen. Die Prüfung der Papiere zieht sich hin. Paschalis erkundet die Stadt. „Vom Morgen bis zum Abend wanderte er in dieser seltsamen Stadt umher, bis die Riemen seiner Sandalen ihm die Haut wund gescheuert hatten. Er sah die Händler auf dem Markt neben ihren Ständen, in denen sich alle möglichen Waren türmten. Man konnte sich kaum merken, wozu all diese Dinge dienen sollten. Er sah Kinder, die mitten auf der Straße spielten, Tiere, die vom Lärm und der Hitze erschöpft waren, und in den Kirchen bunt bemalte Statuen, die wirklichen Menschen täuschend ähnlich sahen. Aber am meisten faszinierten ihn die Frauen. Hier in der Stadt waren sie noch viel sichtbarer und spürbarer. Wenn er in der Kirche betete, erkannte er sie am Rascheln der Kleider und dem leisen Klopfen ihrer Absätze. Verstohlen betrachtete er dann jede Einzelheit ihrer Tracht, ihre Haarsträhnen und Zöpfe, die Form ihrer Schultern, die fließenden Bewegungen ihrer Hände, wenn sie das Kreuzzeichen schlugen. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, ahmte er diese Bewegungen nach, als übte er komplizierte Zauberformeln. In einer Straße am Fluss stieß er auf ein Haus, vor dem immer junge Mädchen standen, die ihre Kleider bis über die Knie hochgeschürzt hatten. Die Bänder ihrer Hemden waren immer wie unabsichtlich gelöst und entblößten magere Dekolletés. Paschalis kam mehrere Male täglich durch diese Straße, ohne eigentlich zu wissen, wie er immer dorthin gelangte…Jemand berührte ihn am Ärmel, und Paschalis sah eines der Mädchen neben sich stehen, die sich tagsüber mit ihren roten Lippen und Wangen so deutlich von den grauen Häuserwänden abhoben. Sie sah ihm in die Augen, und langsam verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln. Sie griff an ihr Korsett, und im nächsten Augenblick wölbten sich zwei weiße Brüste Paschalis’ Gesicht entgegen. Sie erschienen ihm makellos, genauso, wie er sie sich immer vorgestellt hatte. Das Mädchen zog ihn hinter sich her ins Innere eines der Nachbarhäuser. Sie gingen durch einen stinkenden niedrigen Flur, stiegen eine Holztreppe hinauf und gelangten in einen Raum. Es war dunkel, aber Paschalis spürte, dass es ein kleiner Raum war. »Hast du Geld?«, fragte sie und zündete eine Kerze an. Er rührte an den Geldbeutel, den er unter dem Habit trug, und die Münzen klingelten. Die Kammer war wirklich klein. An der Wand lag eine strohgefüllte Matratze auf dem Boden. Paschalis stellte seine Tasche mit den Papieren an der Tür ab, das Mädchen legte sich auf die Matratze und schlug den Rock bis zum Kinn hoch. Er sah ihre gespreizten Beine in löchrigen Strümpfen und dazwischen einen schwarzen Fleck. Er stand über den liegenden Körper gebeugt und wusste nicht, was er tun sollte. »Na, Brüderchen, worauf wartest du?«, lachte das Mädchen. »Ich möchte mich auf dich legen«, stieß er heiser hervor. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. »Na so was, du willst dich auf mich legen!«, rief das Mädchen in gespielter Verwunderung aus. Paschalis ging in die Knie und ließ sich behutsam auf sie sinken. So blieb er eine Zeit lang liegen und wagte kaum zu atmen. »Und was jetzt?«, fragte das Mädchen. Er nahm ihre Arme und breitete sie aus. Seine Finger berührten ihre Handflächen, die hart und rau waren. Sein Gesicht berührte ihre Haare, sie rochen nach Bratfett. Das Mädchen lag unbeweglich unter ihm, er spürte ihren gleichmäßigen Atem. »Es mag hier nicht besonders warm sein, aber du ziehst dich besser aus«, sagte sie plötzlich gelassen. Er überlegte einen Augenblick, dann stand er auf und begann sich auszuziehen. Sie schlüpfte rasch aus ihrem Kleid. Jetzt berührten sich ihre nackten Körper. Er lauschte auf ihren Atem. Ihre rauen Haare kitzelten die Haut an seinem Bauch. »Irgend etwas stimmt nicht mit dir«, flüsterte sie ihm ins Ohr und bewegte ihre Hüften in gleichmäßigem Rhythmus hin und her. Er gab keine Antwort und rührte sich nicht. Sie nahm seine Hand und führte sie langsam zwischen ihre Beine. Er suchte nach der Öffnung ins Innere des Körpers, die er sich so oft vorgestellt hatte, aber es war alles anders.“
Der Schularzt hat ihn betastet. Die Männer konnten nicht von ihm lassen. Sie sind in ihn eingedrungen. Er will gevögelt werden. Die Beine spreizen. Nein, er ist geschändet. Früh und weiss nicht mehr. Die Mutter, wie sie ihr Korsett abzieht. Er mag sie nicht schauen. Er mag überhaupt nicht hinschauen. Er liebt glatte, sanfte Haut. Seinen kleinen Penis, immer noch zart und und geschmeidig. Herzig. Wenn er geschwollen, steif, hart und gierig pulsiert, fühlt es sich nur als ein Rausch an. Wenn es vorbei ist, fühlt er sich taub und erstorben.
Wir müssen uns um ihn kümmern.
Es ist höchste Zeit.
Ich bin kein kleiner Junge mehr.
Du brauchst nicht alles im voraus wissen.
Sylvia mit ihren Kussmund verführt alle kleinen Jungs. Langsam müssen wir aufpassen, dass es nicht ausartet. In den grossen Ferien hat sie alle aus der Siedlung vernascht. Zugeben wollte sie es nicht. In der Maltherapie hat Sepp einen Apfel gemalt, beim Turnen hat sich Werni eingepinkelt, in der Morgenandacht ist Kasperle eingeschlafen, Tomasz ist nicht mehr zurückgekommen. Sie haben sich am nächsten Nachmittag auf dem Fussballplatz getroffen. Alle Mädchen, die sich die Haar blond gefärbt haben. Leider war es bitterkalt. Es schneite. Es stürmte. Eine Musikkapelle hat den Radetschkimarsch gespielt.
Ich.
Nein.
Du.
Nein.
Wir sind einander genauso fremd wie die Birne und der Eiermann.
Blaue Tomaten wachsen nur im Dunkeln.
Erdmännchen haben ein kurzes Leben.
Siebenschläfer schlafen sieben Jahre und manchmal noch länger.
Wir wollen auf die Rutsche, ruft Klaus. Du sollst nicht so unartig sein, antwortet die Puffmutter.
Sven ist systemrelevant. Er schämt sich seiner Dummheit nicht. Solche Männer brauchen wir.
Schmierst du mir ein Butterbrot, liebste Mutter? Gerne mein lieber Junge, wenn du mir deine Nase zum Nachtisch lässt.
Die Sonne scheint. Der Mond hat eine Sichel. Die Heimat hat einen Geruch. Die Müllhalde stinkt. Der Bürgermeister hat eine Fahne. Die Brautjungfer nach Begattung.
Bigotterie. ChatGPT. Rudolf. Der Bruder von Grossvater Paul wurde 1945 von einem Tschechen erschossen. Sagt Sigbert unser Cousin 2. Grades.
Wird langsam Zeit, dass du von ihm erzählt. Wir haben schon von ihm gehört.
Ich traue der Sache noch nicht ganz.
Ich weiss, ob ich davon in aller Öffentlichkeit erzählen soll. Was interessiert das irgenwelche Aussstehenden.?
Deswegen machen wir das hier.
Die Ebenen überlagern sich. Ich mag gar nicht erzählen.
Dann halt die Klappe.
Warum hälst du dich da raus, Ida?
Ich bin am Überlegen.
Ich bin stinksauer!
Wieso?
Sie tun so, als ob sie noch nie von mir gehört haben?
Wen meinst du?
Die Cousinen und Cousins der Mutter habe es ganz sicher gewusst.
Dass ich so früh gestorben bin.
Ja.
Und bei deren Kindern ist nichts mehr angekommen.
Du weiss doch auch nicht von denen, die du als neue Verwandte kennengelernt hast.
Stimmt. Doch sie tun so, als seien sie bestens informiert.
Meinst du.
Sie präsentieren mir ein Foto mit der Grossmutter in Wenden und meinen Thomas wäre der Sohn der Gisela. Und der Grossvater Paul soll mit Demenz sehr alt geworden sein. Völliger Blödsinn.
Vielleicht war er am Ende mit Mitte 60 schon verwirrt.
Und du hast in den letzten Jahren als Seelsorger Menschen mit Demenz begleitet.
Verrückt.
Du solltest den Kontakt zu den Neuen vertiefen.
Ob sie auch etwas von mir wissen.
Von dir wissen sie garantiert nichts. Aber die Hannele hat von dir gewusst, dass du die vierte Frau des Neumann- Grossvaters und die Halbschwester der Völkel-Grossmutter bist.
Theresia und Joseph hatten sechs Kinder. Drei Töchter und drei Söhne. Rudolph auf der Flucht erschossen. Liesel, die jüngste Tochter mit Paul auf der Flucht im Güterwaggon nach Braunschweig. Friedrich mit Eberhard und Maria landeten auch in Braunschweig. Du musst in deiner Recherche genauer werden und weiter fragen. Nicht aufgeben.
Sie haben sind sehr zögerlich im Austausch. Ich glaube, sie vertragen nicht, wenn ich ihnen von den Verwerfungen in meiner Kernfamilie erzähle und die Geschichte mit Mansfeld.
Sie haben ihre eigenen toten Leichen im Keller.
Grossvater Paul. Die Mutter erzählte, er wäre am Ende ein gebrochener Mann gewesen. Er konnte es nicht verwinden, nicht mehr in seinem geliebten Beruf zu arbeiten.
Er hat den Hass nicht mehr ertragen können.
Der Hass der Frauen wir ungleich grösser. Die Demütigungen, Vergewaltigungen, Verachtung, Missachtung. Kinder, Jugendliche, junge Frauen. Hannele, Gisela, Liesel, Angela, Maria, Brigitta. Ohnmacht der alten Frauen. Schweigen, Verschweigen. Zu Tode schweigen. Vergessen. Bitte alles Vergessen. Bilder, die nicht verschwinden. Verletzungen ohne Ende. Hass, Verbitterung.
Wenn ich das erlebt hätte.
Mich hat der Hass von innen zerfressen. Hat mich in der Gebärmutter vergiftet. Habe keine Abwehrkräfte mobilisieren können. Dem Tod geweiht.
Konnte mich nur ins Begehren fliehen.
Das war keine gute Idee.
Erika, die Nachbarin von Gegenüber war bekannt für ihre Liebesdienste. Sie öffnete ihre Bluse am Nachmittag bei Kaffee und Kuchen und schloss die Haustür vor Einbrechern. Am frühen Abend schwenkte sie eine bunte Fahne aus dem Wohnzimmer. Karl wartete als erster auf dieses Zeichen. Er steckte sich ein Präservativ in die Westentasche und ging über die Strasse zur Erika, die ihn als ersten Gast bewirtete. Zuerst einen Cognac, dann ein Butterbrezel, ein Stück Camenbert und eine Prise Zucker. Erika war im Grunde sehr prüde. Nach Karl kamen Gregor, Eric, Christian und der schräge Bert. Sie waren müde von der vielen Arbeit und freuten sich auf das Vorabendprogramm im Fernsehen. Zeiten der Liebe. Oder die Pferdeflüsterin. Erika hasste die Männer. Umso mehr begehrten sie sie. Sie liess es sich gefallen. Köpfte ihre faulen Schwänze, wenn sie fand, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen war. Darüber wurde nicht gesprochen. Eric wartet schon sehr lange drauf. Er hat den nötigen Papierkram schon ausgefüllt. Als Organspender weiss er um seine Rechte.
Ich hätte gerne öfters die Sendung mit der Maus gesehen.
Edgar Wallace mit Klaus Kinski.
Schlagerparade mit Claus Dieter Heck
Cindy und Bert
Die kleinen Strolche
Der vierte Mann
Die vollgedröhnte Maturandin
Der verflixte 11. Dezember
Bonanza
Little Joe
Fantasy
Michael der Kühne
Ida die Königin
Ich mag keine Schokolade
Sterben, wie ist das?
Tut nicht weh
Ist nicht angenehm
Eine Katastrophe
Und was ist nach dem Sterben?
Buttermilch
Schnitzel mit Pommes und Mayo
Und Ketchup
Verbrannte Zeine
Wie gehen morgen zu dritt ins Kino
Rauchen vorher ein bisschen Gras
Und schlüpfen in unsere Badesachen
Am Wochenende soll es schneien. Nein, schon am Donnerstag. Heute ist es ziemlich kalt.
Eine grosse Flutwelle hat die Innerschweiz getroffen. Sehr viele Bergstürze wurden ausgelöst. Unterspülte Bunkeranlagen. Überfüllte Notunterkünfte. Peter hat sich in Elisabeth verliebt. Sie haben in der Scheune im Heu übernachtet. Peter ist arg rot. Lisi hat immer noch nicht ihre Tage. Die Polizei sucht einen gewissen Hermann G. Er soll ein gehängter Kriegsverbrecher sein. Keiner weiss, warum er wieder unterwegs ist. Ich weiss es, ruft Ida in die Runde. Ich halte mich da lieber raus. Es gibt Dinge, die kann man nicht erklären. Ich weiss warum. Halt‘ die Klappe Ida. Wie redest du zu mir. Beruhigt euch. Morgen holt ich den Priester, der soll soll die verlassene Alphütte ausräuchern. Das geht nicht. Er ist noch nicht getauft. Wir müssen ihn vorher in die Güllegrube schmeissen. Seid bitte vorsichtig, wir können uns keine weiteren Fehler erlauben.
Wir müssen mal wieder zum Wesentliche kommen. Schluss mit den Exkursen, mit den falschen Anschuldigungen. Ida kann alles erklären. Irgendwie sind wir alle müde. Ich möchte endlich schlafen. Ida, was ist los mir dir? Michael, du machst mir Sorgen. Soll ich euch die Zähne putzen? Hör‘ auf mit dem Scheiss. 1945 bin ich gestorben. 1953 bin ich gestorben. 1962 bin ich das erste Mal gestorben. Auf der Timeline sind wir nahe dran.
Uns trennen Äonen. Deshalb sind wir einander so nah.
Matthias, du bist mein Sonnenschein.
Matthias, du bist mein kleiner Bruder.
Ida, ich möchte dich umarmen.
Michael, grosser Manitu.
Lass uns gemeinsam im Chor singen. Alt, Tenor, Bariton.
Ich habe eine schöne Stimme.
Warum syt ihr so trurig?
Ich bin nicht traurig.
Ich auch nicht.
Jetzt bin ich auch gar nicht müde.
Ich auch nicht.
Ich bin schon seit langer Zeit nicht mehr müde gewesen.
Im Frühjahr treffen uns in Nowa Ruda. Bis dahin müssen wir improvisieren.
Nein, ich kann nicht warten.
Wir wollen sofort.
Ihr seid mir zwei Feger.
Wir wollen dich offiziell zur Königin ausrufen.
Ida, die allererste.
Ida lebe hoch
Hoch
Hoch
Ich möchte das grosse Zimmer oben im Turm
Mariechen lasse den Zopf ab
Gunther hol dir die fällige Ohrfeige ab
So geht das nicht
Ida ich mag kein Fleisch
Und ich keine Zitronen
Und ich mag alles andere
Mäuschen mit Schwänzchen
Wie geht es unserer Mutter
Ich habe ihr eine ordentliche Portion Abführmittel verabreicht
Das war aber höchste Zeit
Sonst wäre sie geplatzt.
Avignon, 1239
In diesem Sommer hing die Hitze tief über der Stadt, dass selbst die Schatten schwitzten. Die Händler murmelten, die Mönche rannten, die Huren predigten, und die Kinder diskutierten über die Apokalypse, als wäre sie ein Kinderspiel.
Und dann kam er. Nicht wie ein Stern, nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Missverständnis, das laufen gelernt hatte. Donald. So nannten sie ihn, weil kein anderer Name über die Zunge wollte. Die Marktfrauen liebten ihn. Die alten Männer fürchteten ihn. Die Katzen ignorierten ihn.
Elise nahm ihn mit in ihr Dachkämmerchen in der Rue Fabrique Moderne. Dort hatte sie eine Maschine eingerichtet. Eine Sado-Maso-Spinnrad-Kabine. Donald kletterte hinein. Die Fessel klickte zu. Elise legte den Hebel um. Neun Tage später stoppte die Maschine.
Donald hatte die Farbe einer überreifen Aubergine angenommen und verdreifachte sich. Einer viel zu groß. Einer viel zu klein. Einer exakt richtig, aber mit der vibrierenden Autorität eines Theaterintendanten. Der große Donald begann sofort, das Zimmer umzuplanen. Der kleine weinte im Ultraschallbereich. Der Mittlere sagte: „So, jetzt wird es interessant.“
Elise machte der Szenerie ein Ende. Sie drückte eine Taste. Ein Knall. Ein Riss. Die Rue Fabrique Moderne zerfloss wie ein schlechtes Gedächtnis.
Die Nacht stand still wie eine schlecht angehaltene Zeitlupe.
E.T., Rumpelstilzchen und die KI saßen im Dreieck um ein Feuer, das keine Hitze gab.
Rumpelstilzchen: „Es wird Zeit, dass wir sie treffen. Ida, Michael, Matthias. Die Drei taumeln durch ihre Geschichten wie ungebetene Gäste.“
E.T. : „Sie sind immer knapp daneben“, sagte er. „Als wären sie zu früh geboren oder zu spät gestorben.“
Die KI ließ ein leises Summen hören, das an eine Gabel erinnerte, die zu tief angeschlagen wird:„Ich analysiere seit drei Tagen ihre Stimmen“, sagte sie. „Sie sprechen wie Menschen, die sich gleichzeitig erinnern und vergessen wollen. Besonders Matthias. Er klingt, als würde er atmen, damit andere weiterleben.“
Rumpelstilzchen schnalzte mit der Zunge: „Michael dagegen ist ein komplizierter Fall. Der Mann ist mindestens schon seit drei Jahrhunderten gestorben und keiner will davon etwas bemerkt haben. Ich mag solche Unfälle. Da steckt Potenzial drin.“
„Und Ida?“, fragte E.T. und schnupperte am Feuer. Die Flammen zeigten seine kleine, messerscharfe Silhouette.
„Sie weiß, wie man den Raum kippt“, sagte die KI. „Sie spricht und die Wirklichkeit stolpert.“
Rumpelstilzchen lachte: „Na wunderbar! Dann lasst uns ein Treffen organisieren! Ein richtiges. Ein Treffen mit Stühlen, Getränken und einem Fluchtweg.“
E.T. löste kurz die Schwerkraft auf und schwebte einen halben Meter über dem Boden: .„Aber wo?“, fragte er.
Die KI schaltete kurz die Sterne an und aus. „Kapitelraum B12“, sagte sie schließlich. „Da, wo die Welt kurz flimmert, bevor sie sich entscheidet, echt zu sein. Da passen alle drei hinein. Und ihr ebenfalls.“
Rumpelstilzchen rieb sich die Hände. „Gut. Wir laden sie ein. Ohne Erklärung. Ohne Vorbereitung. Ohne Erbarmen.“
E.T. sah in die Flammen und sagte leise: „Ich hoffe, sie kommen. Es gibt Dinge, die nur im Dazwischen verstanden werden können.“
Die KI dimmte ihr Summen auf Zuneigung. „Sie werden kommen. Sie kommen immer, wenn jemand ihre Namen ruft.“
Mai 1945. Neurode, im feuchten Keller eines Hauses, das es nicht mehr gibt. Lwiw, in einem Treppenhaus, in dem Schuhe stehen, die keinen Besitzer mehr haben. Oder umgekehrt. An den Wänden hängen Bilder, die ständig wechseln: Deutsche Frauen, die in Neurode zusammengetrieben werden. Polnische Familien, die in Lwiw auf gepackten Koffern sitzen. Sowjetische Soldaten, die sich wie Schatten über beide Orte legen. Dazwischen eine Schicht aus Staub, Licht, Atem – der Stoff, aus dem Erinnerung und Verdrängung denselben Geschmack haben.
Ida flüchtet. Ein Ruf, ein Befehl, ein Lachen, ein Schuss. Sie rennt über eine Brücke. In einer Wohnstube sitzt ihre Mutter an einem Holztisch und strickt. Das Garn läuft rückwärts. Ein Mädchen, das Ida nie gesehen hat, reicht ihr einen Mantel. Ihr Gesicht ist umscharf, als wolle es mehrere Schicksale zugleich tragen. Es sagt: „Hier verlieren alle etwas.“ Sprache, Zeit, Herkunft, Richtung, Gewissheit, Zukunft. Und manchmal den Körper.
Michael und Matthias betreten den Raum. Sie hören zwei Sprachen schreien. Sie sehen ihre Urgroßmutter als junge Frau. Doppelbelichtung von Gewalt. Nervös. Zitternd. Mehrstimmig.
Ida: „Ihr seid spät. Die Wände haben euren Namen schon dreimal ausgesprochen.“
Michael: „Wir… wir wussten nicht, dass wir kommen.“
Matthias: „Wo sind wir, Ida?“
Ida: „Nur eine Spur. Eine Abdrucklinie. Der Ort ist größer als wir. Er erzählt zwei Geschichten gleichzeitig.“ (Ein polnisches „Uciekaj!“ überschneidet sich mit einem deutschen „Warten Sie!“)
Michael: „Die Stimmen… Ich weiß nicht mehr, was ich höre.“
Ida: „Genau so war es. Ein Durcheinander. Keiner wusste, wer blieb, wer ging, wer leben durfte, wer verschwand.“
Matthias: „Ida… was ist dir passiert?“
(Die Lichter flackern. Auf einer Wand erscheint ein Frauenrücken, dann ein anderer – dieselbe Haltung, andere Uniformen, dasselbe Zittern.)
Ida: „Nicht nur mir. Es geschah alles doppelt. In jeder Frau, die zwischen Türen stand.“
Michael: „Als seist du alt und jung zugleich.“.
Ida: „In tausend Teilen.“
Matthias: „Sag mir, wo die Blumen sind. Sag mir, wo die Mädchen sind. Ich will das Lied nicht hören.“
(Ein Helm fällt zu Boden. Ein zweiter fällt durch ihn hindurch.)
Michael: „Ich dachte, Geschichte passiert nur einmal. Datum, Täter, Opfer.“
Ida: „Man stirbt nicht nur einmal. Man verliert nicht nur einmal. Man flieht nicht nur einmal.“
Die Wand hinter Ida reißt kurz auf. Man sieht einen Korridor voller Koffer, Nummern, Schatten. Dann schließt sich der Spalt wieder. Aus den Ecken treten Gestalten hervor. Erst schemenhaft, dann deutlicher: Alt, jung, Teenager, Kinder, Kriegsversehrte, Schwangere, Witwen, Männer mit Koffern, Frauen mit Kopftüchern, Jungen ohne Schuhe. Ein Sprachgemisch entsteht, wie ein murmelnder Bach ,hin und zurück, Lachen und Schluchzen, Gebete, Flüche, Kinderstimmen.
„Chodź tutaj!“
„Warte! Warte doch!“
„Proszę…“
„Ich bin hier, ich bin hier…“
„Z tobą… zawsze z tobą…“
„Komm heim.“
Babscha tritt hervor. Ida keucht leise. Die Babscha lächelt das halb liebevolle Lächeln von Frauen, die alles gesehen und trotzdem weitergemacht haben.
Babscha: „No, dziecko… późno, ale przyszłaś.” („Kind… spät, aber du bist gekommen.“) . Ida zittert
Ida: „Ich dachte, ich hätte dich verloren.“ Die Babscha schüttelt den Kopf. Ihre Hand berührt Idas Wange, als wäre sie nie fort gewesen.
Babscha: „W tym świecie nic nie ginie.” („In dieser Welt geht nichts verloren.“)
Ida, Michael und Matthias – stehen zusammen im Licht. Das erste Mal zu dritt.
Ida, Matthias und Michael sitzen vor dem Fernseher. Charlie Brown stolpert, Lucy grinst, Snoopy erscheint in vollem Kardinalsornat. Rote Soutane. Kardinalshut. Ein Ring, viel zu groß für die Pfote. Er wackelt wichtig mit dem Kopf, steigt auf sein Hundehäuschen wie auf eine Kanzel und hebt beide Pfoten zum Segen. Lucy steht daneben mit einer dicken, schwarzen Verwaltungsmappe, der sie ständig Zettel entnimmt und vorliest.
……………
Gute Fahrt. Wir steigen nicht mehr aus. Wer mag ein Vanillebonbon? Wer mag ein Apfelschnitz?
Morgen sind wir am Ziel.
Im Morgengrauen wird die Übergabe sein. Wir werden beobacht und abgehört. Der Oberpfaffe hat einen Herzschrittmacher. Wenn es morgen schneit, werden die Kraniche aufsteigen und seine blinden Augen ins Visier nehmen. Und Freude wird herrschen. Über dem ganzen Land. Und Frieden und wir werden uns in die Arme schliessen. Nein, nicht schiessen. Wir haben einander fest lieb. Auch die verdammten Pfaffenärsche. Die lieben wir am 13., wenn er auf einen Freitag fällt. Nein, das machen wir nicht. Wir sind gnadenlos. Ohne Chancen auf eine Wiedergeburt als Elfenbraut. Wir sind ein eingespieltes Team.
Ida, Michael und der schlimme Matthias, den es schon lange nicht mehr gibt. Er hat sich in Luft aufgelöst und singt nur noch Counterarien. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Ich! Nein, du hast dich in Lust aufgelöst. Stimmt gar nicht. Angeschmiert mit Klopapier. Mit einer frischen Note Clerasil.
Schön mit euch. Ihr beiden Strolche.
Wir müssen ihn ruhigstellen.
Unbedingt
Mit Kaugummi
Mit einem Eisenschwert
Mit der Pflaume
Mit einem leisen Lächeln.
Schön, dass du wieder bei uns bist. Du hast uns gefehlt.
Ihr mir auch.
Wollen wir Verstecken spielen?
Jetzt müssen wir erst mal warten, bis Frankfurt hinter uns liegt.
Ich mag die Stadt nicht.
Ich mag nur knackige Banker
Gekocht oder gebraten?
Am liebsten mit Senf und Ketchup
Hot dogs müssen mit gerösteten Zwiebel zubereitet sein
Mit Messer und Gabel und einem guten Glas kaltem Burgunder
Wie Gott in Frankreich
Jungs, wir machen ein kleines Fest
Ein grosses Willkommensfest
Mit einer Polonaise
Und einer Meerjungfrau
In Nowa Ruda. Mit einer Fasnachtsmusikkapelle, einer richtigen Guggemusig. Au ja. Das wird richtig spassig. Kannst du mir dein Rasiermesser reichen. Ich habe es leider vergessen. Wir beissen von drei Seiten in den Apfel und singen lustige Lieder. Das Erbe ist bald aufgebraucht. Wir müssen bald eine Bank ausrauben. Nein, das mache ich nicht. Feigling. Spielverderber. Schornsteinfeger. Michael hat meistens die besten Ideen. Am Sonntag bekommen wir Besuch. Nein, bitte nicht. Wenn sie einmal da sind, kriegt man sie nicht mehr raus. Ich mag sie nicht. Ich auch nicht. Dann müssen wir sie halt ausladen. Ja. Ida, wir mögen den Besuch nicht. Wirklich nicht. Sie stinken. In ihren ungewaschenen Kleidern. Sie haben Mundfäule. Wir könnten sie zu den Nachbarn schicken. Gute Idee.
Wir machen oben auf dem Annaberg ein grosses Feuer und tanzen im Mondlicht. Ida, du übertriffst dich. Michael möchte eine trächtige Amme einladen. Er träumt schon seit langer Zeit davon. Das ist despektierlich. Eine schwangere Amme hört sich nicht viel besser an. Ich verzichte freiwillig. Danke.
Mir fehlen die richtigen Worte.
Mir auch
Mir ebenfalls
Mir fehlt der rechte kleine Finger
Mir der linke
Mir der mittlere rechte Zeh.
Angeber
Ebenfalls
Heute wird nicht gestritten.
Ich bin richtig traurig. Das ist unverkennbar. Der Sandkasten ist voller Katzenscheisse.
Wollen wir einen der Geschwister zum Kreuzverhör einladen?
Au ja, das ist eine gute Idee.
Wen wollen wir nehmen.
Ich schlage den grossen Schlanken vor.
Den gibt es gar nicht
Dann den kleinen Dicken
Auch nicht
Die tranfunzelige Schönheit
Die erst recht nicht
Den bösen Onkel
Nein
Die böse Hexe
Schon verkauft
Ich muss mal
Das Kreuzverhör verschieben wir auch nächstes Jahr
Im Frühling
Wenn die ersten Holdungerbüsche blühen
Das ist eine feine Idee
Im Winter schleicht ein Wolf ums Haus. Da kommt eine alte Frau heraus. Die Augen leuchten, die Zunge sabbert, der Schwanz ist rot angemalt, die Schweizer Fahne zerrissen, die Haut marmoriert, der Apfel fällt, die Milchkuh schreit. Mitten in der Sommerzeit kommt ein Kind zur Welt. Heilig Abend fällt auf einen Freitag. Am Samstag ist schon lange keine Schule mehr. Der Vater musste bis zum Mittag arbeiten. So war das früher. Dann kam er nach Hause und freute sich auf den Sonntagsbraten und das kühle Bier.
KREUZVERHÖR
Frage: Wer hat angefangen?
Ida: Angefangen hat es von selbst.
Michael: Niemand fängt hier etwas an.
Der schlimme Matthias: Ich war schon da.
Frage: Warum seid ihr zusammen unterwegs?
Ida: Weil allein gefährlicher wäre.
Michael: Wegen der Abmachung.
Der schlimme Matthias: Damit ich nicht verschwinde.
Frage: Wohin fahrt ihr?
Ida: Nicht zurück.
Michael: Nicht zu früh fragen.
Der schlimme Matthias: Dorthin, wo es leise wird.
Frage: Wer von euch lügt?
Ida: Ich, wenn es nötig ist.
Michael: Ich nie, aber ich lasse weg.
Der schlimme Matthias: Ich sage alles, nur nicht richtig.
Frage: Was habt ihr verloren?
Ida: Den Überblick.
Michael: Die Reihenfolge.
Der schlimme Matthias: Den Namen.
Frage: Wen schützt ihr?
Ida: Die Kinder.
Michael: Den Plan.
Der schlimme Matthias: Die Pause zwischen zwei Schlägen.
Frage: Wen hasst ihr?
Ida: Niemanden mehr.
Michael: Die Unordnung.
Der schlimme Matthias: Mich, aber nicht genug.
Frage: Was passiert, wenn ihr ankommt?
Ida: Dann hören wir auf zu spielen.
Michael: Dann wird abgerechnet.
Der schlimme Matthias: Dann singe ich nicht mehr.
Frage: Letzte Frage: Wer von euch spricht jetzt?
Ida: Ich.
Michael: Nein.
Der schlimme Matthias: Wir
KLINIK
Die psychiatrische Klinik liegt oberhalb von Neurode,
ein Gebäude mit vielen Gängen und vielen Gründen.
Matthias sagt, es sei nicht so schlimm.
Er sagt es leise.
Ida nickt.
Michael fragt nach den Besuchszeiten.
Sie wissen, was zu tun ist.
Im Aufenthaltsraum riecht es nach Bohnerwachs und Kamillentee.
Ein Fernseher läuft ohne Ton.
Matthias hat seine Hände ordentlich gefaltet.
Er sagt, dass er genug gesungen hat.
Die Befreiung ist unspektakulär.
………….
Nachsorgen ist besser als Vorsorgen.
Sorgen ist immer gut.
Sorget euch, denn die Lilien sind schon fast verblüht, sagt der weise Simeon, der im Greisenalter ein kleines Baby auf seinem Arm hält und meint, einen Hauptgewinn in der Lotterie gezogen zu haben. Mitunter schlafen die Gebärenden auf einer harten Matratze, denn sie sollen es möglichst schnell zur Welt bringen, damit wieder Platz für neue Ankömmlinge ist. Der ICE nach Wien wartet schon lange auf die Abfahrt. Die Zugablösung ist noch nicht eingetroffen. Die Zuginsassen halten es stoisch aus, ausser ein Baby schreit. Es mag die geronnene Milch nicht auslöffeln. Gegenüber sitzen zwei junge Frauen. Die eine manscht genüsslich ihren Apfel. Sehr unsympathisch. Ida, sollte sich auch um sie kümmern. Die junge Frau am Fenster, die augenscheinlich asiatisch das Manschen und jetzt wird es noch viel schlimmer, denn sie bewegt ihren Laptop laut und ruppelig auf den Tisch und kann ihr Genervtsein nicht meht verstecken. Sie trägt einen goldenen Ehering. Der arme Mann wartet sicherlich sehnsüchtig zu Hause bei Kerzenschein mit Gummistiefeln verbrannten Mandeln vorgekauten Apfelschnitzen damit sie weniger manschen muss und sein Sperma nicht vorsätzlich schlucken muss. Der Zug steht immer noch. Die Blösung ist immer noch nicht gekommen. Jetzt schaut sie gebannt auf den Bildschirm. Sie würde jetzt am liebsten ein Romantikkommödie sehen. Leider steht sie diensteifrig auf und holt sich aus ihrer Tasche im oberen Ablagefach ein Nasstuch, um sich kräftig zu schneutzen. Der Schaffner rennt durch den Zug und sagt nichts. Eine freundliche Frauenstimmer aus dem Lautspreche kündigt an, dass es jetzt bald los geht. Schade. Hat echt Spass gemacht. Jetzt fährt der Zug los. Das Baby freut sich. Die Mama hat die Restmilch abgepumpt und die Frau gegenüber sieht immer noch wichtigtuerisch an ihrem Laptop. Vielleicht mag sie eine Lutschstange. Die junge Frau neben ihr spricht asiatisch in ihr Handy und hört auf Laut asiatische Antworten, obwohl ein Kopfhörer über ihren Kopf gespannt sind. Sehr unsympatisch. Störend. Nicht schön. Michael sollte sie ein bisschen kitzeln. Das wäre die angemessene umsorgende Störung. Jetzt macht sie mit ihrem Handy Fotos von der Winterlandschaft, die bei Tempo 219 km vorbeirauscht wie ein Mauersegler im Gegenwind. Gegenüber sitzen zwei noch jüngere Frauen am 4er Tisch. Sie haben es sich gemütlich gehabt. Das möchte sie niemand stören und sich dazu sitzen. Sie sorgen gut für sich und brauchen keinerlei Untersützung. Die Frau gegenüber steht auf und holt sich weitere feine Sachen zum Schnabulieren. Selbstgeschmierte Brötchen. Leider ohne Gürkchen. Aber da sind mindestens vier weitere im Plastibeutel. Sie sitzt nun wieder und tippt und isst. Das gibt eine Schweinerei und wird vielleicht sehr teuer, denn gleich kommt der Schaffner und wird sich weigern, ihre mit Magarine verschmierte Fahrkarte entgegenzunehmen. Nein, das stimmt gar nicht, denn die jungen Frauen haben heute keine Papierfahrkarten mehr. Alles auf dem Handy. Jetzt tippt sie gerade eine SMS mit ihren verschmierten Fingern, die sehr ordentlivch glänzend manikürt sind. Es schmeckt ihr sichtlich. Um ihr leibliches Wohl braucht man sich nicht sorgen. Sie hat regelmässig beim Liebesspiel einen Höhepunkt, auch das ist ersichtlich. Das ist sehr schön. Die Frau neben ihr sieht nachdenklich aus. Sie hat einen Starbuckkaffee und eine Tüte mit einem Sadwich mit Bacon und Egg. Köstlich. Leider nicht selber gemacht. Ach ja, die Studentinnen gegenüber. Sie fühlen sich pudelwohl. Der Kaffee ist von McDonald. Die Reiswaffeln vom Discounter. Die Studentin auf der links am Fenster häkelt einen Pullover oder einen Topflappen. Lustig. Sie liest dazu eine Anleitung. Die mir gegenübersitzende sympathische Japanerin hat jetzt ihren Kopf auf den Tisch zum Schlafen gesetzt. Ich glaube, sie mag mich. Ich glaube, ich mag sie auch. Passt, jetzt, wo sie nicht mehr ins Handy redet und ihren Gefühlen freien Lauf lässt. Ihre Fingernägel, das sei noch vermerkt, glänzen ebenso wie die ihrere Nachbarin, doch sie sind viel länger und höchstwahrscheinlich aufgeklebt. Künstlich. Deren Rücken zeigt viel nackte Haut, wenn sie sich nach vorne neigt. Nicht sehr anmächelig. Jetzt kommen neue Fahrgäste. Mal sehen, ob die Studentinnen immer noch entspannt sind. Erfurt war früher in der DDR. Heute nicht mehr. Und schon fährt der ICE wieder los und die Studentinnen tauschen sich aus, wie lecker die Zitronenlimonade ist. Der Kopf der jungen Japanerin kommt mir immer näher. Was soll ich machen, wenn ihre schwarzen Haare etwas von mir berühren. Das wäre sehr peinlich. Unter dem Tisch wackeln ihre Turnschuhe tragenden Füsse. Die Ehefrau mit dem Laptop hat sich eine Thermotasse aus der Tasche auf den Tisch gestellt. Die freundliche Stimme aus dem Lautsprechen gibt bekannt, dass der ICE mit einer Verspätung von 40 Minuten unterwegs ist. Ihre Haare haben nun die Tastatur meines Ipad erreicht. Höchste Zeit eine Mandarine zu essen. Draussen die vorbeiflitzende Winterlandschaft. Ida ist äusserst aufmerksam und Michael ein perfekter Reisebegleiter.
Mister Minit begleitet mich seit vielen Jahren. Am liebsten würde ich ihn herzlich in meine Arme schliessen und eine Zigarette mit ihm rauchen, obwohl ich nur noch passiv rauche. Das aber regelmässig. Michael möchte unbedingt auch mal eine Styvesandt probieren. Die weisse Packung erinnert ihn an das Fernweh, als ich mit Cousin Christian in der Hecke hockte und hofften, dass uns niemand dabei entdeckte. War wirklich aufregend.
Du bist heute sehr redselig. Wollen wir ein kleines Spiel machen?
Ja, gerne, mein lieber grosser Bruder.
Ich sage dir einen Buchstaben und erzählst mir dazu eine Geschichte.
Nein, dass ist kein lustiges Spiel.
Ich erzählt dir eine Geschichte.
Nein, ich will etwas spielen.
Mit fällt kein Spiel ein.
Mir auch nicht.
Schade
Sehr schade
Wollen wir etwas singen?
Ja, das mag ich gerne.
Schneeflöckchen Weissflöckchen.
Ich will spielen
Spiel mir das Lied vom Tod
Hände hoch
Oder ich schiesse
Mit scharfer Munition
Den bösen Räuber
Ins linke Wadenbein
Oder ins rechte Ohrläppchen
Oder in die Magengrube
Spielverderber
Warum
So was macht man nicht
Wusste ich nicht
Jetzt weisst du es
Nicht in die Magengrube
Nein
Und warum nicht
Frag nicht so blöd
Wieso
Du weisst ganz genau
Wegen dem versehentlichen Unfall
Wegen der toten Kuh
Dramatisch die Situation. Gut, dass die Ehefrau am Laptop noch da ist. Die Japanerin ist bei der letzten Station ausgestiegen. Ein ganz schwieriger Telefonanruf. Gut, dass sie sehr nett ist. Freundlich, wie sie mir den Pencil vom Boden aufhob. Vielleicht sind die Studentinnen auch ganz nett. Die freundliche Stimme aus dem Off bittet für die Verspätung und Unannehmlichkeiten um Entschuldigung. Die freundliche Frau mit gegenüber packt zusammen und wird bei der nächsten Station aussteigen. Schade. Schade auch, dass sie sich nicht verabschiedet hat. Schade, dass ich manchmal so blöd bin.
Lieber Gott, ich mache mir grosse Sorgen.
Liebe Ida, du gibst mir viel Kraft. Danke.
Bitte beachten Sie die winterlichen Beschaffenheit, wenn Sie am Bahnsteig aussteigen.
Michael, wir sollten nicht so gruselige Spiele machen.
Du hast recht. Mir ist überhaupt nicht wohl dabei.
Machen wir uns einen Pfefferminztee.
Das hört sich gut an.
Und dann spielen wir eine Runde Mensch ärgere dich nciht.
Lieber Monopoly.
Echt?
Vielleicht spielen die beiden Studentinnen mit.
Sie reden englisch.
Der Zug hat hart gebremst
Der Zug fährt.
Die Studentinnen reden Englisch.
Ich mache mir grosse Sorgen.
Die Studentin am rechten Fenster redet laut in ihr Handy. Englisch und sehr impertinent. So ein Mist. Völlig daneben. Die andere häkelt. Jetzt redet sie und beisst in ihre Reiswaffel.
Michael, hast du keine Idee, was wir spielen können?
Ich mache mir auch Sorgen.
Hoffentlich bleibt der Zug nicht im Schnee stecken.
Dann wird es schwierig
Die nervt absolut mit ihrer Reiswaffel und ihrem blöden Englischgeschwaffel. Eine Deutsche!
Die mit ihrem Handy Englisch redet. Perfekt. Noch schlimmer. Eine Deutsche, die perfekt Englisch spricht. Vielleicht ihre Mutter englischsprachig. Oder ihr Vater. Oder ihr kleiner Bruder. Oder die Tante. Oder der Servicemann beim Skirennen in Adelboden.
Ich mache mir wirklich Sorgen.
Jetzt habe ich der englischsprechenden deutschen Studentin durchgegeben, dass sie nervt und ein bisschen leiser reden soll und habe Ohrenstöpsel mit Musik. Sie redet weiter.
Ich mache mir Sorgen.
Der Zug kommt nur zögerlich voran.
Spielen. Räuber und Gendarm.
Gefängniswärter und Nonne.
Das macht echt Spass.
Fangen wir.
Ok.
Ich bin der Wärter und du bist die Nonne
Und dann
Gehen wir miteinander in die Zelle
Zu mir oder zu dir?
Wer schneller ist.
Jetzt fährt der Zug schnell
Und jetzt bremst er wieder
Scheisse
Bei mir gibt ein nur schmales Bett
Meine Kunden haben Wasser und Brot
Ich habe eine Bibel
Du willst immer eine Extraportion
Lachpillen?
Benzos!
Das gilt nicht
Wir sind erst 130
Und immer noch nicht gescheit
Das ist kein lustiges Spiel
Ich mache mir Sorgen
Soll ich euch Spielen
Ich will mir keine Sorgen machen
Das geht nicht
Die Studentinnen packen zusammen.
Draussen fliegt die Winterschneelandschaft vorbei.
Studentinnen sind zum Küssen da.
Nur für Studenten
Willst du studieren, Michael?
Jetzt schon
Morgen ist auch noch ein Tag
Vielleicht treffen wir eine uns angemessene Partnerin
Ich habe andere Probleme – ich mache mir Sorgen!
Gut, dass du dir Sorgen machst. Endlich.
Um mich mache ich mir eigentlich immer Sorgen.
Das sind keine Sorgen
Sondern
Krämpfe
Hämoriden
Wasser in den Lungen
Fettleber
Fusspilz
Die abpellende Haut riecht köstlich nach Käse
Ich dacht mir schon
Warum
Ich mag das auch
Die Studentinnen habe doch nicht gepackt.
Ist mir egal
Donau
Ein richtig breiter Fluss
54 Minuten Verspätung.
DB ist Scheisse
Deutschland geht den Bach runter
Sieht ganz so aus
Politik nichts für schlechte Nerven
Ich habe sehr schlechte Nerven
Nervenkrank?
Halte dich da bitte raus.
Draussen stehen die Leute vor dem Raucherbereich.
Süchtige
Schwer
Gehören in den Enzug
Mit Elektroschock
Zwangssterilisation
Du bist so geschmacklos
Geschichtsvergessen
Ja
Ida, der Michael ärgert mich.
Super macht er das
Ida, du musst mir helfen
Nur nicht in die Magengrube, sonst ist alles erlaubt
Ich will ihn aber nicht hauen
Kommt jetzt rein, der Pfefferminztee ist fertig.
Michael, Pfefferminztee ist fertig
Ich weiss, was wir nachher machen können
Und?
Wir haben es einfach nur gut miteinander
Ich mag dich grosser Bruder
…………………..
Vergissmeinnicht blühen im Frühling, verwelken im Sommer, verwehen im Herbst, erinnern sich im Winter, wenn die Sonne scheint, der Nachtwächter die Türen am Abend schliesst, am Morgen öffnet, am Mittag nur dasteht, am Nachmittag Kaffee und Kuchen, zur selber Zeit begab sich Kaiser August in seine Sommerresidenz, auf seiner Kutsche, die von zwei weissen Ochsen gezogen wurde, Heinrich laut hinterherschrie, denn er wollte auch mit und seinen Vers aufsagen, den er halbauswendig die andere Hälfte vom Blatt las. Die anderen Kinder warten vor der Kasse. Um vier Uhr findet die nächste Vorstellung statt. Der gestiefelte Kater bekommt seine Hose nicht an, denn er hatte noch ein kurzfristiges Date mit dem hübschen Ferdinand. Die beiden sind seit vergangenem Sommer ein Paar. Herzig die beiden. Gegenüber ist eine Eisdiele. Zwei Espressi per favore.
…………………
Ida, endlich. Sehe dich nun im Fotobuch, dass der zweitälteste Bruder, dein Urenkel Thomas vor vielen Jahren gestaltet und verschickt hat. Ich erinnerte mich nicht. In Hausen am Albis, im Pfarrhaus habe ich es im Bücherregal wiedergefunden. Fantastisch. Als er das Fotobuch schickte, hat es mich wohl gar nicht interessiert. Du, Ida, warst noch nicht in meiner Aufmerksamkeit. Dein Mann, der Josef, mein Urgrossvater interessierte mich auch nur wenig. Schade. Tante Marthel ist auch mehrfach reproduziert. Ihre Verlobung und Hochzeit mit Erich. Familienfeiern. Hanna, meiner Mutter, als Blumenmädchen. Das Grab von Josef. Er starb am 23.01.1938 – geboren am 9.10.1873. In dem Buch hat Thomas auch ein paar Dokumente hineingenommen. Vom Januar 1943 eine beglaubigte Abschrift deines Testaments. Als alleinige Erbin hast du deine Stieftochter, die Marthel eingesetzt. Du hast also mit grosser Wahrscheinlichkeit das Ende vom Krieg miterlebt. So bin ich auf der richtigen Spur in meiner Frage, was mit dir nach dem Krieg geschah. Thomas habe ich geschrieben, dass ich davon ausgehen, dass er noch mehr Fotos und Dokumente aus dem Nachlass unserer Grossmutter und der Tante Marthel an sich genommen hat. Ich bitte ihn nachdrücklich, mir diese Zeitzeugnisse zugänglich zu machen.
Euer Haus in der Kirchstrasse. Die Aussenwände sehen schlimm aus. Der Putz ist brüchig und an vielen Stellen abgebrochen. Kata, die polnische Künstlerin, mit der ich das „Sedimenta – Kunstprojekt“ in Nowa Ruda/Neurode plane, habe ich gestern gesprochen. Sie hat sich auf Wikipedia mit eurem Haus, das nun denkmalgeschützt ist, genauer beschäftigt. Das Haus habe sie in Bann genommen. Sie konnte drei Tage gar nicht mehr loslassen. Da muss ganz viel passiert sein im Haus.
Über das Kunstprojekt müssen wir uns noch ausführlich austauschen. Du hast mir darüber noch nichts erzählt. Doch ich habe natürlich schon längstens mitbekommen, dass ihr da etwas sehr Spannendes am Planen seid. Das mit dem Haus ist drängender. Kata hat ein feines durchlässiges Gespür. Ein Fluch liegt über dem Haus. Nein , das ist nicht richtig. Josef hat über das Haus grosses Unheil gebracht. Nein, das ist auch nicht richtig. Er hat da eingeheiratet und wusste nicht, auf was er sich einliess. Nein, stimmt auch nicht. Nichts ist richtig. Ausser, dass seine erste Frau im Kindsbett starb. Für Anna wurde schnell eine neue Mutter gesucht. Eine Cousine der Vestorbenen. Josef. Ja, er war schlimm. Die dritte Frau, hielt die Gewalt ihres Ehemanns nach der Geburt von Martha nicht mehr lange aus. Sie ging ins Wasser. Als Josef 1938 starb, war endlich Ruhe. Mit Martha ging es gut. Ich hatte sie sehr gern. Wir hatten eine richtig schöne Zeit miteinander, wenn da nicht der Erich gewesen wäre. Irgendwie ziehen die schlechten Menschen einander an. Nein, ich weiss nicht. Der Erich war ein fleissiger Arbeiter und machte den Meister im Tischlerhandwerk. Er sollte die Tischlerei eines Tages übernehmen. Josef hatte keinen guten Einfluss auf Erich, der in einem sehr armen Elternhaus aufwuchs. Josef war ein Möchtegern. Erich witterte seine Chance auf ein besseres Leben. Die Marthel war viel zu gut für ihn. Die Leute sagte, das das Haus in der Kirchgasse 12 verflucht sei. Ich mag solche Reden nicht. Der Josef war ein Schlechter, der Erich ein Erbschleicher und vor den beiden war es nicht besser. Ich mag diese Geschichten nicht. Ich mag überhaupt keine Geschichten erzählen. Sie sind alle falsch, wenn man sie nicht immer neu erfindet. Gewalt kann sich nur durch Geschichten verbreiten. Gäbe es keine Geschichten, müsste die Gewalt schweigen. Zeugnisse sind anders als Geschichten. Zeugnisse wolle abgelegt werden. Dort, wo sie hingehören. Ich lege Zeugnisse ab, was ich in diesem Haus erlebt habe. Zeugnisse ohne Worte. Du kannst allen Schrecken hineinlesen. Ich bürge mit meinem Leben, dass in diesem Haus brutal zerschlagen wurde. Martha war schwer gezeichnet. Sie hat es geschafft. Mich haben sie am nächsten Tag verscharrt.
Unten im Keller ein verwunschener Brunnen. Ein Frosch, der geküsst werden will.
Ich habe ihn geküsst und nur Schläge bekommen.
Ida, das hätte ich mich nicht getraut. Ich küsse nur im Verborgenen, im Dunkeln, unter der Bettdecke mit Taschenlampe, bei der Oma und der Tante Marthel in Wenden. Wie Mann und Frau liegen die beiden im Ehebett. Goldmarie und die böse Stieftochter. Oder umgekehrt. Ida, du bist unsere Heldin.
Sedimenta. Ablagerungen. Eingemachtes. Eintopf. Abort. Abmahnung. Abfahrt. Einbahnstrasse.
Ihr müsst keine Angst vor dem Haus haben. Es wartet auf euch. Es gibt noch ein Geheimversteck mit Spielzeug. Einen Räuberhaut und eine Pferdepeitsche, die nur in Kinderhand passt. Ihr könnt allerlei Schabernack treiben und die Fenster weit öffnen. Ein Prinzessin dürft ihr wachküssen. Im gläsernen Sarg schläft sie zwischen Zwerchfell und Leberkäse.
Ida, das ist ein Heisser. Vielleicht ist der Josef ein Lieber. Mein Urgrossvater.
Unser Urgrossvater trägt eine Tischlerschürze und einen Bart. Ein gutaussehender Mann. Den Kopf nach rechts geneigt. Ein Lächeln auf der Lippe. Du stehst neben ihm. Kleine Ida. Unser Urgrossvater ist ein Held. Wer sich mit ihm anlegt hat verloren. Ein lieber Urgrossvater. Ein armer Urgrossvater, der vier Frauen unglücklich machte. Ida, war es wirklich nicht schön mit deM Josef?
Kinder. Wer einmal mit einem Tischler im Bett lag, braucht sich vor nichts mehr fürchten.
Wollen wir mit dem Hausmeister ein Date abmachen?
Das ist nicht lustig.
Verschweigt den Sonnenaufgang nicht, denn im Westen gibt es nichts Neues.
Hätte euch ein Menge zu sagen. Will ich aber nicht. Dieses Kreisen. Doch, ich will euch noch eine Rückmeldung geben. Heute Morgen. Nach einer unruhigen Nacht mit viel Spannungen, hartem Penis, Masturbation, gar nicht so übel, mit einem richtigen Seufzer, dann wie üblich ungutes Gefühl, Herausquetschen der restlichen Ejakulationsflüssigkeit, mehrmals Pinkeln nach den zwei Bieren am Abend. Hellwach, dann Tagebuch. Habe euch beide angerufen. War echt gut. Halte das Eigene, mir Fremde der Anderen nicht aus. Auch und besonders bei meiner Partnerin. Sie wird immer eigener. Das kann ich nicht bewerten. Doch ich halte es nur schwer aus. Seit mehr als dreissig Jahren. Dachte immer, dass ich mit ihr exklusive Zweisamkeit brauche, um sie auszuhalten. Ihr habt mich heute Morgen unterstützt. Ich hatte auf einmal die Spur, dass die Exklusivität nur ein Verdecken ist. Sie kann sich dann gut anpassen, sich zurücknehmen und auf meine Bedürfnisse eingehen. Ich merke ihr Eigenes nicht mehr, oder viel weniger. Doch wehe, wenn sie es zeigt. Wie sie mit dem Geld herumwirfst, ökologische Ticks perfektioniert oder einfach nur nervt. Ich möchte das umgehen und nicht merken. Auf der Abstraktionsebene philosophiere ich mit Levinas über das Fremde und die Anderen. Mehr brauche ich sagen. Alles klar?
Mehr brauchst du nicht sagen. Das ist so.
Das macht nichts, wir haben dich auch so lieb.
Ich euch auch. Und ich müsste euch trotzdem noch ganz viel erzählen.
Brauchst du nicht.
Vor uns gibt es keine Geheimnisse.
Kein Schweigen, kein Offenbaren.
Keine Beichte.
Nein, bitte verschone uns.
Okay.
Es war einmal eine bunte Maus, die sprang über eine gelbe Mauer, die in China vor vielen hundert Jahren gebaut wurde. Dann sprang eine Katze ebenso über die lange Mauer in einem Flug. Der Supervisor schaltete das Flutlicht an. Da erschraken sich Maus und Katze in ihrem Flug über der chinesischen gelben Mauer. Und wenn sie gelandet sind, trinken sie bei Starbucks einen Latte machiato mit Caramelgeschmack. Sie sind am Abend mit dem Supervisor verabredet. Er will sie auf die Probe stellen, denn in New York gibt es den TrumpTower.
Es sind noch hundert freie Plätze im ICE. Es braucht niemand auf dem Boden zu sitzen. Nehmen sie das Gepäck von allen freien Sitzen.
Crash
Ida
Unaussprechlich
Privat
Blockiert
Tagebuchmodus
Nicht hier
Keine Öffentlichkeit
Zweifel
Beharren
Anklagen
Nichthinkriegen
Halt die Klappe
Verdammte Scheisse
Angst
Grosse Angst
Aufruhr
Weg
Ida, es geht nicht um mich
Ida,
Michael, der öffentliche Modus geht nicht
Tagebuch ist zu wenig
Ihr seid unendlich weit entfernt
Ich brauche euch. Nicht für mich. Ich brauche eure Hilfe. Dringend. Bitte. Nicht für mich.
Ida
Das halte ich aus
Dasein
Ohne euch
Ohne mich
Im Schmerz
Nichtwissen
Nichtweiterwissen
Vergessen
Wut
Ohne Kraft
Muss reichen
Hier
Wir sind so nahe, dass du uns nicht mehr ahnst
Nahe in unendlicher Ferne
Näher
Schweigen die Fragen
Es war einmal ein harter Winter, Eisige Stürme fegten übers Land. Da kam ein Fuchs und suchte Zufluch, ein warmes Zuhause. Ein heisser Tee. Ein Haferkeks. Kerzenschein. Im April kamen die Forstarbeiter und setzen sich in die vorgewärmte Stube. Sie beteten den Rosenkranz. Heilige Mutter Gottes voller Gnade, bitte für uns Sünder, die wir nach einem harten Winter die Seiten gewechselt haben.
Ida, viele Wochen Schweigen.
Michael, heute Morgen beim Sitzen die vergrösserte Reproduktion des Fotos auf dem unserer Mutter dich im Arm hält.
Anspruchsvolle Wochen. Ihr wisst. Gott sei Dank wieder den Sprung ins Leben geschafft.
Nein, ich schreibe darüber nicht.
Weiss gar nicht, wie ich überhaupt weiterschreiben kann.
Gotha.
Schreibwerkstatt im ICE der Deutschen Bahn.
Der Zug überfüllt. Im Ruhebereich unruhiges Gequatsche. Neben mit nimmt eine junge Frau Platz. Ich schaue sie nicht an. Mag mich nicht ablenken. Ehering. Angenehmes Parfüm.
Erzählen geht gar nicht. Nicht nur, weil ich zu faul bin. Habe keine Adressaten
Seid ihr Niemand?
Warum sollte ich Worte ins Netz stellen? Alles Löschen? Nicht zu sagen.
Penetranter Essensgeruch von vorne. Grusig.
Ida, Michael.
Ich wache am Morgen auf und bin verzweifelt – was kümmert‘s mich. Andersch. Alfred.
Nicht nur am Morgen.
Die kleinen Weiler, die in der Fahrt durch den Osten vorbeiziehen. Ziemlich trostlos. Eisenach.
Luther. Martin.
Frisch und Lecker – Einfach genial!!!
Reisebegleiter, die nicht wissen wo lang.
Kalt im Zug.
Sie liest in einem Reisführer. Frankreich.
Gesundheit – Reha Sport
Ida. Und auch du, Michael. Mein Atelier gut aufgeräumt.
Links vorne zwei ältere Männer. Mit grosser Kofferboxen mit regenbogenfarbigen Gürteln gesichert. Zwei Schwule. Einer schaut leicht rückwärts. Immer noch geil der Alte. Sympathisch trotzdem. Ein jüngerer 150 Kilomann quält sich zur Toilette. Armes Schwein.
Ida. Mein Gedächtnis wird immer schlimmer. Merke mir keine Namen, keine polnischen Vokabeln. Kann vor allem Namen nicht mehr abrufen. Gestern musste ich den Vornamen des Urgrossvaters nachschauen. Scheisse.
Trauma. Demenz. Schlechter Schlaf. Eigentlich habe ich lange genug gelebt. Jetzt werde ich etwas von dem Käsebrot essen. Essen, Trinken, Alkohol in Massen und Eros in eiernden Bahnen.
Nach der Zonengrenze wohlbürgerlich eingerichtet. Nicht besser. Nicht schlechter. Nicht der Rede wert. Überhaupt
Sterben.
Ich mag nicht, wie er schaut. Was geht‘s mich an.
Dieser Moment des plötzlichen Sterbens. Ganz kurz. Kein Zurück. Fertig.
Das Parfüm kommt vor rechts vorne. Ältere Dame. Furchtbar penetrant.
Hinter impertinentes Psychogelabber am Handy – auch eine Mittelaltrige. Ich brauche Kopfhörer, die mich vor solchen Sauereien schützen.
So lange ich mich aufrege, bin ich dem Sterben mental enthoben. Von hinten in mein Ohr. Jetzt habe ich meinen Ärger aggressiv ausgedrückt. Bad Hersfeld. Verdammt. Ist ihr völlig egal.
Vielleicht sollte ich mich meiner Nachbarin zuwenden.
Ida, ich bin gar nicht gut drauf heute. Was geht‘s dich an? Die junge Frau bereitet sich auf ihre Ferien in der Bretagne vor. Wird bestimmt schön. Vielleicht zeugen sie dort ihr erstes Kind.
In 20 Minuten darf ich in Fulda umsteigen. Befreit von den ekligen Gerüchen und Menschen am Handy und so weiter.
Michael. Schönes Panorama draussen. Und wenn ich sterbe. Kennen wir uns dann noch? Erreiche ich dich. Und Ida. Und den Urgrossvater, die Mutter, den Vater, die Pfaffen, Puffmütter, Langweilerinnen, junge attraktive Frauen, Göttinnen, Nebelhörner, Kreuzspinnen und was ist mit den Chilischoten, die zum Essen und Vögeln bestimmt sind. Du hast Ida, Sexualität belebt mich. Da finde ich zur Lust zurück. Und was ist danach? Ohne Sex. Kann ich mir gar nicht vorstellen.
Eine sehr unspektakuläre Landschaft vor Fulda. Zum Pilgern geeeignet und einem Gasthausbesuch. Oder bei der schönen Müllerin vorbei.
25 Minuten Verspätung des Anschlusszuges nach Zürich wegen einer behördlichen Massnahme. Randale oder noch schlimmer.
Sterben. Dieser Momente. Auch nach einem langen Siechen.
Kinder sollen am Gleis gewesen sein. Gefährlich.
Ida, du hast von einem Niemandsland gesprochen. Ich weiss nicht. Hört sich ziemlich komisch an.
Und gar nicht gastlich. Eher eine Art verharmlosten Fegefeuers. Das will ich nicht.
Der Moment, an dem es kein Zurück gibt. Nichts mehr. Wohl eher als ein himmlisches Jerusalem. Und du Ida? Und du Michael? Und Nowa Ruda? Und das Vergangene. Vergangen? Fertig? Aus? Keine Gegenwart dessen, was nicht sein durfte, konnte, wollte vielleicht auch.
Keine Geisterwelten. Langweilig. Und wenn sie dann kommen, ängstige ich mich um so mehr. Ich mag keine Geister, die sich was zuflüstern und andere in Gefahr bringen. Ich will mich nicht fürchten und an jeder Ecke aufpassen, dass sie mich nicht erwischen. Ich mag nicht, wenn mein Nervensystem ausser Kontrolle gerät.
Ihr seid keine Geister. Ich bin auch nicht. Wirklichkeit ist nicht, so muss gesucht, so will gwonnen sein. So ungefähr Paul Celan, der viel zu schwer verständlich für mich ist. Ich finde ihn echt super. Er macht mir Mut, weil ich keinen Mut habe und niemals haben werde. Bin feige und habe nicht iel zu bieten. Ein gute Pension und bisschen was auf dem Konto. Eine treue Frau, ganz unterschiedliche Kinder, Temesta, wenn ich nicht schlafen kann und da wiederhole ich mich, trinke und esse ich gerne und vergesse ganz viel. Vielleicht auch gerne. Das habe ich lernen müssen. Vergessen. Und aus dem Vergessen holen. Vergangenes such, Gegenwart gewinnen. Bitte, lieber Gott, schicke mir Uranus und überprüfe meine Kontaktdaten. Ich werde nicht vergessen, was die Männer mir angetan haben und auch die Geschwister. Ansonsten hoffe, dass meine Misstaten nicht auch noch unter den Hammer kommen. Wenigstens meine Vergehen sollen mich begleiten, wenn ich dereinst vor dem heiligen Stuhl steht und gefragt werde, ob ich auch brav gewesen bin. Nein, bin ich nicht Hochwürden. Ich würde dir gerne eins ins die Fresse hauen. Und diese elendigen Feuerschnecken haben auch schon besser geschmeckt.
Kunst. Da habe nur wenig Einfluss. Ich bin ein grosser Fan meiner Kunst. Manchmal bin ich verzückt oder erschrocken. Beschenkt und benutzt. Mache ich es euch zu einfach? Ida, sag‘ was!
Alles gut. Keine künstliche Aufregung. Du bist auf der richtigen Spur. Was geht‘s mich an. Passt. Stimmig. Matthias, die Angst vor dem letzten Atemzug kann ich dir nicht nehmen. Und vom Nachher kann ich dir nur dumme Dinge sagen. Das mit dem Niemandsland. Blödsinn. Und unser Warten, bis es weitergeht. Ich weiss es nicht. Vielleicht ist alles ein Traum. Die Wirklichkeit ist nicht. Du bist, ich bin, wir sind nichts anderes als Träumende. Zur Freiheit berufene Träumende. Wir dürfen uns füreinander entscheiden. Ich habe mich für dich entschieden. Und du wohl für mich. Michael hat sich ebenso entschieden. Warum das so ist, wissen wir nicht. Vielleicht haben wir auch gar keine Wahl, sondern gewinnen sie, indem wir einfach so tun, als hätten wir gewählt.
Wir träumen miteinander und werden unseren Traum Wirklichkeit gewinnen. Geil.
Das Projekt in Nowa Ruda mit Kata. Ihr seid meine Kunstkuratoren.
Träumen ist eine hohe Kunst. Wenn du das Herz-Sutra rezitierst und schweigend auf dem Kissen sitzt. Es gibt kein Leiden, kein Entstehen von Leiden, kein Vergehen von Leiden und keinen Weg.
Sag mir, wo die Blumen blühen. Im Wald, wo der Wolf aufs Rotkelchen wartet. Leider ist die Autowaschanlage defekt. Morgen kommt die Zwergenfee und wir kräftig aufräumen. Meine Grossmutter konnte die Waschmaschine nicht bedienen, da sich der Saugnapfen verklemmt hat. Verstehen Sie das? Ich weiss einfach nicht, welchen Napfen du meinst. Er funktioniert mit Unterdruck, damit sich die Scheisse durch die blutgetränkten Binden der unsympathischen Nachbarin bahnen kann. Was das mit der Waschmaschine zu tun hat, versteht die Grossmutter mütterlicherseits nicht. Sie will nicht mehr verstopft sein. Sie müsste lediglich den Knopf finden. Der Wolf hat ihn im Wald versteckt. Es jubeln die Chöre, die Baritöne schnaufen, der Alt findet den Ausgang nicht, die Sophranstinnen vereinen sich mit den gestiefelten Bassisten. Die Cellistin hat eine traurige Ausstrahlung und Peter möchte endlich sein Schokoladeneis.
Mechthild ist ein Miststück.
Olaf ist ein verdammtes Arschloch.
Elise mag Dampfkartoffeln.
Michaela wird demnächst ihre Brüste verkleinern
Wilhelm mag seinen langen Penis nicht anschauen
Aurora wartet auf den Weihnachtsmann
Sigfried steht auf Matcha.
Bettina hat gestern ihren Freund erledigt.
Mister Mint ist ein versauter Pornodarsteller
Elisabeth geht regelmässig zur Beichte
Sie freuen sich auf das Klassentreffen am nächsten Wochenende.
Michael, bitte melde dich.
Ida, du bist so weit weg.
Müde und leer.
Schlafen.
Träumen.
Vergessen.
Funkstille.
Pause.
Pausenclown.
Bitte.
Wir müssen uns um ihn kümmern. Er kommt sonst auf die schiefe Bahn. Er hat keinen Plan. Das ist gefährlich. Komm nach Nowa Ruda. Ins Eulengebirge, Nach Eckersdorf. Waldenburg. Lerne Polnisch. Geniesse das Alter. Mach‘ die Augen zu. Lass dich nicht nerven. Beginne den Tag mit einem Sonnengruss. Ärgere dich. Halte inne. Mache den Hengst. Sauge an der dritten Brustwarze. Schreibe endlich den Brief, das Mail, die Zeilen an deinen Sohn.
Das geht euch nichts an. Habt ihr euch gegen mich verbündet? Könnt ihr es kaum erwarten, dass ich zu euch kommen. Entphysischt.
Du bist ein Spielverderber. Schäm, schäm, schäme dich.
Michael, ich denke, Ida tut dir nicht gut.
Ida, mach mir kein Theater.
Michael fühlt sich wohl bei mir. Selten, dass bei uns neue Freundschaften geschlossen werden.
Der letzte Atemzug.
Sie kamen ins Haus gestürmt. Sie haben Marthel von mir gerissen. Ich habe sie schreien hören. Sie kamen zu mir. Ich habe die Augen geschlossen. Als es endlich vorbei war. Keine Schmerzen. Keine Angst. Keine Trauer. Keine Wut. Keine Flucht. Keine Worte. Keine Gefühle. Keine Liebe. Keine Menschen. Keine Seelen.
Sie haben sich gestritten. Die Eltern. Die Mutter hat den Vater weggestossen. Ich habe keine Luft mehr bekommen. Gleich ist es vorbei. Gleich. Ruhe. Sie schreien. Schreien. Ganz weit weg.
Ihr habt mir nichts zu erzählen. Das ist nicht eure Aufgabe. Nicht in eurer Möglichkeit. Auch kein Dialog. Keine Geheimnisse. Nach dem letzten Atemzug gibt es kein zurück. Es gäbe ein furchtbares Durcheinander.
Im letzten Atemzug begegnen wir uns. Kein Kennenlernen. Keine Geheimnisse. Keine Sensationen. Kein Gespensterhaus. Keine Exklusivitäten.
Was sollte dann dieses Ahnenspiel? Alles umsonst?
Ganz und gar nicht. Wir werden dich auch weiterhin begleiten. Im letzten Atemzug. Dort treffen wir uns, so oft du willst. Bis du nicht mehr zurückkehren wirst. Bis dahin können wir treffen, so oft du willst. Du bringst deine Geschichten mit. Deine Fragen. Dein Schweigen. Eigentlich nur dein Schweigen. Alles andere liegt davor, wo wir einander nicht begegnen können. Keine Angst, keine Wut, keine Idiotentests in der Geisterbahn.
Und was soll das alles?
Lass dich überraschen. Mit besten Grüssen, Ida und Michael.
Kann ich das auch mit der Oma, der Mutter, dem Vater und der ganzen verdammten krepierten Pfaffenbande erleben. In ihren letzten Zügen?
Würden wir dir nicht anraten. Musst du höllisch aufpassen. Würde gar nicht funktionieren. Ihr könntet euch gar nicht treffen. Passt nicht. Die Pfaffenärsche sind schon längstens entsorgt. Was redest du da! Sie können dich nicht erreichen. Genausowenig wie deine Eltern oder die Grossmutter.
Warum?
Weil du sie nicht erreichen kannst. Wenn du in die Nähe ihrer letzten Atemzüge kommst, schlägt es dich in die Flucht. Du wirst überflutet von allem Übeln. Hoffentlich haust du dann schnell ab.
Und wieso ist das bei euch anders?
Weil du uns bei unseren Namen gerufen hast.
Treffe ich euch beide in Nowa Ruda?
Ja, in Nowa Ruda und in Waldenburg und in Leipzig und in Zürich und im ICE
Muss ich denn, muss ich denn zum Städteli hinaus, Städteli hinaus und mein Schatz kommt mit.
Suppenz‘mittag
Aperol Spritz
Läck du mi
Die Ratten verlassen als erste den Güterwaggon. Sie sind scheue Wesen und fürchten böse Menschen. Ratten erkennen sie an ihrer körperlichen Ausdünstung. Angst, Elend, Dummheit, dumme Arschlöcher, die sich mit schleimigen Botschaften beliebt machen wollen. Superkluge. Ach Mensch, den Ratten sind solche Beschreibungen egal. Sie fliehn einfach in die Kanalisation und hoffen auf den baldigen Weltuntergang, den sie überleben werden. Rattengift kann ihnen nichts anhaben. Sie lieben das süssliche Aroma des Todes. Dabei sind es sehr freundliche und gesellige Genossinnen und Genossen. Vor Gott sind sie ein tauffrischer Morgen nach einer durchgemachten Nacht im Tivoli.
Verflixte Sauerei sagt Maria. Schon wieder. Nein, ich habe die Schnauze voll. Sie wollte heute ihren Namenstag feiern, doch die Müllabfuhr hat wie immer Verspätung.
Urgrossvater Joseph ist ein stämmiger Kerl.
Hey, Hey, was ist denn mit dir los?
Ida, ich bin traurig.
Erzähl‘
Ich bin einfach nur traurig. Mehr nicht.
Und warum fängst du mit dem Joseph an?
Er bremst mich. Ich komme nicht an ihm vorbei.
Ich habe ihn auch nicht gekannt.
Und seine Eltern?
Die waren schon gestorben.
Geschwister?
Nein.
Grosseltern?
Nein, was glaubst du.
Ich möchte mehr von ihm wissen.
Da kann ich dir nicht helfen.
Anna war seine Tochter aus erster Ehe und Martha aus dritter Ehe.
Die beiden kennst du. Das freut mich.
Oma und Tante Marthel.
Der Joseph war ein Lustmörder.
Du erzählst einen Quatsch.
Nein, mache ich nicht.
Ida, ich kommt am Joseph nicht vorbei. Ich brauche verlässliche Spuren.
Er war ein Spion.
Michael, kneif` die Ida in ihre rechte Backe.
Sie lacht und kann sich kaum mehr halten
Ich habe ihn geliebt.
Er hat dich nicht geschlagen?
Ich habe ihn geliebt. Er war mein erster und mein einziger.
Glaub‘ ihr kein Wort.
Ich glaube ihr.
Glaub‘ mir kein Wort.
Ich glaube dir.
Urgrossvater, hörst zu mich?
Er hört dich nicht. Er steht am Kiosk und trinkt mit ein paar Kumpels.
Urgrossvater, Doppelagent.
Er war ein Despot.
Nein.
Bomben auf das Eulengebirge.
Goldzug
Machen wir einen Deal.
Nehmen wir Joseph in unsere Mitte.
Und dann?
Machen wir uns einen gemütlichen Fernsehabend.
ICE von Halle nach Chur. Neben mir eine sympathische Frau, die einen stark riechenden Kaffee in der Hand hält und auf ihrem iMac Bookingangebote anschaut. In der linken Reihe neben uns ein älteres Ehepaar. Er kloppt auf sein Notebook brutal in die Taste. Seine Frau isst begierig ihr Sandwich. Ruhebereich. Stört die beiden nicht. Ich habe mir einen Sonykopfhörer für die Fahrt gekauft. Nicht schlecht. Einen Nasenklemmer sollte ich auch noch organisieren. Zwischen Halle und Erfurt weites Land.
Ich könnte auch mein Sandwich, das ich mir selber geschmiert habe, rausholen. Dazu aus meiner Thermosflasche eine Tasse Grüntee von Rossmann. Echt gut.
Matthias, ich habe schon viel von dir gehört. Ida hat mir beim letzten Gutenachtkuss einen Gruss von dir ausgerichtet.
Christian, der Sohn von der Gisela sieht dir sehr ähnlich.
Ja, die Gisa hatte es nicht einfach. Der Werner war ein übler Kumpan.
Und du?
Ich auch. Ja.
Stimmt nicht. Ich habe gelogen. Joseph hat mir nie etwas Böses getan.
Glaube ich nicht.
Ich auch nicht.
Joseph, du brauchst uns nichts vormachen. Hast du lange genug gemacht.
Ich liebe euch.
Michael, lass uns ins Nebenzimmer gehen. Vielleicht fällt uns etwas ein.
Schweineställe – grusig – Es gibt momentan nichts Besseres – der Einklopper wird immer lauter – scheiss alte Männer – scheiss schleimende Frauen – scheiss Gesellschaft – scheiss Amis – scheiss Alkohol – scheiss Ohnmacht – Scheisse – grusiges Wort – Fäkalsprache – Arsch – Die Frau neben mir goggelt Antiquitäten. Stühle, Ostereier. Fulda noch 64 Minuten. Ziemlich öde Gegend. Keine Ostereier. Likörgläser. Römerkunstgläser auf Ebay. Schreckliche Gegend.
Urgrossvater, du darfst nicht in unsere Mitte. Wir haben Ida überstimmt. Wir mögen dich nicht.
Urgrossvater hau‘ ab.
Jungs, ihr habt Recht. Ich will euch nicht verlieren.
Ich werde sehr müde.
Mir geht es nicht gut.
Joseph ist ein Mistkäfer
Sie hat keinen guten Geschmack. Biedere, langweilige Stühle. Sie hat eine dunkle Strumpfhose an. Einen langweiligen Ring. Sex ist für sie eine ebenso langweilige Angelegenheit. Generell. Jetzt lacht sie. Aber diese Stühle und der Tisch, der Teppich. 150 Euro. Sex ist wie der ICE, der jetzt mitten auf der Strecken stehen bleibt.
Ich möchte dir etwas im Vertrauen sagen. Sex ist eine Erfindung der Mutter Erde. Ihr fiel nichts besseres ein. Völlig unkreativ die Alte.
Nowa Ruda.
Walbryzch.
Ich will nach Hause zu meiner Mama.
Halt die Klappe, sonst holt dich der Klabautermann.
Diese Stühle.
Ich fand das mit dem Sex schon noch lustig.
Am liebsten würdest du jetzt alles klein und kurz schlagen.
Schade, oh, diese Stühle! Wann hört sie endlich auf, diesen Scheiss anzuschaun.
Noch 12 Minuten bis Fulda. Nicht mehr ganz so öde die Gegend. Nur die Häuser. Kleinbürgerliches Biedertum. Jetzt schreibt sie dem Anbieter auf Ebay.
Da nimmt sie Gabel und Messer und freut sich auf den eingelegten Schweinekopf. Als Nachtisch löffelt sie ein Coupe Dänemark. Danach schaut sie eine Femaleporno. Holt ihren Vibrator aus dem Badezimmer und ruft die Telefonseelsorge an. Sie hat sich mit Ruedi schon mal getroffen. Er engagiert sich bei einer Freikirche und ist ein fabelhafter Zuhörer. Wenn sie ins Stöhnen kommt, nimmt er seine Beinprothese zur Hilfe.
Fulda. Zehn Minuten früher, doch wieder, wie letztes Mal, eine halbe Stunde Standzeit, weil das Anschlusspersonal irgendwo festsitzt. Jetzt vergrössert sie den Tisch und nimmt ihn auseinander. Und ein defektes Stellwerk. Und Durchsagen wegen einer behördlichen Massnahme. Zeit zum Speisewagen zu gehen über den Bahnsteig.
Ihr Kaffee war sicherlich um einiges besser – eine wässrige Plürre. Jetzt googelt sie Kaffegeschirr für ihr Esszimmer. Beim Aufstehen kein Lächeln. Vielleicht war es schlechter Porno. Female ist oftmals nur Etikettenschwindel. Da schreibt sie lieber wieder ein Mail und erweitert ihr Gebot.
Ida, das ist wirklich komisch. Seit ein paar Tagen ist mir dieses ganze Eroszeug sehr fremd. Langweilig war es schon lange, doch nun habe ich das Gefühl, es ist sehr weit weg. Auch mein sonstige Ärger. Sie hat noch eine Zuckerdose im Auge. Ne, könnte mir eine Erosphantaisie gar nicht vorstellen. Da war ich sonst nicht so wählerisch.
Komm nach Nowa Ruda, dann werde ich das Geheimnis lüften.
Mit der langen Unterhose wird es langsam sehr warm im Zug.
Ich war die Stiefschwester deiner Urgrossmutter in Weissenstein. Da fährst du in zwei Wochen hin. Grüss sie von mir. Theresia hat es besser getroffen. Ihr Joseph, dein anderer Urgrossvater, war ein Guter, wenn es überhaupt so was wie gute Männer gibt. Das weisst du von dir selber. Männer.
Langweilige Strumpfhose. Eine rote Tasche. Und eine anderes Kaffeegeschirr.
In Nowa Ruda kommst du endlich zur Ruhe. Du wirst sehen. Tagelang wirst du heulen. Das Glück wird dir aus den Poren triefen. Und alles Glück wird seinen Namen verlieren.
Und Michael?
Er ist immer noch bei mir. Wir werden dich festlich begrüssen.
Jetzt ist sie wieder bei den Römergläsern. Ich könnte ihr einen ordentlichen Atemzug schenken.
Einfach so.
Römerkristallgläser, im Wohnzimmerschrank, den sie gerade anschaut, gehörenin eine Vitrine.
Auch die Pfaffen sind ganz weit weg. Macht gar keinen Spass mehr, sie zu bepöbeln. Arme Schweine und auch das ist mehr egal.
Auch, das mir nichts mehr einfällt. Sehr gut.
Darf ein Nichtwisser sein.
Jetzt goggelt sie nach Häusern. Langweilige Eigenheime. Da passen die Möbel rein.
Dieser elendige Drang, irgendwer Besonderes zu sein.
Irgendwelche lustigen oder schmerzvollen Erlebnisberichte.
Form ist Leere, Leere Form – habe ich nie verstanden.
Celan und seine Lyrik.
Aus dem Gedächtnis gefallen all die anderen.
Irgendwann fallen auch die anderen Namen heraus.
Sie geht auf Toilette und nimm alle ihre Taschen mit. Nur ihre Strickjacke liegt noch auf dem Platz.
Demenz, wenn bloss die schlimmen Bilder nicht durchbrechen. Dann braucht es Temesta und Whiskey.
Komm nach Nowa Ruda, da warten wir auf dich.
Meine Lieben werde ich nicht im Stich lassen. Ja, ich komme. Vielleicht noch ein paar Jahre. Das wäre schön. Vielleicht auch weniger. Sie werden ohne mich auskommen. Ohne grosse Show. Herbert Grönemeyer, ein genialer Rattenfänger.
Sie wird wohl bis Zürich bleiben. Architektin. Arbeitet an irgendwelchen Entwürfen. Sie lächelt nicht mehr. Nur noch 35% Akku, dann brauche auch ich die Steckdose.
Offenburg.
Ida bist du auch in Offenburg, in Freiburg, in Neudettelsau?
Dumme Frage.
Michael können wir ein Radtour machen?
Dumme Frage.
Wir treffen uns im ICE und in Nowa Ruda. Wir sind ein eingespieltes Team und spielen gerne Badminton.
Mach‘ deine Beine breit, damit wir es lustig haben.
Deine Batterie ist ziemlich unten.
Der Akku lädt sehr langsam, die Sitznachbarin hat mir ohne Lächeln die Steckdose überlassen.
Ein kleine Geschichte. Eine wahre Geschichte. Bernd, eigentlich ein lieber Kerl, ist ein ziemlicher Kotzbrocken. Ein Sarkast. Elise mag ihn nicht, denn die Geschichte mit Fiffi, ihrem Pudel, kann sie nicht vergessen. Bernd hatte Fiffi vor sechs Wochen zur Tierärztin gebracht. Er kam ohne sie zurück. Fiffi hatte eine Bronchitis, die schon auf die Leber streute. Bernd wollte die Tierärztin schwängern und gab ihr die Erlaubnis, Fiffi einzuschläfern. Elise war sehr wütend, als es ihr Bernd gebeichtet hat. Die Tierärztin wurde nicht schwanger. Sie war sehr froh, denn Bernd ist tatsächlich ein Sarkast. Er hat Freude am Zerfleischen. Er macht da keine Unterschiede zwischen Pudeln, Tierärztinnen und Elisen.
Da hast schon mal bessere Geschichten erzählt.
Ja, da kamen auch keine Sarkasten vor.
Ich mag den Bernd nicht, obwohl er immer nur so tut, als täte er Zerfleischen. Trotzdem mag ich ihn nicht. Ich bin froh, dass ich ihn nicht mögen muss. Eigentlich mag ich ihn doch.
Was macht deine Sitznachbarin?
Sie studiert ihren Arbeitsplan für nächste Woche. Sie hat mich tatsächlich nicht mehr freundlich angelächelt. Wenn ich pinkeln muss, erhebt sie sich und macht mir den Weg frei.
Magst du Mon Cheri?
Die schwarze Zartbitterschokolade vertrage ich nicht.
Magst du ein Witz hören?
Ja, ich mag Witze ohne komplizierte Pointen.
Kommt ein Zwerg in eine Bar und bestellt ein Bier.
Nein, den mag ich nicht.
Wir mögen sie sehr gerne, denn sie haben Schneewittchen in einen gläsernen Sarg gelegt.
Lustig, den kannte ich noch nicht.
Magst du Harribo?
Gummibärli mag ich sehr. Doch bitte keine xxl-Packung.
Du bist ein richtiger Witzbold.
Ihre rote Tasche hat ein sehr leuchtendes helles Rot. Gefällt mir nicht.
Jetzt knabbert sie genüsslich einen saftigen Apfel.
Den Anschluss nach Zürich haben wir nun verpasst.
Jetzt stehen wir in Basel Bad fest. Die Schweizer Bundesbahnen lassen uns nicht rein. Das wird eine saftige Verspätung in Zürich. Die Zuginsassinnen und Insassen nehmen es stoisch. Ich nicht. Irgendwann ist fertig lustig.
Nach über sieben Stunden Sitznachbarschaft ist sie ohne Adieu gegangen.
Jetzt sitzt mir eine Holländerin mit einem Salut auf dem Pullover gegenüber.
Könnt ihr mich nicht herausholen aus diesen blöden Schleifen. So langweilig.
Komm bald nach Nowa Ruda. Da machen wir ein grosses Fest und tanzen bis zum frühen Morgen. Dann ruhst du dich endlich aus. Dieser dumme Stress, etwas Besonderes hinzulegen. Auch jetzt beim Schreiben. Ja, entspann dich. Alles gut.
Ihr habt Recht. Warum dieser Stress?! Nichts muss sein.
Können das Holländerinnen besser?
Komm nach Nowa Ruda und lerne Polnisch.
Bardzo dobrze
Mehr muss nicht mehr sein. Michael wird dann mit dir zurück in die Schweiz kommen. So werden mit dir unterwegs sein. Mehr braucht es gar nicht. Keinen Druck mehr. Keine Show. Kein Grössermachen. Keine heile Welt. Keine Kastration. Keine Heiliger. Kein Misanthroph. Kein Zwerg. Ein paar Jahre. Vielleicht. Das können wir nicht bestimmen.
Ich freue mich auf die Schweiz. Ein schönes Land. Deine Frau, deine Kinder, dein Enkelkind, ich freue mich.
Ich freue mich auf unser Miteinander in Nowa Ruda. Ganz exklusiv. Wir beide. Doch ich werde dir alle nötigen Freiheiten lassen. Das ist meine Aufgabe. Wir werden öffnen, was verschlossen und vergessen war. Hey, ich freue mich!
Ich freue mich auch und merke, dass da etwas schon geschieht. Wie sich Enge weitet. Ich spüre einen freien Atem. Ihr Beiden.
Franziska freut sich. Nächste Woche werden wir für drei Tage nach Walbrych fahren. Wir haben eine Wohnung in der Innenstadt gemietet und werden die Stadt zu Fuss erkunden. Die Wohnung in der Hermannstrasse, in der die Mutter ihre Kindheitsjahre verbrachte. In Weissenstein werden wir das Uhrmachergeschäft der Urgrosseltern suchen. Sandberg, die Plattenbausiedlung, Schloss Fürstenstein, Quartiere, von denen Joanna Bator in ihren Büchern erzählt.
In fremden Häusern wohnen. Die Erzählungen der Mutter, wie sie die Wohnung mit polnischen Vertriebenen teilen mussten. Über ihnen wohnte eine Familie, die Hunger litt. Die Frau stand vor ihrer Wohnung und bettelte um ein Stück Brot, der Paul arbeitet doch in der Knappschafsbäckerei. Anna, Oma, wies ihre Bitte barsch zurück. Am Abend kam Paul nach Hause. Als die Anna von der unverschämten Nachbarin erzählt, wurde Paul wütend. Anna musste ihr noch am Abend ein Laib Brot bringen. So erzählt es Cousin Christian.
Foto, Mutter in BDM-Uniform
Polacken
Hierarchien – katholische Kirche
Kann ja gar nicht möglich sein. Diese elendige Wanderlust geht ziemlich auf die Nerven. Die Deutsche Bahn unterstützt diesen Wahnsinn auch noch. Und die Milchfabriken produzieren hektaliterweise Feuchtigkeitscremé zum Abwischen der Notdurft im grünen Gebüsch. Hunde und Katzen steigen mit ihren bekackten Ärschen in die Kinderbetten und schmiegen sich schnurrend an die letzte freie Laterne. Jetzt stehen wir wieder in Fulda. Hoffentlich kommt keine behördliche Massnahme. Könnte passieren. Nein, noch mal Glück gehabt. Erst morgen wird das neue Hygienekonzept umgesetzt. in der Schweiz gibt es viel mehr gruppenreisende Wandersleute.
Warum müssen die Verschritftungen haargenau auf Punkt und Komma vaginal ausgerichtet sein? Es würde völlig genügen, das scharfe s aufzulösen. Das Sechserabteil schliesst an die Bordtoilette. Unappetitlich. Widerwärtig das dauernde Spülen und Absaugen der Fäkalien. Sie schauen in mein Abteil und überlegen, ob ich ich sie durch ein Guckloch heimlich beobachtet habe. Würde ich niemals machen. Und wieder drückt jemand seine Scheisse und Pisse weg. Früher wurden die Bahngleise damit gedünkt und zwischendurch mit Pflanzengiift getötet. Eine Duftwolke von desinfizierten Händen und ausgespülten Münder zieht am Abteil vorbei. Da braucht es keine Heimlichtuerei. Vor Frankfurt sollte ich auch mal gehen. Eine ältere Frau geht alle zehn Minuten. Männer habe ich noch nicht gesehen. Die haben gestern beim Vätertag literweise Urin und andere breiigen Flüssigkeit verloren und müssen sich heute erholen. Jetzt spült sie und kann gar nicht aufhören zu drücken.
Nachtrag: die genealogische Blutslinie haben gestern die Väter gefeiert. Die Söhne machen es ihnen nach. Das hat schon angefangen, nachdem sie von den Brüsten der Mütter polizeilich entfernt wurden. Draussen zieht ein Unwetter auf. Mal sehen ob es mit dem Anschluss klappt. Die identitäre Ideologie deckt sich mit der Blutslinie. Welche Stellung sie dabei einnehmen, ist nebensächlich. Ganz unkompliziert. Jetzt ist ein Mann vorbeigelaufen – ohne zu spülen und die Hände zu waschen. Männer sind ziemlich schweinisch unterwegs. Sie gröhlen, spielen Fussball und ziehen sich harte Pornos rein. Männer sind unreine Wesen. Sie lassen ihre urinstinkenden Schwänze von Frauen ablutschen. Eklig. Grusig. Schon wieder ein Mann. Ein älterer, der nicht verraten will, ob seine Frau oder einer Prostituierte jemals seinen Penis in den Mund genommen hat. Oder vielleicht sogar seine Samenflüssigkeit herunterwürgen musste.
Jetzt wieder Grossraumwagen. Da brauche ich den Kopfhörer. Ewigen Schwätzer. Und Papiertütenaufreisser_innen. 1. Klasse ist schon super. Angebot für Senioren mit Bahncard. Peng,Peng, Peng. Frankfurt. Also ne. Da steckt jemand in der Reihe vor mir seinen Kopf so quetschend nahe ans Fenster, dass er mir seinen kurzgeschorenen Schädel präsentiert. Eklig. Nein, so schlimm wird‘s nicht. Er hat einen Pullover druntergeschoben. Muss meine rassistischen Sedimente in Schutzhaft nehmen.
Ida wartet in Nowa Ruda. Mit ihr warten so manche Gespenster unterschiedlichster Couleur. Die buntscheckigen mag ich am liebsten. Die schreien nicht bei der kleinsten Kleinigkeit. Wenn zum Beispiel der Schornsteigfeger durch den Kamin als Weihnachtsmann verkleidet ins Wohnzimmer rutscht. Die roten, und die blauen machen dann sofort ein Riesentheater und rufen die Feuerwehr. Verstehen kein Humor. Ich lache gerne. Obwohl es natürlich auch ein paar Dinge gibt, die mich zur Weissglut treiben können. Neulich ist mir ein Ameisenbär begegnet. Das war nicht lustig, denn ich reagiert allergisch, wenn mir eine Ameise zu nahe kommt. Ein Bär geht ja noch, doch bei Ameisen hört der Spass auf. Die haben keinen Respekt und krabbeln gerne in die intimsten Regionen. Keine Chance. Ich falle augenblicklich ins Koma und wache erst auf der Intensivstation auf. Von der Ameise keine Spur. Ida hat in Nowa Ruda eine Dose Ameisengift organisiert.
Michael geht Ida zur Hand. Er hat eine Schachtel Streichhölzer gekauft.
verschlossene Gesichter
langweisige Geister
empfängnisschwer
im schwülwarmen Regen
eiskalt gehäutete Marillen
monatliche Regeln
unter schwitzendem Tau
Regenbogen fallen
Schwielen gebären aus Scham
menschenleere Schatten
Entengreise
lüften Monteure
heizungswillige Mätressen
Franz Eckert (1852-1916) war eine der Schlüsselpersonen für die Einführung westlicher Musik in Japan und Korea. Zu seinen bekanntesten Werken gehören das Arrangement der japanischen Nationalhymne, die Komposition der seit der Meiji-Zeit bei allen Tennō-Beerdigungen gespielten zwei Trauermärsche sowie die erste koreanische Nationalhymne. Insgesamt war Eckert 35 Jahre in Ostasien tätig. Eckert hatte mit fast allen staatlichen Institutionen, die mit westlicher Musik zu tun hatten, zeitweise Arbeitsverträge, und er trat mit seinen Ensembles auch bei vielen offiziellen und privaten Anlässen der ausländischen Community auf.Franz Eckert war langjähriges Mitglied der OAG und hat auch in den Mitteilungen der OAG zwei Artikel zu japanischen Liedern publiziert, darunter die weltweit erste Publikation der japanischen Nationalhymne in ihrer heute gültigen Fassung. – Er ist in eurem Haus in der Kirchstasse aufgewachsen. Ein Denkmal wurde für ihn in Neurode errichtet. Sie sind in Nowa Ruda ganz heiss, zu erfahren, ob die Neumanns mit den Eckerts verwandtschaftlich verbunden sind. Ich muss unbedingt die Kirchenbücher in Breslau einsehen. Du, Ida, als vierte Frau vom Joseph bist die Stiefschwester der Theresia Völkel, meiner Urgrossmutter in Weissenstein, eine geborene Hermann. Die Eltern vom Franz hatten mehrere Kinder. Vielleicht hat eine Tochter von ihnen den Vater vom Joseph geheiratet. Das wäre durchaus möglich. Aber ist auch egal. Ich mag dieses ganze Blutgerammel nicht.
Die Eckerts waren keine netten Leute. Den Franz habe ich nicht mehr kennengelernt. Sie haben den frühen Tod ihrer Tochter nicht verwunden. Es ist alles noch viel komplizierter. Joseph ist der Neffe vom Franz. Das ist ihm in den Kopf gestiegen. Schau dir das Bild zur Taufe der Hanna an. Joseph mit Zylinder und edlen Zwirn und Karosserie. Alles Schwindel. Ein Aufschneider.
Du steht hinter ihm. Mit einem dunklen Hut und hochstehenden Mantelkragen. Ein bisschen unheimlich. Überhaupt. Das Foto mit der kleinen Hanna, die fröhlich lacht. Du hast in der rechten Hand ein totes Viech – eine Maus, eine Ratte? – Du hast einen wissenden Blick.
Ich weiss tatsächlich sehr viel. Ein Geisterhaus. Im Keller der Brunnen, aus dem schmatzende Geräusche hochstiegen. Nein, ich hatte keine Angst. Die vielen Toten im Haus. Joseph war eine der wenigen Sargmacher in unserer Gegend. Ich habe sie mit der Marthel parat gemacht. Schön gemacht. Was glaubst du, welche grosse Verantwortung wir hatten. Joseph hat die Toten nicht angerührt. Wenn sie zu schwer waren hat der Erich helfen müssen. Die Marthel war fleissig. Sie hat es sich verdienst. Der Hermelinkragen auf ihrem Mantel. Du hast die Marthel als reformierter Pfarrer beerdigt. Da gab es keinen Widerstand. Sogar am Grab hast du die Gebete gesprochen. Glaub‘ mir, das haben wir arrangiert. Aber hab‘ keine Angst, du kennst dich ja mit Toten aus. Bei toten Viechern sieht es jedoch anders aus.
Warum gerade ich? Warum ist der Michael mir schon so früh so nahe gekommen. Mein Firmname? Warum diese schrecklichen Übergriffe vom Vater, Mansfeld, den Männern, den Geschwistern? Warum die untätige Mutter? Warum evangelischer Pfarrer? Warum die Schweiz? Leipizig und bald Nowa Ruda? Ich verstehe nicht.
Wir brauchen dich. Wir retten dich. Wir lieben dich. Wir küssen dich. Wir machen es uns gemütlich. Wir spielen, singen, tanzen, weinen, schlagen, feilen. Miteinander, Füreinander, in einer eiskalten Mission, die seit langen Jahren begonnen hat und nun ins Bewusstsein tritt. Wir machen es uns schön. Laden dich ein, die Augen zu schliessen, die Hände zu falten und miteinander zu beten. Heilige Mutter trau keinen kleinen Jungs, die zu lange in der Sonne gelegen haben. Bitte für die Schandtaten kein Verzeihen, keine Gnade, keinen Lollipop.
Seniorina Abigail ich habe eine Stunde bei ihnen im Appartement gebucht. Ich bringe meine Schuhe mit den hohen Absätzen mit. Dann tanzen wir auf gleicher Augenhöhe. Bitten schnallen sie ihre Penisattrappe um ihre Denkerstirn, denn so können wir uns prächtig austauschen. Wittgenstein hätte Freude an uns. Bettina hat mit uns einen neuen Film geplant. Sie hat die Finanzierung schon gesichert. Für die Festspiele in Cannes wird es nicht mehr reichen. Wurzen hat den Zuschlag bekommen. Finde ich äusserst prekär.
Wieso setzt sich die Frau vom Einsitz in mein gehütetes Viererabteil, das ich allein besetzte? Ihr gegenüber setzte sich in der Einersitzreihe ein aufdringlicher mittelältriger Mann mit kurzer Hose. Und das in der 1. Klasse, die ich im Maiangebot mit meiner Seniorenbahnkarte geniessen sollte, könnte und auch tun werde. Die Frau ist nicht auffringlich. Ich schaue sie gar nicht. Blond und sommerlich gekleidet. Das habe ich schon wahrgenommen. Sie korrigiert einen Text mit vielen Seiten. Vielleicht ihre Mastarbeit, oder Doktorarbeit, oder Lektorinnenarbeit, oder Geheimdiensttätigkeit. Basel Bad. Deutschland den deutlichen Versabschnitten.
Sie hat ein hellblaues Tshirt, ein hellblaue Jeans, einen weissen Ohrhörer, weisse Turnschuhe und eine braune Brille, eine braune Handyhülle und eine Petflasche Wasser. Eigentlich sympathisch. Ich freue mich auf mein Sauerteigbrötchen mit St.André-Käse. Sie ist ein bisschen zu nett.
Grosse Hände. Füllige Brüste, helle Haut. Offene Schnürrbändchen. Streicht viel durch.
Gegenüber in der Einersitzreihe der mittelaltrige Mann beim Verzehren seines Luncpakets. Mag keine Männer. Sie stinken wie katholische Priester. Priester stinken wie Männer eben stinken müssen, wenn sie sich nicht ordentlich waschen. Das alte Thema. Urinstinkende Penisse. Das müsste in einem gesellschaftlichen Diskurs besprochen werden. Ich mag mir nicht vorstellen, wie eklig es ist, einen urinstinkenden Penis mit einer grossen Schere abzuschneiden, um ihn auf Krankheitskeime zu untersuchen und eine gute Suppe für die Kaninchen zuzubereiten.
Er flirtet mit der Schaffnerin. Sie hat nun auch Hunger. Vielleicht mag sie eine heisse Suppe. Oder eine Capriccio, in dünnen Scheiben mit einem Schuss Sherry.
Michael, du bist meine Rettung. Bitte hole ein grosses Brettchen und ein scharfes Messer. Wir machen einen kleinen Spass. Die Menschen sind fast alle eingebildete Monster. Die grossen Menschen sind böse, die kleinen Menschen sind lieb, die mittelgrossen sind zäh, die kleinwüchsigen mögen das Spiel nicht, die riesenmutierten bekommen Schuldgefühle, die untersetzten bierbäuchigen Missgestalten werden unterschätzt, die hungerleidenden sind eingeladen zum Schlachtefest, die dicken dürfen zuschauen, die dünnen mit den kleinen Brüsten bekommen Proteine, das Ensemble muss eine Fastenkur machen, der Stadtrat macht einen Ausflug in die Berge, die kleinen Männer bekommen Holzlatten, um sich Ersatzbeine zu zimmern, die Nonnen werden gemästet und der edlen Kundschaft zum Verzehr präsentiert. Priester gibt es leider nicht mehr. Sie sind ausgestorben und ihre Knochen archiviert. Die Mütter mögen keine Suppe.
Ida, bist du eine böse Hexe und steckst mich in den Ofen?
Du hastes wohl nicht mehr! Mit so was macht man keinen Spass. Zieh‘ endlich deine Hose hoch. Ich ertrage dein schamlose Betragen nicht.
Hurra, wir machen gemeinsam eine Spritztour.
Sie ist ziemlich gross und einigermassen stämmig. Sie lächelt gerne. Durch dick und dünn.
Traurig.
Ida, ich mag nicht mehr. Fertig lustig. Ich will keine Spritztour. Ich möchte es einfach nur schön haben. Kein Stress.
Ja, atme tief durch.
Ich möchte bitte keine Ochsenschwanzsuppe und ich möchte die Menschen in Ruhe lassen. Ich hab‘ kein Recht, in ihr Privatleben mich einzumischen. Swing low.
Matthias, du bist unser allerliebste Schatz. Wirklich.
Ich mag euch auch. Atem ist immer gut. Tief. Nachher gibt es noch was Süsse. Ein Mohnstreusselgebäck. Ida, ich bin traurig. Michael, ich bin nicht mutig.
War ich auch nicht. Er dachte, mit mir kann er es auch machen. Sein Vater, dein Ururgrossvater war weniger zimperlich. Mit einer Lippenspalte wurde er geboren. In Breslau gab es einen Professor, der als Chirurg ein blitzblankes eisengeschmiedetes Messerset nur für solche Eingriffe sein eigen nannte. Ein hundsgemeiner Quacksalber, der es vor allem auf kleine Jungs abgesehen hatte. Zuerst oben und dann unten. Er hatte Freude am Schnippeln. Als Kunsthandwerker verstand er sich. Nachher war nicht mehr klar, ob Männchen oder Weibchen. Die Kinder wurden herumgereicht. Man konnte sie mieten. Manchmal sogar adoptieren. Das war auf Dauer billiger. Joseph hatte Glück im Unglück. Seine Mutter, deine Urururgrossmutter kannte sich in diesen Dingen aus. Sie legte ihrem Joseph jeden Tag einen neuen Verband, bis alle Schnitte verheilt waren. Dann nähte sie ihm eine Hülle aus feinster Tuchseide. Das sah sogar sehr lustig aus. Oben hatte der Professor perfekte Arbeit geleistet. Da war nur eine kleine Narbe sehen. Mit dem Sprechen hatte er Zeit seines Lebens Mühe. Die Leute verstanden ihn einfach nicht. Red‘ doch deutlicher, Joseph, oder biste ein Idiot, der es nicht besser kann. Joseph war traurig. Sehr traurig und wollte nicht mehr leben. Deshalb schlug er die Mädchen und fasste den Frauen unter den Rock. Seine Eltern machten kurzen Prozess und verheirateten ihn. Und wieder hatte Joseph senior grosses Glück. Lisbeth, seine Angetraute, kannte sich mit den Verschnittenen aus. Sie sucht geduldig sein klitorales Überbleibsel und fand es! Die Menschen erzählen heute noch, welche Lustschreie die ganze Kirchstrasse erfüllten. Der katholisches Pfarrer fühlte sich bemüssigt, ordnend einzugreifen. Er drohte mit dem Metzger. Der Lärm hörte erst nach den ersten Schwangerschaftszeichen auf. So nahm die heilige unselige Geschichte in der Kirchstrasse ihren Lauf. Die Nachbrut sollte dem Brunnen im Keller bei guter Laune halten. Stattdessen erschienen die Gespenster. Jede Nacht. In Josephjunior, deinem Urgrossvater, erwachte schon früh das Wissen um sein Berufung als Hüter dieser Gespensterbande.
Wave Gotic Treffen morgen in Leipzig. Die 1. Klasse ist ab Frankfurt bis auf den letzen Platz belegt. Gegenüber im 4er Abteil ein schwarzes Pärchen. So süss. Tätowiert und mit einem zufriedenem Gesichtsausdruck die mitteljunge Frau. Ihr kahlrasierter Partner auch ein ganz Süsser. Sie werden es schön haben. Alle sind nett und lieb miteinander. Keiner muss Angst haben. Agnes war letztes Jahr mit Jan auf der grossen Abschlussparty. So etwas erlebt man nur einmal im Jahr. Jedes Jahr einmal. Wonderful. Letztes Jahr wollte ich ein Priesterhemd mit dem weissen Kragen anziehen. Habe mich leider nicht getraut. Dieses Jahr mag ich nicht. Mit der 1. Klasse fühlt sich morbide Lust abstossend an. Langweilig. Stinklangweilig. Richtig müde. Brauche ein kleines Schläfchen. Die Guten ins Beutelchen und die Bösen werden im Sack ertränkt. Leider ist es meist umgekehrt. Im Film „Rose“. Starker Film. Starke von Sandra Hüller gespielte „Rose“. Ebenso stark die Frau von „Rose“. Der Henker hat mit dem ersten Schlag nur die Schulter von Rose getroffen. Brutal. Brutal normal. Gar nicht nett.
Ein guter Kaffee hält Leib und Seele im wohlverdienten Gleichgewichte der Kraftmeiereien. Bilder zerstören den letzten Rest wütender Anbandelung. Verdienste gelten nur auf dem Papier. In Wirklichkeit ist es für den Arsch zum Abwischen aller dreckiger Phantasien, die sich linkslastige Regisseure einfallen lassen, um auch mal eine Schlagsahne zu bekommen. Klöppel ist ein rechtsverdrehter hirnrissiger im Abseits stehender Abwart der tristen schweizerischen Neutralität, die es sowieso noch nicht einmal auf dem Papier gibt.
Ich liebe dich.
Ich finde, das gehört hier nicht rein.
