Lesung am 28. März 2025 in Leipzig
Teil 1:
Die Fahrprüfung ist erst bestanden
Wenn der Prüfling die Leitplanke touchiert
Walter Mansfeld:
Heute Nachmittag kommt Norbert. Er ist mit der Situation überfordert. Die kleine Wohnung, die neue Arbeitsstelle, das wenige Geld, es reicht vorne und hinten nicht. Er ist nie richtig zur Ruhe gekommen. Der Krieg hat ihn gezeichnet. Ich erinnere mich, wie er 45 vor mir stand. Ein schmaler Junge, attraktiv, mit den Gesichtszügen eines Erwachsenen. Er hatte viel zu erzählen. Viele schreckliche Geschichten über die letzten Tage des Krieges und der Flucht hat er mir anvertraut. Auf der Flucht wurde er von seinen beiden älteren Schwestern getrennt. Die Eltern blieben in Schlesien zurück. Den Vater hatten die Russen vor seinen Augen halb totgeschlagen. Ich habe ihm zugehört. Manchmal bis spät in die Nacht. Braunschweig war grösstenteils durch die Bombenabwürfe zerstört. Er wohnte in einer Baracke mit anderen Flüchtlingen. Er wollte nicht länger dortbleiben. Fühlte sich wie in einem Gefängnis. Der Krach in der Nacht, die alten Männer neben ihm auf den Pritschen. Der Gestank von Fäkalien und immer die gleichen dummen Witze. Ich liess ihn bei mir übernachten. Es hat sich einfach so ergeben. Mich hat es schon irritiert, wie er überhaupt keine Hemmungen zeigte. Die erste Nacht mit ihm werde ich nicht vergessen. Später wurde es schwieriger. Norbert wollte nun jede Nacht bei mir bleiben. Das ging nicht. Irgendwann hätten die Leute angefangen zu reden. Als Kaplan war ich auch für die anderen Flüchtlinge zuständig. Es kamen immer neue an. Furchtbar, dieses ganze Elend. Norbert war sehr eifersüchtig, wenn mich andere Jungs besuchten. Er wollte mich ganz alleine haben. Er fing an, mir Szenen zu machen. Gut, dass ich bald eine Lehrstelle für ihn finden konnte. Der Lehrmeister war zufrieden mit ihm. Ein Mansardenzimmer konnte er über dem Laden beziehen. Norbert kam manchmal unangemeldet mitten in der Nacht zu mir. Ihn schüttelten Albträume. Mir wurde es langsam zu viel. Ich war froh, als mich der Bischof dann als Justiziar an den Domhof in Hildesheim berief.
Als Norbert mir von der Hanna erzählte, war ich erleichtert. Ich ermutigte ihn, die Freundschaft zu diesem Mädchen zu vertiefen. Es entlastete mich und ich merkte sehr schnell, wie die Hanna ihn führen konnte. Die beiden passten gut zusammen. Nach der Verlobung heirateten sie bald. Hanna wurde schwanger und brachte ihr erstes Kind auf die Welt. Michael, mit dem Kind stimmte etwas nicht. Nach drei Monaten starb es. Kaum war das Kind gestorben, wurde Hanna wieder schwanger. So konnte sie das Schlimme vergessen. Das Leben ging mit reichem Kindersegen weiter. Nach Thomas kam ein Jahr später Maria auf die Welt. Im darauffolgenden Jahr wurde Georg geboren. Norbert ist ein guter Familienvater. Er kümmert sich um die Kinder. Er liebt sie. Ich habe Freude an dieser kleinen Familie und darf an ihrem Glück teilnehmen. Norbert kam nur noch selten zu mir in die Wohnung nach Hildesheim. Das war gut so. Trotzdem fehlte er mir. Er hatte dann Probleme in der Arbeit. Ihm wurde alles zu viel. Er fing zu trinken an und suchte meine Nähe. Ich wollte nicht von vorne anfangen. Doch ich war überrascht, mit welcher Leidenschaft er mich begehrte. Bald gab es keine Tabus mehr. Wir schauten uns Magazine an und befriedigten uns an Bildern nackter Jungs. Norbert leitet in seiner Gemeinde eine Messdienergruppe. Wir malten uns aus, mit welchen Jungs wir uns am liebsten vergnügen wollten. Mitten in unserem Rausch dann die Nachricht, dass Hanna wieder schwanger war. Für Norbert war das ein Schock.
Norbert sah schlecht aus, als er heute bei mir war. Morgen ist die Taufe von Matthias. Ich selber werde ihn in der Vincenz-Kapelle taufen. Er fragte immer wieder, ob wir uns nicht schwer versündigten, wenn wir einfach wie bisher weitermachten. Es war das erste Mal, dass Norbert von Sünde, dem Bösen und der Versuchung sprach. Ich versuchte ihn zu beruhigen. Man muss den Satan mutig in die Augen schauen, damit er von einem weicht. Der Teufel sucht sich die schwache Menschen aus. Vor den Starken flieht er. Das Kind wird meinen Namen tragen – Matthias Walter – ich werde ihn nicht aus den Augen lassen.
—————
Alles ist besser, als die Nähe von Ungeheuern
—————
: ich sehne mich nach Lebendigkeit. Wo bist du?
: ich liege in einem Sarg. In mir kannst du deine Sehnsucht nicht stillen. Ich muss die
Erinnerungen fernhalten. Ich bin gefangen. Starr harre ich aus. Ich kann dich nicht erreichen.
Nichts und niemand kann mich erreichen
: ich darf dich nicht so schutzlos allein lassen. Wir sind beides traurige Gestalten. Ich gebe nicht
auf. Was brauchst du?
: Deine Sorge tut mir gut. Sie macht mich stark, um den Ungeheuern standzuhalten
Hinter der Tür eine Orgie – es sieht geile Männer
In der Gärtnerei geschehen die wildesten Abenteuer
Neulich hat ein Feldhase den Salat geklaut
Der Giftschrank wurde aufgebrochen
Die torffreie Blumenerde heimlich ausgetauscht
Der Bretterzaun angemalt
Die Praktikantin ermahnt
Der Praktikant rausgeschmissen
Die Chefin ermordet
Der Flüchtling verdächtigt
Der Bruder in Haft
Inzwischen kursieren die wildesten Geschichten
Eine neutrale Berichterstattung ist nicht möglich
Teil 2:
: Ich schaue verführerisch in die Kamera. Ich kann die Männer um den Finger wickeln.
: der Schmerz. Junge!
Wo ist dein Schmerz?
: Ich habe keinen Zugang zu meinem Schmerz. Keine Bilder. Leer. Ich spüre nichts.
Die atomare Bedrohung ist real. Wir sind schon mitten drin. Die Plutonium-Isotope haben sich in die Knochen gebohrt. Dann durch die Milz in die Leber und von dort in den Darm. Jede Kläranlage ist verseucht. Atomar wohlgemerkt.
Grossvater – väterlicherseits
Du bist vor meiner Geburt gestorben. In Wickendorf, ein kleiner Ort, der heute zu Polen gehört hast du mir deiner Frau Anna einen kleinen Dorfladen geführt. Sechs Kinder. Manchmal kamen die Leute vom Dorf und wollten von dir einen Verband gewechselt haben, denn du warst im ersten Weltkrieg bei den Sanitätern und kanntest dich gut aus. Dann kamen die Nazis und wieder ein Krieg.
Franz-Josef, dein Ältester wurde früh ins Militär eingezogen. Klaus, der Zweite musste als Soldat am Ende des Krieges einrücken. Franz-Josef fiel in den letzten Kriegstagen im Harz. Klaus kam in der Tschechei in Kriegsgefangenschaft. Du hast alles dir Mögliche getan, damit Norbert, mein Vater, nicht auch noch eingezogen wurde. Du bist zum Kreisleiter gegangen und hast ihm gesagt, dass du nicht noch einen Sohn hergeben wirst. Du hast es geschafft, dass Norbert mit 14 aus der Schule entlassen wurde, um euch im Laden zu helfen. So hattest du ihn in deiner Nähe. Noch mehr Sorgen machte dir das Wohl deiner drei Töchter, die zwischen 13 und 17 Jahre alt waren. Norbert hatte die Aufgabe, Erdlöcher auszuheben, in denen die Schwestern sich verstecken sollten, wenn die Russen einmarschieren. In der Familien-geschichte heisst es, dass du von russischen Soldaten vor eurem Laden brutal zusammengeschlagen wurdest. Norbert hat es mit anschauen müssen. Du hast dich entschieden, dass Norbert sich mit deinen zwei älteren Töchtern, der Maria und Angela, einem Flüchtlingstrek Richtung Westen anschliesst. Du hast Norbert einen Satz mit auf den Weg gegeben, der das Skript deiner Kinder und Kindeskinder nachhaltig prägen sollte. „Halte dich immer an Höhere!“ – Auf der Flucht wurden deine Kinder getrennt. Details wurden später nie erzählt. Ich stelle mir vor, dass sich schreckliche und traumatische Dinge abgespielt haben müssen. Norbert ist schlussendlich dann in Braunschweig in der englischen Besatzungszone gelandet.
Ich will dir unbedingt erzählen, wie es mit deinem Sohn Norbert in Braunschweig weiterging. Ich will, dass du als Vater weisst, wie dein Sohn ganz fürchterlich unter die Räder gekommen ist. Ich übertrage dir die Aufgabe, das Schicksal deines Sohnes in dein behütendes väterliches Andenken zu stellen. Ich kann es nicht! Mir hat dein Sohn als Vater unendliche Leiden zugefügt. Ich werde ihn niemals in Würde gedenken können. Doch du kannst – du musst das tun. Ich kann ihn nur verfluchen.
1945, als Norbert in Braunschweig, getrennt von seinen älteren Schwestern, ankommt, ist Braunschweig zu 90% zerbombt. Er hat den Satz von dir nie vergessen. An Höhere soll er sich halten. In der katholischen Kirche waren das vor allem Priester. In Braunschweig war Kaplan Dr. Walter Mansfeld für die Flüchtlingsbetreuung verantwortlich. Norbert hat sich ihm anvertraut. Mansfeld hat seine Bedürftigkeit auf schändliche Weise ausgenutzt. Mansfeld hat Angela bei den Engländern in Osnabrück ausfindig gemacht und nach Braunschweig geholt. Dort ist sie bei den Vinzentinerinnen untergekommen und später in den Orden eingetreten. Dieser Mansfeld hat schon sehr früh das Schicksal eurer Familie bestimmt. Er hat Norbert eine Lehrstelle bei Kalinka im Laden vermittelt. Norbert war ihm hörig. Du weisst, dass er Norbert als Lustknaben benutzte. Nur mit Mansfelds Hilfe konnte er euch die Lebensmittelpakete in den Osten schmuggeln. Nichts ging ohne den Herrn Doktor, dem Sohn des ehemaligen Obergerichtspräsidenten in Braunschweig. Mansfeld, eine hochehrwürdige Familie mit lauter bekannten Juristen. Die meisten radierten ihre jüdische Herkunft aus. Walter Mansfeld, der promovierte Jurist wurde der erste Priester in der Familie. Deine Frau Anna vergötterte ihn.
Norbert ging es nicht gut. Doch du hattest keine Kraft und keinen Mut, hinzuschauen. Der Kontakt mit Mansfeld war mit dem Umzug an den Domhof nicht beendet. Mansfeld war mit der Geburt der Kinder nun noch präsenter in der Familie. Hanna hat dir erzählt, wie Norbert an vielen Wochenenden Mansfeld am Domhof besuchte. Die Beziehung zwischen beiden wurde immer intensiver. Mansfeld war bei den Familienfesten und den Taufen der Kinder dabei. Das bezeugen viele Fotos. Mansfeld half finanziell, machte seinen Einfluss geltend, um Norbert Arbeitsstellen zu vermitteln. Ohne Mansfeld als Protegé hätte er die Stellen nie bekommen. Und auch bei der Wohnungssuche liess Mansfeld seine guten Beziehungen spielen. Norbert war Mansfeld hörig und absolut abhängig von ihm. Grossvater, dein Sohn war eine Marionette von Mansfeld. Und das weisst du. Als Vater merkt man das.
Grossvater, warum hast du so traurige Augen? Grossvater, warum hast du so flattrige Beine? Grossvater, warum hast du so eine brüchige Stimme? – Du bist gestorben, bevor ich geboren wurde. Dein Tod hat Norbert nun vollends in die Fänge von Mansfeld getrieben. Er musste kein schlechtes Gewissen mehr haben. Er musste die Perversität seines väterlichen Freundes nicht mehr vor dir verstecken.
Mit meiner Geburt, wurde ein neues Kapitel in seiner korrumpierten Seele aufgeschlagen. Mansfeld versteckte seinen Besitzanspruch nicht länger. Er taufte mich in der Vincenzkapelle. Sein Name wurde in mich eingebrannt – Matthias Walter.
Manchmal tauchen plötzliche einzelne Bilder auf. Mansfeld, der mich als Kleinkind entkleidet und sich an mir vergeht. Dein Sohn mit mir im Schienenbus von Braunschweig nach Hildesheim sitze. Die Wohnung am Domhof. Die dunklen Vorhänge. Eine Tür in dieser Wohnung, ich schreie, als ich die Tür öffne und nackte Männer sehe. Grossvater, warum haben die Männer so grosse Pimmel?
Dein Sohn, schreckte nicht davor zurück, sich an seinem eignen Sohn zu vergehen. Als Klemens, dein sechstes Enkelkind geboren wurde, fing es an. In der winzigen 3-Zimmerwohnung hatte es keinen Platz mehr für ein elterliches Schlafzimmer. Die Mutter schlief mit Maria und dem Neugeborenen im kleinen Zimmer. Im Kinderzimmer Thomas, Georg und ich. Der Vater schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer.
Mehr brauche ich dir nicht zu erzählen. Ich kann deinem Sohn nicht verzeihen.
Es ist tot.
Die Eltern haben sich freigekauft.
Es wurde zur Ware.
Erst durch einen Warenwert wird das Kind opferfähig.
Auf dem Opferaltar für die Sünden dieser Welt gestorben.
Magdalena ist clean. Sie erholt sich in einer Lodge mitten in der somalischen Savanne. Sie hat einen sogenannten Elefantentöter mit einer wahnsinnigen Durchschlagskraft. Sie braucht kein Alkohol, Speed oder Koks und auch kein Gras mehr zum Einschlafen.
: deinen Schmerz kann ich nicht fühlen
: du läufst weg
: ich sehe dich nicht
: du erdrückst mich
: stimmt nicht
: warum tust du mir weh
: mache ich nicht
: warum musst du mich kleinmachen
: was redest du da
: es ist so
: nicht
: ich bekomme keine Luft
: mir wird schlecht
: bitte
: was kann ich tun
: sprich‘ nur ein Wort
: hör‘ auf mit dem Blödsinn. Keine Sünde, keine Seele, keine Vergebung, keine Peitsche, keine Pfeile, kein Feuer über dem in Bananenschalen eingewickelte Wilde schmoren. Fertig mit der Scheisse.
: ich bin allein. A motherless child.
: Ja, du bist allein.
: niemand bezeugt mein Leiden
: nur mit vorheriger Reservierung
: Jesus
: Nein
: Jesus, Ich bin der Gekreuzigte.
: Nein
: Doch
: Es gibt keinen Jesus
: ego eimi.
: bist du nicht
: du hast recht
: Vergib mir
: es ist gut
Sanguiniker sind im Grunde sehr verträgliche Menschen. Sie haben es gerne, wenn sie an ihren Geschlechtsteilen gekrault werden. Sie können für andere eine Gefahr werden, wenn es niemand machen will. Das passiert. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Die anderen machen es anders. Choleriker werden aggressiv, Phlegmatiker machen es heimlich und Melancholiker verkaufen es als Liebe. Am schlimmsten sind Priester und Nonnen. Wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, müssen Kinder dran glauben. Autoradiomechaniker sind auch recht übel drauf.
Teil 3:
katholische DNA
Erschreckend potent
Bis ins zehnte Geschlecht
Winterferien in den Bergen. Lawinen werden in der Nacht gesprengt. Kinder laufen querfeldein. Eine Löwin bittet um Einlass, denn der Sturm fegt alle Kastanien vom Baum. Minnas Kuchen ist fein. Schwarzwälder. Eine Torte.
Stefan – Seit fünfzehn Jahren begleitest du mich als Zenmeister. Du bist auch katholischer Priester. Gestern im Dokusan habe ich dir von meinem Video „Priester sind Schweine“ erzählt und von meiner Beichtstuhlinstallation, in der auf einem rotierenden Teller ein Schweinekopf um ein Spiegelkabinett kreist. Du hast mich immer wieder ermutigst, die Verbrechen, die mir in der katholischen Kirche angetan wurden, öffentlich zu machen.
Auch ich wollte Priester werden. Als Zehnjähriger spielte ich regelmässig Messe. Ich feierte mit Knäckebrot die Eucharistie. Liess genussvoll das Brot auf der Zunge zergehen. An den Kelch traute ich mich nicht. Als Messdiener klopfte mein Herz, wenn beim Hochgebet um Priesternachwuchs gebetet wurde. Heilige Momente. Ganz früh schon durfte ich Ministrieren. Da wurde die Messe noch in Latein gehalten. Stolz war ich, als wir uns zum Stufengebet mit dem Priester niederknieten. Die lateinischen Worte verstand ich nicht. Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa (durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergrosse Schuld) – Dreimal schlugen wir uns tatkräftig auf die Brust.
Ich wurde evangelischer Pfarrer. Die ersten Jahre wusste ich nicht, was ich predigen sollte. Ich konnte mir nicht eingestehen, dass ich eigentlich viel lieber ein Priester mit all dem „Hokus Pokos“ sein wollte – theologisch war ich aufgeklärt, geschult, um das katholische Kasperlespiel in seiner masslosen Überhebung radikalkritisch beleuchten zu können. Die Theologie half mir nicht. Als evangelischer Pfarrer fehlte mir der Weihrauch und die augenverdrehende Heiligkeit, um aus Brot und Wein eine leibhaftige Götterspeise zu zaubern. Jede Sonntagspredigt, die ich vorbereiten musste, wurde zu einer Qual. Ich hatte nichts zu sagen. Wenn ich Kinder taufte, sprach ich über die Königswürde, die ihnen zugesprochen ist. Königskinder Gottes. Ich selber fühlte sich unerwünscht und ohne jeden Wert.
Za-Zen habe ich vor 25 Jahren begonnen. Im Lassalle-Haus, einem Bildungszentrum im Kanton Zug, das von Jesuiten geleitet wird, wurde ich in diese buddhistische Meditationsform eingeführt. Ich wollte unbedingt aus meiner spirituellen Leere finden. Koste es was es wolle. Ich habe dir detailliert erzählt, was ich dann erlebt habe. In einem Zen-Sesshin wurde mir eingeredet, dass ich vom Satan besetzt sei. Sie wollten einen Exorzismus an mir zu vollziehen. Ja, ich habe das tatsächlich an mir machen lassen. Mit allem Drum und Dran, Kerzen, Weihrauch, Gebetslitanien. Mir wurde gesagt, ich müsse mein Leben Gott übereignen, sonst würde sich der Satan wieder als Krake in meine Brust bohren.
Unbegreiflich, wie eine Bande katholischer Vodoo-Banausen zu dieser Zeit im Lassalle-Haus unter dem Label Zen ihr Unwesen trieb. Du selber hattest als auswärtiger Jesuit und Zenmeister selber Kontakt zu dieser Bande und hast mich unterstützt, den spirituellen Missbrauch, der an mir verübt wurde, öffentlich zu machen.
Viele hundert Stunden habe ich bei dir auf dem Kissen gesessen, doch es hat Jahre gedauert, bis ich mich endlich von all dem katholischen Dummsinn befreien konnte.
Adieu bis zum nächsten Sesshin. Ich freue mich nicht, weil es verdammt anstrengend ist.
Und wenn ich den Buddha treffe, werde ich ihn töten – hoffentlich
Findus ist ein verträgliches Kerlchen. Er mag Schnee, Glitzer, Bananencreme, Handschellen und einen funktionierenden Taser. Nach dem Mittagessen braucht er ein kleines Schläfchen. Er nennt es Powernap. Er wurde schon oft verwarnt und mehrmals gerichtlich gebüsst. Ist ihm egal. Die Zeitungsverträgerin hat im Briefkasten schon die merkwürdigsten Dinge vorgefunden. Neulich hatte sich eine Weinbergschnecke verirrt und ihm den Weg versperrt. Da hört für Findus jeder Spass auf.
: Hey Hey. Du, ich habe Angst vor den Menschen. Riesige Angst. Das will ich nicht mehr
: Ich bin doch bei dir.
: Ja, so klar und doch so schwierig.
: In der Kunst, im Gestalten, im Clown, im Eros, in der Musik sind wir zusammen
«Darf ich mich mit einer Umarmung von dir verabschieden?»
Stimmig
Wohltuend
Frau zu sein
Preisgekrönte Zuchtschweine
Sie gehören kastriert
Sylvester sagt die Frau Mama, du bleibst hier und ich gehe eine Runde feiern. Bis zum Morgengrauen bleibe ich fort und wenn ich zurück komme, schneide ich dir den Daumen ab. Hast du gedacht, sagt Sylvester. Ich geh fort und komme nicht wieder.
Schrecklich
Will nicht kastriert werden
Will kein Aufgeilen
Will kein alter weisser Mann sein
Will kein Priester sein
Will keine Macht
Will nicht herrisch sein
Will nicht Angst machen
Will nicht um Leben und Tod kämpfen
Will nicht den letzten Freund verlieren
Will mit der Genschere den katholischen DNA-Strang herausschneiden
Will nicht als Mann sterben
Lemminge begehen kollektiven Suizid
Ich will als Geliebte ins Zeughaus gehen, die Uniformen, Abzeichen in die Luft jagen.
Ich will die Dose der Pandora öffnen, damit die schrecklichen Ungeheuer freiwillig ins Meer stürzen.
Ich will eine Daumenschraube.
Ich will einen Damenhut
Aus der Herrenabteilung
Mit Menschen hat er seine liebe Mühe. Grundsätzlich mag er sie. An besonderen Festtagen können sie absolut nervig sein. Sie wollen dann immer eine Flasche Prosecco knallen lassen. Sie essen auch ziemlich gerne Salzstangen und Küsschen. Neulich kam ein Kunde ins Geschäft und wollte tatsächlich eine gebrauchte, schon angefangene Tüte kaufen. Die seien billiger. Die Einbahnstrassen sind auch so ein Thema. Da geht es nur in eine Richtung. Das können sich die kleinen Zwerge nicht merken. Sie sehen die Schilder meist erst im letzten Moment. Sie müssten sich ein paar Kissen auf den Sitz legen. Das wollen sie nicht. Aus Pietätsgründen, denn schon der Grossvater war ein Kleiner und musste die Führerscheinprüfung im Idiotentest bestehen. Am Anfang steht meist ein Missverständnis. Und hinterher ist mann schlauer.
Wundmale kommen nicht von gestern, sondern werden jedes Jahr neu gebrannt. Der Bäcker hat dafür ein Patent. Die Tante hat sich schon drei Mal brennen lassen. Im Hinterroderemstal soll es Eingeborene geben, die noch nie ein Mal gesehen, geschweige denn, gekostet haben.
Tri Tra Trallala
Der Kasperle ist wieder da
Und ihr liebe Kinder seid auch noch da
Kasperle Kasperle
Wo warst du?
In der Drachenhölle
Beim bösen Drachen?
Besiegt habe ich ihn
Das Herz ihm herausgerissen
Die Zähne eingeschlagen
Die Lunge zerfetzt
Die Milz gebraten
Die Augen püriert
Hurra Hurra Kasperle
ist unser Drachentöter
An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heissen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt. Edouard Louis
Michael R.
Der Ortspriester ist stolz auf seine grosse Messdienerschar. Vor den grossen Festtagen wird geprobt. Choreographisch wird vor allem der Ein-und Auszug einstudiert. Der Priester stolziert dann wie ein Gockel seiner Dienerschaft hinterher. Bei der Gründonnerstagsliturgie müssen die Jungs der Reihe nach die Füsse von Jesus küssen. Angenagelt auf einem Kreuz liegt er auf den Stufen zum Altar. Michael R. kniet sich neben den Greuzigten und gibt ihm einen innigen, und hörbar feuchten Kuss.
Michael R. will nicht nur den Herrn Jesus küssen. Er veranstaltet FKK-Treffen im Gebüsch neben der Autobahn. Sein jüngerer Bruder muss die Schulkameraden überreden, an diesem besonderen Spiel teilzunehmen. Das einstudierte sonntägliche Theater dient ihm als Vorlage. Dramaturgisch geschickt werden die Gewänder nicht angezogen, sondern Stück um Stück entblösst. Burkhard befolgt minutiös den Anweisungen seines Bruders, es sei ja nur Spiel, um mal zu schauen, wie es die Leute im FKK-Verein auf dem Grundstück nicht weit von der Autobahn, vor neugierigen Blicken geschützt durch eine hohe Hecke und Holzbrettern, machen. Es piekt unangenehm, wenn sie als letztes ihre Unterhosen ausziehen. Michael R. nimmt seinen grossen und die andern ihren kleinen Pimmel in die Hand.
Matthias, sein winziger Penis, seine glatte Hut, sein wohlgeformter Hintern. Die anderen Jungs tragen ihn als nacktes Es auf Händen in einer ausgeklügelten Prozession zum Altar und hüllen es in eine Decke ein. Ein Vorhang wird gezogen. Allen Blicken entzogen, steht Michael R. allein vor dem Altar. Behutsam nimmt er die Decke vom Körper des nackten Es. Blut an Händen und Füssen, ein blutiger Stich an der Lende.
Es wird ihn nicht abweisen. Michael R. hat einen ausgeklügelten Plan. Es ist anhänglich und denkt, es habe nun einen älteren Freund. Mit dem Fahrrad und einem Zelt fahren sie Richtung Riddagshausen. In einem kleinen Waldstück bauen sie das Zelt auf. Michael R. hat Zigaretten mitgenommen. Es darf auch eine rauchen. Niemand kann sie sehen.
Es merkt nicht, was hier abgeht. Michael R. klettert ins kleine Zelt. Es hinterher. Michael R. zieht den Reissverschluss. Bildriss.
Sehenswürdigkeiten gibt es überall. Sogar in Peine. Genf spielt in einer anderen Liga. Turin kämpft ums Image. Schwarzenburg liegt nicht an der Donau. Auf der A3 gab es schon wieder einen Unfall mit Todesfolge. Petri Heil sagen die Fischer. Müllers Lust die Velomechanikerinnen. Sie haben etwas gemeinsam. Sie sprechen nur gebrochen Deutsch und lutschen an ihren Daumen.
Es versteht
Es will alles Vorherige auslöschen.
: ich fühle mich lebendig, wenn ich begehrt werde. Sexuell.
: Jetzt bin ich dir nahe – bedrohlich nah‘
: Schön bist du
Wunderschön
Mein Geliebter
Komm, komm
Spiele mit mir
Komm auf meinen Schoss
Wir spielen wie Kinder
Unschuldig
Meine Zunge in deinem Mund
Meine Nase riecht deine Köstlichkeit
Wir fliehen an einen verborgenen Ort
: Begehrt zu werden gab dir eine gewisse Stärke. Der Preis war hoch. Dein Aufwand war gross,
Ich ahne deine Verletzungen. Was dir die Männer angetan haben, ist furchtbar. Du hast die
Bilder auslöschen müssen
In den Gedärmen
Rumoren wilde Unverträglichkeiten
Begierde
Gebiert
Ein sonniges Gemüt
Ein Flügelschlag
Schlägt die Sahne steif
Ein Kehlkopfschrei
Aus offenem Mund
Er ist tot
Kann nicht lieben
Tanzen
Schlecken
Er ist tot
Schutzengeli
Ich brauche deine Knie
Nein! Aufhören!
Bitte nicht!
Nicht hauen!
Nicht in mich!
Nein!!!
Ein Hase kommt gehoppelt. Ohne Schwanz und Ohren. Das rechte Bein ist lahm. Er kann nicht mitlachen. Morgen begleiten Mütter ihre Kinder zur Einschulung. Auch Grossmütter kommen mit. Leider nur wenig Väter. Die sitzen mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher. Am Mittwoch ist schlechtes Wetter angesagt. Tropische Hitze, die sich zu einem Schneesturm aufschaukelt. Grossväter haben breiten Widerstand angekündigt.
Launische Elster
: Clown – Hab‘ mich lieb
: gemeinsam schreien wir nach Liebe
: ich will nicht mehr um Liebe betteln – das muss endlich vorbei sein. Auch im Clown. Das geht
einfach nicht.
: Was mich am Clown hält, ist die Freude der Menschen.
Die ansteckende Freude. Schön, dass du da bist. Schön, dass du uns besuchst.
: schön, dass wir da sind. Das Spiel soll immer andauern. Feiern.
: Im Clown, wenn er denn Clown sein darf, ist die Angst beruhigt.
: im Clown sehen die Menschen ihre Angst, nicht geliebt zu sein.
: sie lachen mit dem Clown, singen, tanzen. Sie sehen ihre Sehnsucht nach Liebe. Es gibt keinen Grund, nicht dazuzugehören.
: es gibt alle Gründe, den Clown des Scheiterns zu bezichtigen. Du Versager, du Anfänger, du
Nichtsnutz, du aufgeblasener Lümmel. Ich lasse mich nicht beirren. In dieser Angst spiele ich.
: Ich will es schön haben.
: Wenn die Angst ausgeblendet wird, bin ich weg.
: sie gehört überall dazu. Auch in die Kunst.
: gut, dazuzugehören
: ich glaube dir! Ich glaube dir, dass dich der Vater über viele Jahre missbraucht hat.
: wenn du zweifelst, bringst du mich in grosse Not. Die Verbindung zwischen uns wird unterbrochen.
: erzähl‘ mir – immer wieder. Du darfst dich wiederholen. In deiner Sprache sprechen. Auch in der Sprache des Penis.
: tot. Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir. Sprich‘ mit mir.
: ich drifte ab. Gehe in Tagträume. Vielleicht will ich gar nicht hören. Bin sehr aufgerieben.
: wie ein grosser Nebel. Übelkeit. Schlimm. Vater, du bist ein Verbrecher. Ein grosser
Verbrecher.
: Du hast ihm den Schwanz abgeschnitten.
: Ich bin allein. Ich bekomme keine Luft mehr. Angst.
: Töte ihn
: du musst ihn töten. Töte ihn und schau‘ mich an.
: ich kann ihn nicht töten.
: ich kann ihn auch nicht töten. Das liegt nicht in unseren Möglichkeiten
: Er hat sich selber getötet. Er ist gestorben. Er hat gewusst, dass wir seinen Tod als Befreiung
erfahren.
: du hast um ihn getrauert.
Der Hahn ist tot, le coq est mort. Er kann nicht mehr krähen, Kokokokokokodikokoda
: tot
: wie geht es dir? Du bist aktiv, das merke ich in der Nacht.
: nimm meine Hand. Ich führe dich.
: Wirklich?
: Die Mutter war mit Klemens beschäftigt. Sie schlief mit ihm und Maria im kleinen Zimmer. Der
Vater schlief auf der Wohnzimmercouch. Er hat dich geholt. Schau’ hin.
: ein fremder Mann. Keine Nähe.
: er hat über mich verfügt. Er war mein Zuhälter. Keine Nähe. Abgespalten. Keine Gefühle.
Im Geheimen. Die Mutter durfte davon nichts wissen/ wusste es.
: er hat dich besessen. Unvorstellbare Scham, die in dir aufsteigen muss.
: ich war sein Eigentum. Die Mutter war nicht da.
: gut, dass du ihm den Schwanz abgeschnitten hast. Bitte hör’ nicht auf, mir zu erzählen.
Anders kommen wir nicht raus.
: das werde ich tun
: ich glaube dir. Was du erlebt hast, wird mich nicht vernichten. Erzähl’ mir, du brauchst mich nicht schonen.
: schau’ dir das Foto noch einmal an.
: irgendwie krass. Fremd. Alle sind mir fremd. Der Vater. Ich sitze auf dem Schoss des Vaters. Da muss er sich noch einmal an dich/mich rangemacht haben.
: ich hätte alles für ihn getan. Alles.
: dieses verdammte Arschloch!
: er hat früh angefangen, an mir rumzumachen. Ich habe die Augen zugemacht,
Nichts gemerkt.
: mehr Erinnerungen hast du nicht? Das ist schlimm.
: ich habe leise geweint. Ich habe mich steif gemacht. Ich weiss es nicht mehr. Am nächsten
Tag, die Geschwister, wie sie mich angeschaut haben. Ich bin zur Mutter gerannt.
: du musstest alles vergessen.
: Fast alles. Die Mutter ist auch weg. Alles weg. Gelöscht. Erinnerungen tauchen auf, als er
aufhörte mich zu benutzen. Dieses elendige Schwein! Vaterschwein. Mutterhure.
: ich glaube dir. Du kannst mir erzählen, wenn etwas auftaucht. Du musst dich nicht erklären.
: wenn ich dich vergesse, überfällt mich grosse Müdigkeit. Auch jetzt beim Schreiben. Vor fünf Minuten war ich noch hellwach.
: du hast dir ein Porno angeschaut und dir einen runtergeholt.
: ich habe mich danach gut gefühlt.
: langweilig, macht mich müde, träge, todmüde.
: du bist in Sicherheit. Schau’ mir zu. Ich hatte Freude. Eine schöne Erregung.
: der Eros ist stärker als ich
: und wenn ich Kunst mache?
: dann bin ich beteiligt. Auch im Eros bin ich dabei. Auch im Essen und Trinken. Da bin ich
dabei
: im Reflektieren, im Lesen, im Nachdenken, bist du nicht dabei?
: da ist der Vater präsent. Wo der Vater ist, muss ich mich entfernen
: jetzt beim Schreiben werde ich schnell wieder sehr müde
: das war eine harte Nacht. Mein Penis sehr steif. Habe mit dir gesprochen. Dich beruhigt.
Weiss nicht mehr, was ich dir sagte.
: es macht mir Sorgen. Deine Müdigkeit, die schlagartig kommt. Es hat mit mir zu tun – mit
meinem Vergessen. Wenn ich mich vor den Erinnerungen schütze, erwischt es dich. Dann
springt der Funken des Vergessens auf dich über. Du wirst todmüde – schlagartig. Wenn du in
der Nacht im Schlafmodus bist, sind meine Schutzbarrieren geschwächt. Müdigkeit bei dir löst
das Gegenteil in mir aus. Wenn du Pornos schaust, funktioniert mein Schutz.
: Müdigkeit, Frauen, Porno, Rotlicht, Verlieben, Eros – darin findest du Schutz?
: da bin ich sicher. In deiner Müdigkeit, in deinen Fantasien.
: Du hast riesige Angst. Ich auch.
: Für die Mutter, für den Vater war ich nur eine Verlängerung ihrer Verletzungen. Für sie habe ich
gar nicht existiert.
Grossvater mütterlicherseits
Wir kennen uns nicht. Du bist Anfang der 50er Jahre gestorben. In den Erzählungen hiess es, dass du an der Vertreibung und dem Flüchtlingsstatus in Braunschweig zerbrochen bist. Als gelernter Bäcker und Konditor konntest du nicht mehr auf deinem Beruf arbeiten, sondern musstest in der Fabrik, im Volkswagenwerk, als ungelernter Arbeiter schaffen. Auf den Fotos schaust du freundlich in die Kamera und siehst nicht krank aus. Den Hitlerschnauz aus deiner früheren Zeit hast du dir abrasiert. Du bist ein sehr kleiner Mann. Die Körpergrösse hast du mir vererbt. Ich weiss nicht, ob ich dich mag. Eher nicht. Ich sehe dich mit deiner Frau und den beiden Töchtern am Strassenrand die Hakenkreuzfähnlein winken.
Du hattest es gerne lustig. Mit Hanna, der älteren deiner zwei Töchter, meiner Mutter, bist du bei Unterhaltungsabenden als Pat und Patterchen aufgetreten. Deine andere Tochter, die Gisela, war die Pechmarie in der Familie. Ich denke, du warst ein schlechter Spassmacher. Wie hast du es mit den Judenwitzen gehalten? Deiner Tochter hat es in der Hilterjugend im Bund deutscher Mädel gefallen. Das hat sie immer wieder erzählt. Später waren es nicht die Juden, gegen die sie hetzte, sondern die Polen, die sie abfällig als Pollacken herabwürdigte.
Ich bin mir bewusst, dass du meine Worte als sehr überheblich empfinden musst. Wir hatten bis zu diesen Zeilen keinen Kontakt. Obwohl ich sehr viele Male dein Grab besucht habe. Mit deiner Frau Anna, meiner Grossmutter. Wenn ich bei ihr zu Besuch war, sind wir immer auf den Friedhof gegangen. Da haben wir die Blumen gegossen und die Oma hat mit einer Harke einen sauberen Pfad um das Grab gesäumt. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals etwas über dich erzählt hat. Du bist mir wirklich sehr fremd und dich als Grossvater anzusprechen fällt mir nicht leicht. Deine Frau habe ich sehr gern gehabt. Wenn ich bei ihr zu Besuch war, war ich in Sicherheit. Die Oma hat mich nicht in den Arm genommen, doch sie hat mich in Ruhe gelassen. Bei ihr durfte ich Fernsehschauen, Comichefte lesen und Coca Cola trinken.
Anna war deine dritte Frau. Die anderen zwei sind dir früh gestorben. Es war nie ein Thema, ob da noch andere Kinder von dir leben. Von einer Schwester weiss ich. Liesel. Die hatte auch ein Grab auf dem Friedhof. Ohne Grabstein. Die Liesel kam mit euch, als ihr in einem Güterwaggon nach Braunschweig deportiert wurdet. Deine Tochter hat immer und immer wieder von dieser Fahrt erzählt. Euer Metzger hatte eine schwere Viehkette mitgenommen. So wart ihr vor nächtlichen Übergriffen sicher. In Wenden, einem Vorort von Braunschweig wurdet ihr bei der Familie Gröger einquartiert. Zwei Zimmer wurden euch zugewiesen. Einen Ofen gab es nur im grösseren Zimmer, dem Koch-und Wohnbereich und einer Bettstatt für deine kranke Schwester. Im anderen Zimmer habt ihr mit den Töchtern geschlafen. Unter eurer Wohnung, im Stall der Grögers habt ihr euere Notdurft verrichtet.
Du hast Arbeit in der Fabrik gefunden. Gisela, deine jüngere Tochter war schwer an Tuberkulose erkrankt. Hanna hat in einem katholischen Kindergarten als Aushilfskraft arbeiten können. Ihr wart bei den Einheimischen nicht willkommen. Hanna war gerade fünfzehn geworden. Sie hatte bei den Ordensschwestern im Kindergarten einen sicheren Ort. Sie überlegte sich sogar, in den Orden einzutreten. Dein kleiner Lohn hat nirgend gereicht. Duhast du dich geschämt, nicht besser für deine Familie sorgen zu können. Anna, deine Frau, ist auf die Felder gegangen, wenn Kartoffeln geerntet und zum Bahnhof, wenn Kohlen geliefert wurden.
Die Hochzeit mit Norbert empfandest du als Glücksfall. Mit Norbert sollte es bei euch besser werden. Deine Tochter war glücklich, ein eigenes Leben beginnen zu können. Ihr hattet ein bisschen mehr Platz zu Hause. Es hätte alles sehr gut werden können. Die Familie von Norbert passte auch. Gute Katholiken. Du hattest grosse Hoffnung, dass deine Tochter es ein bisschen einfacher haben könnte. Bald kam dein erstes Enkelkind auf die Welt. Ich sehe dich auf einem Foto mit Michael. Er starb in den ersten Monaten. Seinen frühen Tod hast du nicht verwunden. Nichts konnte Hanna trösten. Sie entfernte sich immer mehr von dir. Sie wurde immer härter sich und auch Norbert gegenüber. Die Mutter von Norbert machte Hanna Vorwürfe. Du hast mit dem ganzen katholischen Getue nichts anfangen können. Auch dieser merkwürdige Freund von Norbert. Du hast dich immer mehr zurückgezogen. Die Geburt von Thomas hast du noch erlebt – ob du die Geburt von Maria und Georg noch erlebt hast, das müsste ich recherchieren.
An einem plötzlichen Herztod bist du gestorben. Mehr wurde nicht erzählt. Ich wurde 1959 geboren. Mit meiner Geburt stieg in Hanna wieder der Schmerz und die Trauer über den Tod von Michael auf. Mit den Kindern war sie überfordert. Sehr streng war sie zu ihnen. Sie vertrug keine Widerrede und konnte sehr böse werden. Mit mir wurde es noch schlimmer. Sie trug mich lange auf ihrem Arm, obwohl ich schon Laufen konnte. Wie eine Puppe schleifte sie mich hinter sich her. Sie beraubte mich meiner Kindheit. An die Wohnung, in der wir wohnten, kann ich mich nur wage erinnern. Es ist fast alles weg. Mit Mansfeld hattest du Recht. Hanna und Norbert lebten sich völlig auseinander. Später vergriff sich Norbert dann an mir. Das kannst du nur schwer glauben.
Es hat lange gedauert, bis ich merkte, welche Verbrechen die Eltern an mir begangen haben. Ich will dir als Grossvater sagen, wie schlimm es für mich war, stets in dieser grossen Angst gewesen zu sein, von den Eltern verlassen und im Stich gelassen zu werden. Einen Grossvater in meiner Nähe zu wissen, der für mich da ist, hätte mir sicher gutgetan. Doch ich fürchte, du wärest auch nicht für mich eingestanden. Deine Frau hat es die ganze Zeit gewusst, sie hätte nie etwas gesagt!
Du trägst ein anderes Bild deiner Tochter in dir. Das ist auch gut. Das will ich dir nicht kaputtmachen. Ich kann jedoch meiner Mutter keine Wertschätzung und liebende Erinnerung entgegenbringen. Ich werde ihr nicht verzeihen. Ihre Verbrechen an mir sind zu gross. Es gibt keine Entschuldigung. Vergebung ist ein viel zu grosses Wort, das bei mir nur Kopfschütteln und Widerstand erzeugt.
Ich hoffe trotzdem sehr, dass du als Vater deine Tochter liebend in deinem Herzen trägst. Mir ist wichtig, dass die schönen und guten Erinnerungen bei dir einen bleibenden Ort haben. Dieser Ort ist vor allem auch für meine Kinder, deine Urenkelkinder von grosser Wichtigkeit. Hanna konnte ihren Enkelkindern eine sehr gute und verlässliche Grossmutter sein. Die Enkelkinder haben sehr eindrückliche und auch berührende Erinnerungen an die Ferienbesuche bei der Grossmutter. Sie hat ihre Enkel verwöhnen und ihnen mit bleibender Konstanz ihre Verbundenheit zeigen können. Gerne würde ich mich bei ihr noch einmal dafür danken, dass sie meinen Kindern eine wirklich gute Grossmutter war. Ich kann es nicht.
Sag’ du es ihr. Sprich‘ mit ihr. Schaue sie an, wo immer sie nun sein mag. Sag’ ihr, dass ich zu schätzen weiss, was sie meinen Kindern an Zuneigung geben konnte. Sag‘ ihr, sie soll mir unendlich fern bleiben.
Brachialgewalt
Zement
Mach‘ mir den Paradehengst
Endlosschlaufen
Langweilig wie ein Porno
Trotzdem
Ohne Kind
Allein
Oben ohne
Steigt er auf die Hühnerleiter
Kikeriki
Der Fuchs ist in der Disco
Tanzt Rumba
Mit den Dragqueens
: der Vater. Du. So ähnlich dem Vater – so viel hast du von ihm. Ich demütige ihn – in dir. Ich
lache ihn aus.
: das geht nicht. Das geht gar nicht! Ich bin nicht der Vater. Hör’ auf damit!
: Stopp. Alles gut. Der Vater ist tot. Du hast Recht. Komm’ zu mir
: ich bin bei dir. Komm’. Wir haben Ruhe verdient. Ich mag nicht mehr in die Müdigkeit
fallen. Mag nicht mehr diese elendigen Männerphantasien. Mag nicht mehr vom steifen Penis
im Schlaf gequält werden.
: Du tust mir nicht weh. Er ist tot. Der Vater ist tot. Die Mutter ist auch tot. Sie können mir nicht
mehr weh tun. Wir sind frei.
: Der Atem ist frei – keine Angst
: es ist vorbei
: in der Nacht war es wieder schlimm. Du, was machen wir falsch?
: wenn wir alleine sind, wird es schwierig
: ich werde müde – jetzt – schlagartig. Was ist da los?
: fühle mich von dir bedrängt
: Müde – mag nicht mehr –
: Thomas, Vater, Mansfeld, Maria, Maria, Klemens
: Wir müssen uns die Erlaubnis geben, unsere Gefühle und Gedanken radikal auszudrücken.
Ohne Rücksicht auf eine gute Form.
: das tut gut. Den Vater verfluchen, die Mutter nicht in Schutz nehmen, den Kontakt zu den
Geschwistern abbrechen. Impertinent bleiben im Einfordern von Aufmerksamkeit und
Anhörung – uns nicht entschuldigen.
: wir sind zusammen – gemeinsam – in der Sprache. So gut. Radikal, so müssen wir es
durchziehen. Unbequem sein. Störend.
: das machen wir schon länger. Auch in den Miniaturen. Nicht aufhören damit! Wir machen das
gut in unserer künstlerischen Vielfalt.
: das macht sogar Spass. Die Aussenwelt ist anstrengend.
: wir brauchen nicht alle, nicht jeden, nicht jede lieben. Schweigen. Ohne Rechtfertigung.
: Ja, Schweigen. Mit einer gewissen Recherche und Sorgfalt.
: Schweigen, wenn wir uns bedrängt fühlen.
: Unbequem sein
: Zwischen uns ist eine Mauer der Gewalt
: Die Mauer trennt uns. Du musst beharrlich bleiben. Diese Mauer steht zwischen uns.
: Fühlt sich sehr sehr schwierig an. Ich verliere den Kontakt zu dir. Wir müssen etwas Radikales
planen!
: Einverstanden. Wir lassen uns nicht einschüchtern.
: an den Pranger stellen. Mit den Geschwistern fangen wir an.
: du bist schon wieder sehr verhalten. Ich spüre deine Radikalität nicht.
: ja, ich werde gerade müde – schwierig
: gestern Abend waren wir nicht müde, sondern in einem sehr fragilen Zustand. Körperlich,
seelisch – Kälteschauer – Angst – Beklemmung – Todesangst – Angst zusammenzubrechen.
Da ist Müdigkeit besser.
: stimmt, doch die Müdigkeit tut uns auch nicht gut. Wir müssen in die Kunst gehen. Performen.
: legen wir uns für zehn Minuten aufs Sofa
Auf dem Spielplatz spielen Kinder
Auf der Müllkippe arbeiten Müllarbeiter
Im Bordell verlieben sich Dummköpfe
Geschwister
Kassel, 1. Advent 2013
Liebe Geschwister
Lieber Thomas, Liebe Maria, Lieber Georg, Lieber Klemens
in diesem Jahr möchte ich Euch einen Advents- und Weihnachtsbrief schreiben, den ich ein wenig unhöflich nur an Euch persönlich adressiert und bedacht habe. Seit fünf Wochen absolviere ich in Kassel einen sechswöchigen Kurs in klinischer Seelsorge. Zum Setting des Kurses gehören ausführliche Selbsterfahrungsteile, in denen wir eingeladen sind, unsere eigene Lebensgeschichte zu reflektieren.
Ich habe diesen Kurs genutzt, um noch einmal die Geschichte meiner Ursprungsfamilie, zu der Ihr als Geschwister ja dazugehört, anzuschauen. Seit meinem Wechsel in eine neue Gemeinde sind in vielen Träumen zahlreiche Bilder aufgestiegen, die mich teilweise sehr verwirrt und bedrängt haben.
Vor drei Wochen habe ich mehrere Stunden Tante Angela in Hannover besucht. Sie hat mir viel über die Geschichte ihrer Ursprungsfamilie, zu der unser Vater als ihr jüngerer Bruder gehört, erzählt. Es waren sehr bewegte Stunden, in denen wir auch Fotoalben anschauten. Ich habe viele schöne Geschichten über unseren Grossvater gehört, wie er liebevoll bis zur Erschöpfung um seine Familie besorgt war. Seinen Kindern hat er am Ende des Krieges, als sie zur Flucht aufbrachen, ans Herz gelegt, „wenn sie in Not sind, sollten sie sich immer an jemanden höher Gestellten wenden, dann könne ihnen nichts passieren“. Mir kommen diese Worte sehr wirkmächtig entgegen und lassen mich Spuren bis heute entdecken.
Mich haben die Erinnerungen berührt, die die ältere Schwester mit ihrem jüngeren Bruder verbindet. Wie der Norbert mit dem Ulrich Verstecke für die Mädchen bauten, „der Norbert galt als der intelligenste unter den Geschwistern. Er war sehr schlau und wusste, wie er etwas bekommen konnte.“ – Später, da habe sie oft das Gefühl gehabt, er sei mit seiner Familie überfordert gewesen. Mir hat es gut getan, mit welcher Liebe und Wertschätzung die Schwester über ihren Bruder sprechen konnte.
Ich konnte die Wertschätzung meinem Vater in den letzten 10 Jahren seines Lebens nicht entgegenbringen. Ich trage keine schönen Bilder von meinem Vater in mir. Meine Erinnerungen an die Kindheit sind getrübt, Enge und Gefahr kommen mir entgegen – ich weiss, dass ich ganz viele Erlebnisse in mir verschlossen habe. Ich kann sie nicht bewusst erinnern, doch sie sind als Wunden in mir wirksam. Wenn ich mich an Euch, meine Geschwister, erinnere, dann tauchen Sequenzen auf, in denen ich die älteren idealisierte und den jüngeren mit aller Kraft beiseite schieben wollte. Lange hat es gedauert, bis ich hinter die Idealisierungen schauen konnte und teilweise erschreckende Szenen zu Tage kamen. Und ich erschrecke, wenn ich merke, wie gewalttätig ich mit meinem jüngeren Bruder umgegangen bin.
Die Bilder der Vergangenheit sind immer noch wirksam. Da sehe ich so manches ruinenhafte, verletzte, zerbrochene, da sehe ich Kräfte, die an mir nicht gut taten und sehe eigenes Versagen und Schuld. Ich möchte die Ruinen nicht schöner machen, als sie sind, denn sie ermöglichen mir auch die Trauer über den Verlust familiärer Liebe und Geborgenheit. Da sind aber auch Bilder, die in die Zukunft weisen, über die Zeit und deren Bedingungen hinaus. Bilder, in denen zusammengefügt ist, was einmal auseinandergebrochen ist, in denen Heilung geschieht und Tränen abgewischt werden, wie es in der Bibel im Buch der Offenbarung heisst. Bilder, die nach vorne weisen, deren Verheissungen aber auch schon in die Zeit greifen.
Als Advents-und Weihnachtsgruss möchte ich Euch sagen, dass ich dankbar bin, mit Euch geschwisterlich verbunden zu sein. Ich möchte an meinem Glauben festhalten, dass der Engel auch unserer Ursprungsfamilie Frieden und innere Versöhnung zuspricht.
Euch und Euren Lieben wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest.
Abrufbare Erinnerungen fangen erst sehr spät an. Da wohnen sie schon im Reiheneinfamilienhaus am Stadtrand von Braunschweig – in der Sandwüste. Er kann seine ersten acht Jahre nicht erinnern. Er weiss nicht, wie sie in der kleinen Wohnung in der Griegstrasse gelebt haben. Er hat keine Bilder. Er weiss nicht, wo er geschlafen, wo sie gegessen, die Mutter gekocht hat. Nur kleine Fragmente des Erinnerns. Zum Beispiel das Badezimmer mit der Toilette und dem Putzschrank. Sie haben seine Bitten abgewiesen. Maria hat als einzige den Grund dafür genannt. Sie will sich nur noch positiven Dingen zuwenden.
Ich habe Georg in einem der letzten Kontakte geschrieben, wie es den Übergriff in der Küche nicht vergessen kann. Maria, die an starker Akne litt, hielt ihren Kopf unter einem Tuch über einem heissen Kamillesud. Er wollte nur ein bisschen bei ihnen sitzen und in ihrer Gesellschaft sein. Georg und Maria verlangten von ihm, dass es eine Tasse mit dem heissen Sud trinken muss, um bei ihnen in der Küche zu sitzen. Es trinkt. Sie lachen. Georgs Antwort war kurz formuliert. Jeder hat im Leben sein Karma und sucht sich aus, was dazu passt. Es idealisierte sie.. Ihre Musik, Freunde, Freundinnen, Vespa, AKW-Aufkleber, Parties, Pizza, Fernsehen, Zigaretten, Führerschen, Auto, Ferienjob, Türkei, Griechenland.
Thomas wurde auf ein Internat geschickt. Da waren sie noch in der kleinen Wohnnung in der Griegstrasse. Wegen der Platzverhältnissse. Maria und Georg erzählen, wie unerträglich Thomas war, wenn er vom Internet nach Hause kam. Sie haben ihn gar nicht gemocht. Im Haus wurde später ein Zimmer für ihn im Keller ausgebaut. Bilder tauchen erst sehr spät auf. Es kann sich daran erinnern, wie es mitfahren durfte, wenn er mit dem Auto ins Internat nach Ottbergen gefahren oder abgeholt wurde. Ans Autofahren kann es sich sehr gut erinnern. Das waren Highlights. Er wollte auch ins Internat. Er schrieb Mansfeld einen Brief, in dem er ihm diesen Wunsch mitteilte. An eine Antwort kann er sich nicht erinnern. Erst in seinen Recherchen erfarhe erfahre ich, dass Mansfeld den Internatsplatz für Thomas bezahlte. Ich komme an Informationen, die belegen, dass die Padres des Ordens in Ottbergen massive sexualisierte Gewaltverbrechen an den Schülern verübten. Es soll sogar ein Komplott von Schülern gegeben haben, die einen besonders gewalttätigen Pater umbringen wollten.Thomas will von allem nichts gwusst haben. Er habe Mansfeld nur einmal in seiner Wohnung am Domplatz besucht.
Liebe Geschwister Zürich, 14.08.2019
Seit vielen Jahren holt mich immer wieder die Geschichte der an mir in der Kindheit begangenen sexuellen Missbräuche ein. Vor einigen Wochen habe ich mit der externen Kommission, die im Auftrag der Diözese Hildesheim die zahlreichen und schweren Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufarbeitet, Kontakt aufgenommen.
Ich denke, Ihr habt das Recht und solltet informatiert sein, dass Mansfeld, der in unserer Familie als „Onkel Dr. Mansfeld“ ein und ausging, auf einer internen Täterliste der Diözese als Kinderschänder geführt wird.
Mit Klemens habe ich einen guten vertrauensvollen Draht gefunden, um über diese Ereignisse, die nah in unserer Familie stattfanden, kommunizieren zu können. Ich würde es sehr hilfreich finden, wenn es uns allen gelänge, gemeinsam als Geschwister Licht in diesen dunklen Teil unserer Familiengeschichte zu bringen.
Seid herzlich gegrüsst,
Matthias
Maria hat ihn gequält. Trotzdem hat er nicht aufgehört, ihre Nähe zu suchen. Trotz ihrer Härte und der Ungewissenheit, wann sie zum nächsten Schlag ausholte. Er hat in ihr die liebenswürdige und nette Schwester gesehen. Er buhlte um ihre Anerkennung und Freundlichkeit, die sie manchmal grosszügig austeilen konnte. Mit kritischen und vernichtenden Kommentaren wartete sie nicht lange. Sie hatte immer etwas an ihm auszusetzen. Er soll nicht so krumm gehen. Es soll die Hände nicht in die Taschen stecken. Es soll sich sorgfältiger kleiden. Es hat sich geschämt, wenn er mit ihr unterwegs war. Es wollte ihr so gerne gefallen. Dafür hätte es alles getan. Wo es noch jünger war, hatte sie für ihn das Fernsehprogramm zusammengestellt. Er durfte nur die Sendungen schauen, die sie angekreuzt hatte.
Georg hatte als erster eine HiFi-Stereoanlage mit grossen Boxen und einem teuren Schallplattenspieler. Er durfte nicht in sein Zimmer. Trotzdem schlich er hinein, wenn er wusste, dass er auswärts war. Der volle Klang faszinierte ihn. Der Musikstil war fremd. Doch er wollte nur noch solche Musik hören. Es wollte so sein wie Maria, Georg und Thomans. Er erinnert sich an die Schlagerparade, die er bei der Grossmutter am Fernseher mit Cola und Salzstangen anschaute. Er kennt unzählige deutsche Schlager. Wohlige, vertraute Gefühle verbindet er mit ihnen. Textpassagen fallen ihm zu unmöglichsten Gelegenheiten an.
Thomas bastelte im Garten an einem alten Heinkel-Motorroller. Er stand stundenlang neben ihm und durfte ihm manchmal einen Schraubenschlüssen reichen. Er träumte davon, dass Thomas später dann eine Ausfahrt mit ihm machen würde. Hannes studierte Pädagogik und arbeitete später als Lehrer in Westberlin. Er rechnete in den Nächten zusammen, auf welches Gehalt er mit seiner Frau kam. Wenn er die beiden in Berlin besuchte, wurde er in feine Restaurants eingeladen. Als er zu studieren anfing, unterstützten sie ihn jeden Monat mit einem Geldbetrag.
Michael, an dir haben sie bis heute kein Interesse. Sie wollen dich nicht in die Geschwisterreihe aufnehmen. Kein Thema für sie, warum du in der Familie totgeschwiegen und vergessen wurdest. Sie wollen dein Foto, das ich im Album von Tante Angela entdeckte, nicht sehen.
Er hat sich geschämt, wenn Klemens sich bei den Kindergeburtstagen blöd angestellte. Er stellte ihn regelmässig vor seinen Freunden bloss. Ich hatte den Wunsch, mit Klemens einen gemeinsamen Gefährten und eine tragfähige Koalition zu finden. Ich hätte ihm bald auch gebeichet, dass ich nicht vergessen habe, wie ich den ersten Zungenkuss an ihm ausprobierte. Ich war neugierig, worüber die Jungs aus der Clique prahlerisch schwärmten, wie geil sich so ein Zungenschlag anfühlt. Klemens war noch keine 10 Jahre alt. Ich habe mit ihm nie darüber gesprochen. Ich hoffte, er hätte es vielleicht schon vergessen. Der Traum einer gemeinsamen Sache zerbrach bald. Er will Beweise sehen.
Klemens ist bildender Künstlerin und Lehrer für Kunst, Geschichte und Deutsch an einem Gymnasium. Er studierte an der Kunsthochschule in Braunschweig. War Meisterschüler von Malte Satorius.
Zürich, Dezember 2020
Liebe Geschwister
als Weihnachtsgruss schicke ich euch einen Vortrag, den ich vor ein paar Tagen in den Tiefen/Höhen des www entdeckt habe. 2013, in meiner Ausbildung zum Spitalseelsorger, habe ich mich intensiv mit den Gedanken von Henning Luther beschäftigt. Da habe ich euch in einem Weihnachtsbrief das erste Mal gebeten, an der Aufklärung unserer sehr belasteten Familiengeschichte mitzuhelfen. In den folgenden sieben Jahren habe ich schmerzhaft erfahren müssen, dass ihr zu einer Aufarbeitung dieser Vergangenheit nicht bereit seid. Im Vortrag, den ich euch schicke, könnt ihr erahnen, warum ich Mühe habe, eure Zurückweisung zu akzeptieren.
Es hat sie getötet. Seine Wut aus dem Bauch geschrien. In den Visualisierungen schreckliche Bilder gesehen. Wie sie es gequält haben, da hat es noch nicht laufen können.
Bis in die Gegenwart. Haben seine Not, Schreie, Tränen, Bitten von sich gewiesen.
Es ist tot.
Sie leben.
Ich will leben.
………………………………………………….
: bekommst du mit, was da alles in mir läuft?
: natürlich bekomme ich das mit. In diesem feinen Gewebe bin ich gegenwärtig. Immer. Ich
finde keinen Kontakt zu dir. Du verlierst dich im Aussen. Ich muss schweigen. Bleibe zurück.
Glaube mir, das ist sehr anstrengend
: erzähl‘, ich halte durch
: danke. Die Welt wurde für mich zur Feindin. In den
gleichen Spuren, die ich so tief ausgefahren habe, denkst und fühlst du. Diese Spuren sind
mächtig. Die Mutter hat mich dem Vater, den Priestern zum Opfer hingeworfen.
Damit sie Ruhe hat. Ich habe überlebt, weil ich immer wieder in den Schoss der Mutter
zurückkehrte. Immer wieder – ohne Ausnahme. Das war ein heimliches Einvernehmen. Die
Mutter als meine Geliebte. In ihr habe ich mich geborgen. Du machst es heute mit deiner
Frau. Ich muss das hilflos mit ansehen. Ich muss weinen, wenn ich dich so kindlich verletzlich
erlebe. Die Mutter hat sich an mir vergangen. Die anderen haben es ihr nachgemacht.
: Die bergende, verschlingende Mutter. In diesem Sumpf bist du/sind wir verloren? Können
Wir uns aus dem Sumpf ziehen?
: mach‘ deine Kunst, male, schreibe, gestalte Videos, alles, alles – intensiv und körperlich. Da
bin ich bei dir.
: Kollege – ich mag dich
: Zurück zur Mutter ist Selbsttötung
: du, ich bin schon wieder kurz vor dem Sprung. Fühle mich von Franziska im Stich gelassen. Frage mich, warum sie nicht anruft. Warum sie nicht fragt, wie es mir geht. Das macht mich wütend, ohnmächtig. Voller schlimmer Gefühle. Ich möchte springen. Ihr die Schande sagen. Einen Aufstand machen. Ich habe dich schon wieder verloren. Spüre dich nicht mehr. Wo bist du? Gibt es dich überhaupt? Oder bist du nur eine Verlängerung meines Jetzt?
: mir schnürt es die Luft ab. Eklig. Bin im inneren Aufruhr. Ich bin in deinem Aufruhr. Mir ist es
ernst. Für dich ist es ein Spiel. Ich bin in meiner Not! Die Mutter hört mich nicht. Ich schreie.
Niemand hilft. Für mich ist es ernst. Glaube mir. Bald muss ich abtauchen. Dann bist du allein.
Und du wirst hinterherspringen. Stopp!
: ich muss stoppen. Den Aufruhr beenden. Eine Alternative öffnen. Mich befreien aus der
Abhängigkeit von Franziska.
: Es tut uns beiden nicht gut,
wenn du dich in ihre Abhängigkeit fliehst
: mir fehlen die Alternativen. Sie soll heute nicht kommen. Doch das halte ich nicht aus. So allein zu sein. Furchtbar, die Vorstellung
: Das sind alles meine Spuren.
: ich habe Angst
: das ist meine Angst
: soll ich ins Bordell gehen?
Eine Serie schauen?
Klarinette spielen?
Alphorn spielen?
Bild malen?
Schreiben?
Video machen ?
Psychiatrie?
: geh‘ ins Bordell!
: was soll das?
Dummsinn!
: du hast Angst – ganz fest
: ja, ich habe Angst, dass es mir nachher beschissen geht.
: schau‘ eine Serie
: ich in dir
Ich bin in deiner Lebendigkeit, in deiner Möglichkeit.
Du lebst!
Ich lebe
Ich bin müde
Todmüde
: ich bin am Abtauchen. Geh‘ ins Bordell. Ich will nicht abtauchen. Sieh‘ dir wenigstens eine
Pornoseite an. Jetzt!
: ich bin wieder wach. Doch ich finde es eklig.
Ich in dir – mit diesen Bildern, mit den Fantasien. Rotlicht, das macht dich lebendig. Dann
tauchst du nicht ab. Es ist 16.30 Uhr. Kein Anruf. Ich bin wütend. Stopp.
: nahe dran. Geh‘ ins Bordell
: nein – wir müssen/ ich muss/ ich möchte mit dir den Faden wieder aufnehmen. Unbedingt! Was du von der Mutter erzählt hast. Die breite Spur, der Sumpf. Suizid, soll ich springen? Was hat die Mutter noch gemacht?
: Langsam. Gut, dass du wieder auftauchst. Du bist nicht gesprungen. Bist zurück in der
bergenden Sicherheit von Franziska. Das ist gut. Ich bin nicht dein Ratgeber. Blödsinn. – Du
fragst mich, was die Mutter mit mir gemacht hat, wenn die Geschwister in der Schule waren.
Ich kann mich nicht erinnern. Die Decke. Weiss nicht – warum ich?
: du in mir – ich in dir.
Wirst du lebendig, wenn ich am Kämpfen bin?
: ich bin in dir – du in mir
Wattiert. Kann mich nicht erinnern – taub – ja, lebendig tot – in dir und nicht im Totenreich.
Das ist nicht schlimm, sagt sie im immergleichen nasalen Unterton.
: das ist noch grausamer. Dann fühlt sich alles in mir tot an. Leer und beliebig
: wenn du in Bedrängnis kommst und aus deiner Sicherheit fällst, werde ich wach. Im
holotropen Atmen war das absolut intensiv. Es muss noch einen anderen Weg geben. Auch
die Bordellbesuche. Das Rotlichtmilieu hat mich wach gemacht, weil du wach wurdest. Werde
wach – unbedingt! Dann werde ich mich erinnern. Mache Kunst, Kunst, Kunst.
: vielleicht will ich gar nicht wach werden/sein. Deine Wachheit macht mir Angst. Ich will nicht
wissen, wie mich die Mutter, der Vater, die Geschwister, Mansfeld, die Männer gequält haben
Nein!
: das ist der einzige Weg. Du schaffst das! Bleib’ dran. Kunst, Clown. Wach – Widerstand –
Kampf. Kämpfe!
: Stopp. Ich bestimme das Tempo. Aber gut. Die Spur ist klar. Ich lebe und du sollst auch
leben.
: das kommt gut!
Warum sich das Leben schwerer machen als es auch ohne ist. Niklaus hat die Wette jedoch verloren. Er hat nun kein Hemd mehr, auch keine Hose, Pullover, Skijacke, Badehose, Lätzchen, Schrotflinte, Halstablette und morgen scheint wieder die Sonne, denn es ist mitten im Hochsommer auf einer kleinen Insel im Schwarzwald hinter den sieben Bergen, wo die Zwerge wohnen.
: was ist da los? Warum bin ich so müde, schlapp und abgestellt?
: ich in dir – immer wieder neu – anstrengend für dich. Tiefe Müdigkeit. Ausgelaugt. Das tut mir
nicht gut. So anstrengend. Das kannst du dir gar nicht vorstellen.
Niemand sieht mich. Nimmt mich wahr. Innerlich verwahrlost. Unsere Müdigkeiten potenzieren
sich.
: mir ist kalt – mag nicht mehr – keine Kunst – nur schlafen.
: Trostlos. Im Kampfmodus bist du stark. Da machst mich wach.
: ich muss mich hinlegen.
: Wir haben den Kontakt verloren.
Bin müde.
Bis morgen.
Bis gleich.
Jetzt.
Du in mir.
Bengalische Feuer. Tamarinde.
Marinierte Heringe. Gesottene Butter. Geschlagene Eier.
Im Gejät hat sich eine kleine Maus verfangen. Eine Katze naht.
Kleine Maus lauf‘ weg. Die Katze hat einen gierigen Blick.
Sie ist eingeschworene Veganerin und würde der Maus niemals etwas zu Leide tun. Die Maus hat verstanden. Ohne Worte. Der Gärtner zeigt wenig Verständnis. Als Mörder hätte er grosses Verständnis, wenn die Katze der Maus ein sichtbares Zeichen setzte.
: Alleinsein als Qualität. Kommt mir nicht zu nahe. Will mich nicht in euch bergen, um dann
ausgespuckt zu werden. Wie die Mutter machen es die Frauen. Ihre Mösen, ihre Nacktheit,
ihre Anziehung. Unersättlich. Höre nicht auf, die Nähe zur Mutter zu suchen. Warte, bis sie
mich ausspuckt – mich in diese Welt gebiert, die grausame.
: Du hast nie aufgehört, dich in ihr zu bergen. Bist zu ihr gerannt. Hast Angst gehabt. Hast dich
vor Angst eingepinkelt. Lustvoll, denn dann war sie dir nahe.
: Weiss nicht. Lustvoll. Weiss nicht. Sie war da. Scheisse. Sie wusste, dass sie es nicht tun
sollte. Sie hatte Lust und schämte sich. Scheisse. Ihr Erstgeborener. Alles kam hoch. Der
Schmerz, die Ohnmacht, Schuld, Verschweigen – furchtbar für sie. Nein!
: Nein! Scheisse, verdammt. Du bist nicht der Versteher deiner Mutter, deines Vaters, deiner
Eltern, wer sie auch sind. Diese Schlimmen. Sie haben gemordet.
: zu grosse Worte – verstehe ich nicht
Sie haben mich geliebt.
: nein, sie haben dich gequält. Verdammt noch mal.
: die Angst, die Schuld in ihren Augen. Im Bett hat sie mich festgehalten. Im Dunkel war sie mir
nahe.
Hokuspodus. Wenn das so einfach wäre. Ein bisschen Brot, ein Schluck Rotwein, ein bisschen wortähnliches Gebrummel und schon fertig. Fix und fertig. Beim nächsten Ton ist es viertel vor Mitternacht. 23.45 Uhr. Für einen weiteren Versuch reicht es sicher noch.
Manna fällt vom Himmel. Schmeckt von gestern.
Toxisch
Ohne Namensnennung
Ohne Ich
Ohne Vergebung
Ohne Liebe
Ohne Rechtfertigung
Ohne Moralin
Ohne Tyrannei
Ohne Anklage
Ohne Tränendrüse
Ohne Wiedergutmachung
Ohne Tätergetöse
Ohne Relativierung
Ohne Schönreden
Ohne warum
Ohne Vergessen
Ohne Verzeihen
– jung – der erste Kuss – ohne Sex – Supertramp – mehr – warten – nackt – Liebe – erhöhen – fromm – beten – Kultur – Musik – Zukunft – Freundin – fremdes Elternhaus – Geld – wohlhabend – bürgerlich – geil – warten – küssen – streiten – wüten – schreien – lieben – gieren – verlieren – Auto – zusammenwohnen – rauchen – trinken – Zukunft – besitzen – Eigentum – präsentieren – vergleichen – ohne – streiten – schreien – weinen – erniedrigen – träumen – festhalten – gieren – penetrieren – versprechen – beten – warten – vergleichen – Auto – präsentieren – Kultur – bürgerlich – betrinken – rauchen – streiten – wüten – erniedrigen – ängsten – warten – penetrieren – streiten – betrinken – lieben – beten – singen – Musik – Kultur – Zukunft – Kirche – Kanzel – planen – paaren – Samen – testen – bürgerlich – exzessiv – oral – anal – beten – streiten – wüten – schreien – weinen – therapieren – geloben – verloben – lieben – körperlich – Eifersucht – Eigentum – Auto – Paar – Kanzel – ohne – Kind
Es sieht einen Drahtzaun
Dahinter versteckt sich die katholische Mafia
Die Mauer der Gewalt verschluckt alle Bilder
Es richt die katholische Jauchegrube
Priester
prügelnde Nonnen
in Jetztzeit
In der Gefriertruhe hat es noch ein halbes Schwein. Die Innereien sind schon verwertet. Blutwurst haben die Kinder nicht gern‘. Leberwurst gibt es zum Nachtisch. Stellt euch nicht so kompliziert an! Die Ofentür muss geschlossen bleiben. Der Rohschinken hängt in der Gartenlaube. Auf der Strasse kleben sich Menschen auf den Asphalt. Das Klima könnte besser sein.
: wir schauen gemeinsam. Wir erlauben uns Provokationen.
Wir finden es witzig, absolut witzig, Dreck und Fäulnis über sie auszuschütten.
: Sodom, der Papst als Antichrist. Priester sind Schweine. Ätzender Weihrauchgeruch
: Weiter so. Machen wir weiter.
„Das organisierte Verbrechersyndikat Kirche“, Leitartikel in der jüdischen Wochenzeitschrift Tacheles
Katholische Kirche eine Verbrecherorganisation, schreibt Deschner in: „die beleidigte Kirche“
„Kinderfickersekte“, singt ein Betroffener auf youTube
Peter hat Husten. Siglinde kauft Hustensaft.
Highway to hell
Auf Pilgerfahrt nach Sodom
Betroffene
Heiliger Vater
Wer heilt unser gebrochenes Herz?
Lassen sich
Herzen
Den Löwen zum Frass
Umarmen
Beten
weinen
schreie
kotze
scheisse
merde
Jorge Mario Bergoglio
Reinhard Marx und Konsorten
Ihr seid eine Schande für die Menschheit
Jochen hat ein Loch im Bein. Er verklagt den Nachbarn. Der Nachbar ist sich keiner Schuld bewusst.
: Du hast dich versteckt. Ich sehe dich nicht. Die Pfaffen zwischen uns. Wir sind gegenwärtig.
Vielleicht sollten wir die Verbrechen ignorieren?
: nicht ignorieren. Sie sind Verbrecher, gehören der Verbrechenorganisation, der
Kinderfickersekte an. Das muss nach aussen. Sie haben uns das Leben zur Hölle gemacht.
Jetzt ist es vorbei. Sie können uns nichts mehr anhaben.
: sie werden nicht aufgeben. Es gilt, aufzupassen.
: sie sind Verbrecher, sonst nichts.
: armselig, einer Mafiaorganisation anzugehören. Armselig, wie sie stolz drauf waren/sind.
Schämt euch!
: von zwei Seiten werden wir die Bilder zum Einstürzen bringen. Ich werde nicht vergessen, was
sie mir angetan haben. Darüber werde ich Zeugnis ablegen. Ich werde nicht verzeihen. Auf
ewig verfluche ich sie.
: Mit meiner abgrundtiefen Verachtung gebe ich mich in den gesellschaftlichen Diskurs.
Wegschauen werde ich als feige Gewalt bezeichnen. Ich werde Diskursebenen öffnen.
Nicht distanziert analytisch.
Jeden Mittwoch geht Heinz ins Waschcenter, um seine dreckige Jeans und das verkleckerte T-Shirt zu waschen. Mehr hat er nicht. Darunter ist er splitternackt.
Mann
Pornoleidenschaft, so sollte der Titel des Buches heissen, das er mit 19 anfing zu schreiben. Ein Bekenntnis, in dem er vom Getriebensein erzählt. Wie er nach Sex geilt. Wie er nur das eine im Sinn, im Kopf, im Schwanz, im Portemonai hat. Liebe, nur eine romantische Verzehrung. Besitz. Er stellt seine pornografischen Gelüste zur Schau. Da gibt es noch kein Internet. Nur schmuddelige Sex-Kinos und Videotheken mit einem Vorhang. Dahinter die Auswahl nur für Erwachsene. Er traut sich nicht in solche Kino. Es könnte ihn jemand sehen. Er brauchte lange, bis er sich endlich ein Video und einen Videorekorder ausleiht.
Er will Männer als gefährliche Wesen enttarnen. Märchenprinzen sind die Widerwärtigsten. Er outet sich als besonders abstossende Sorte.
Er verbrannte das Manuskript.
Ameisenhaufen
Butterbrezel
Eismaschine
Sing Sing
Blutorange
Apfelessig
Kartoffelsuppe
: was machen wir?
: ich sehne mich nach Leben, Liebe, Unschuld. Sorgsam. Behutsam. Anders als die Mutter, die mich einfach nahm, wie es ihr passte.
: Du hast recht. Trotzdem zieht es mich zu ihr hin. Unsere Mutter. Furchtbar. Und der Vater?
: Frag’ nicht. Ich werde wütend – könnte Randalieren. Toben. Schreien – Kotzen – Verdammter
Schweinehund!
: Die Unschuld verloren. Am Vater. Den Männern. Sie haben nicht gefragt. Nichts. Ich existierte
nicht für sie. Ich, Du, Wir, müssen den Vater verfluchen. Die Mutter muss weiter weinen. Sie
sollen auf ewig wegbleiben. Sie sind tot. Mausetot. Das ist gut und die Geschwister sind weit
weg. Wir haben sie auf Distanz gebracht. Das war gute Teamarbeit.
: Der Schlüssel für unseren Kontakt ist gemeinsames Hinschauen, Gestalten, Denken, Fühlen,
Tanzen.
: Du darfst müde werden. Dann bleibe ich wach – und umgekehrt. Wir halten uns gegenseitig
lebendig.
: Du mein Einatmen und Ausatmen
: Du mein Aufgerichtetsein
: Du meine Ruhe, mein Frieden
: Du mein Freund, meine Freundin
: du mein Freund, du Fremder
: Du Tänzerin im Nebelschein
: Du mutiger, starker Mann
Serviertochter gesucht
Unruhige Nächte.
Übelkeit am Morgen.
Fühlt sich bedürftig.
Lange werde ich es nicht mehr aushalten.
Mein Körper kommt an seine Grenzen.
: Ich mag es sehr, mit dir in Kontakt zu sein.
: ich bin da. In jedem Atemzug.
: In deinem Weltflug
In meiner Müdigkeit
In unserem Erwachen
In jeder Zelle
Geliebte – Geliebter
: wir sind es
: es atmet in uns
es malt
es liebt
es fiebert
es durchzuckt den Phallus
es vibriert die Klitoris
es ist einfach da
: es fliegt
es durchflutet
es tötet
Michael –
Bruder. So viele Gedanken und Gefühle durchpflügen mich
Du
totgeschwiegen
Als hättest du nie gelebt.
Du
Furchtbar
Wie hilflos
Wie brutal
Du ins Vergessen geschickt wurdest
Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt,
der ist nicht tot, der ist nur fern;
tot ist nur, wer vergessen wird. Kant
Die Eltern haben uns nichts gesagt. Ich war neugierig. Habe immer wieder gefragt. Du seist ein gesundes Kind gewesen und bist an einem plötzlichen Kindstod gestorben. Mir hat die Mutter nie gesagt, wo du begraben wurdest.
Ich habe deinen Namen als Firmname gewählt. Michael. So hiess auch der Nachbarjunge, der mich sexuell missbrauchte. Ich weiss, das gehört nicht hier hin.
Ein Foto von dir hat es nicht gegeben. Erst vor zehn Jahren habe ich im Album unserer Tante Angela ein Bild von dir mit unserer Mutter entdeckt. Ich habe es an mich genommen. Es liegt jetzt vor mir auf dem Schreitisch.
Du bist am 15. November 1952 geboren. Im Familienbuch lese ich, dass du am 4. März 1953 gestorben bist. Mich irritiert, dass du nicht in der elterlichen Wohnung gestorben bist. Da ist eine andere Strasse angegeben. In aller Kürze habe ich im Internet recherchiert, ob du vielleicht in einem Spital gestorben bist. Heute ist an dieser Adresse eine Wohnstätte für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung ausgewiesen. Vorher soll dort eine Kinderklinik gewesen sein.
Es gab noch andere Säuglingsfotos im Album der Tante. Auf einem Foto, sagte Angela, seist du mit dem Grossvater abgebildet sein.
Ein plötzlicher, unerwarteter Kindstod, wie die Mutter erzählte, kann es nicht gewesen sein.
Was ist da passiert? Mit dir.
Sie haben dich totgeschwiegen, doch unsere Mutter konnte dich nicht vergessen. Das weiss ich. Im Alter erzählte sie mir, wie innig sie alle ihre Kinder als Säuglinge im Arm wiegte. Unsere Mutter starb mit Ende 70 an einer Blutvergiftung. In ihren letzten Wochen fühlte sie sich dir sehr nahe. Sie träumte davon, dich im Arm zu halten, dir wieder nahe sein zu können. Von ihrem Mann, unserem Vater sprach sie in ihren letzten Wochen nicht mehr. Anders als in den vielen Jahren, in denen sie ihn, oder wohl viel mehr ihre Einsamkeit betrauerte. Am Schluss wurdest du ihr zum wichtigsten Sehnsuchtsort.
Michael. Ich möchte dich so sehr aus dem Vergessen zurückbringen. Ich denke, dass das auch für meine Gegenwartsfamilie ganz wichtig ist. Meine Kinder, deine Neffen und Nichten sollen von dir wissen. Ich wünsche mir, dich mit unserem Leben bekannt zu machen. Du gehörst zu uns und darfst nicht dem Vergessenen preisgegeben sein.
Mit dir möchte ich das Leben feiern.
Leise vielleicht. Ohne viel Worte.
Im Lebenshauch.
Als ich auf deiner Sterbeurkunde deinen Geburtstag las, hat es mich schon ein wenig erschrocken. Mein Sohn, dein Neffe ist auch an diesem Tag im November geboren. Ich hatte immer Angst, mit meinen kleinen Kindern könnte etwas Schlimmes passieren.
Auf dem Foto sehe ich dich auf dem Arm unserer sehr jungen Mutter. 22 Jahre wurde sie kurz nach deiner Geburt. Ich sehe eine junge, sehr hübsche Frau auf dem Foto. Als glückliche, stolze Mutter stelle ich sie mir vor. Am Geburtstag unseres Vaters ist das Foto aufgenommen. Sie hat es Angela geschickt – «Deine Hannele u. Michael, 18. Januar 1953» -steht auf der Rückseite. Am Geburtstag des Vaters.
Ihr Lächeln, ihr offener Blick. Sie hält dich im Arm. Du schaust schon in die Welt. Ein Säugling mit dunklem Haarflaum. Die Haare der Mutter sind leicht gewellt. Ich erschrecke ein wenig, denn trüge sie längere Jahre, sehe ich sehr deutlich eine meiner Töchter in ihr.
In der kleinen 1- Zimmerwohnung der Eltern in der Steiermarkstrasse bist du auf die Welt gekommen. Bei deiner Geburt war der Vater ganz sicher nicht dabei. Vielleicht die Grossmutter. Wie jede Frau hat dich unsere Mutter unter grossen Schmerz zur Welt gebracht. Du musstest aus ihrem bergenden Leib durch die Enge nach aussen fliehen. Der Mutter wurdest du an die Brust gelegt. Sie hat dich mit liebenden Augen geschaut.
Du bist ihr Erstgeborener. Ich bin das fünfte Kind.
Michael Norbert. Den zweiten Vornamen hast du vom Vater.
In der späteren Familienzählung kommst du nicht mehr vor.
Thomas Norbert hat deinen Platz eingenommen.
Noch einmal schaue ich deine Geburtsurkunde an. Im unteren Abschnitt lese ich, dass du zwei Wochen nach deiner Geburt in der elterlichen Wohnung getauft wurdest. Schon wieder rattern in mir alle möglichen Phantasien. War es eine Nottaufe? Bist du vielleicht mit einem Geburtsgebrechen auf die Welt gekommen – auf diese Spur werde ich immer wieder gelenkt. Was war da los?
Vor mir liegt noch ein zweites Foto mit einer Porträtablichtung unseres Vaters. Es muss am gleichen Tag im Fotostudio gemacht wurden sein. Er schaut ernst in die Kamera. Fremd und unnahbar sein Blick. Warum haben sie kein gemeinsames Foto mit dir machen lassen? Er ist allein. Mir wird kalt.
«Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter, an dir habe ich mein Wohlgefallen». Diesen Satz habe ich als Pfarrer den Täuflingen bei der Taufe zugesprochen. «Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Ich habe dich in die Welt gerufen. Ich bin bei dir alle Tage bis an dein Ende.»
Unser leiblicher Vater hat dich so schnell wie möglich vergessen wollen. Als ob es dich niemals gegeben hat. Das war so damals. Nein, das stimmt nicht und niemals. Vor dem Fenster dreht im Hochnebel ein schwarzer Vogel mit grossen Schwingen seine Runden.
Michael, bei der Firmung musste ich mir einen Heiligen als Firmnamen aussuchen. Dieser Heilige sollte mich dann auf meinem weiteren Glaubensweg begleiten und mir Kraft geben, in Wort und Tat für den christlichen Glauben Zeugnis zu geben. Du warst für mich dieser Heilige. Heute lege ich über die Verbrechen der katholischen Kirche Zeugnis ab. Ich merke, wie gut es mir tut, wenn ich dich in meiner Nähe weiss.
In deiner Gegenwart fühle ich mich bestätigt, mich gegen das Vergessen zu wehren.
Ich sehe noch einmal das kleine Foto mit der Mutter. Sie hat dich geliebt, daran habe ich keinen Zweifel. Sie hat uns in ihrem Bauch getragen. Das war für uns ein wohliger Ort – stelle ich mir vor. Wir waren eins mit der Mutter. Genährt. Geborgen. Ich sehe das Bild des Vaters. Er schaut mit leeren Augen in die Zukunft.
Ich sehe Mansfeld. Er bestimmte das Leben unserer Eltern. Von allem Anfang an. Unser Vater ist ihm hörig gewesen. Unsere Mutter wusste, dass sie ihren Ehemann mit diesem Priester teilen muste.
Am 4. März bist du gestorben. Nicht zu Hause, sondern in der Kinderklinik an der Ludwigstrasse. Dunkel. Gefährlich dunkel.
Ulli mag es gerne verrückt. Melanie hat ihm eine Leuchtrakete zum Geburtstag geschenkt. Ulli weiss noch nicht, was er mit der Rakete anstellen wird. Gestern hätte er es noch gewusst, Doch der Kanarienvogel ist plötzlich verschwunden.
Pause.
Ein kleines Spässchen vielleicht
Humor ist
wenn man trotzdem
die Schneefallgrenze benennen kann
: Verdammt. Es hat mich erwischt
: ich haue ab. Da kann ich nichts machen
: du haust ab. Lässt mich im Regen stehn’.
Ich will nicht alleine sein
: Hau’ ab. Komm’ mit mir
: Ich bin müde. Erschöpft. Will schlafen. So müde
: das ist nicht mein Problem. Ich bin gerne müde
: todmüde – tot – müde
: komm’ mit mir
: mir tut alles weh. Die Augen brennen. Könnte schreien – auch dafür bin ich zu müde
: ruh’ dich einen Moment aus – ich bleibe bei dir – beschütze dich – echt
: ja, das mache ich – nur fünf Minuten
: nicht nachhaltig. Schau’ mich an! Schau’
: du bist ganz verheddert. Dir geht es nicht gut. Trotzdem passt du auf mich auf
: anstrengend, alles anstrengend
: wir entziehen uns gegenseitig die Energie
: schau’ mich an
Aufessen, aber zackig
Er will bemitleidet werden
Er sucht Verständnis
Maggi forte
Er ist müde, müde, müde.
Bierbauchtanz
Es hat keine Angst vor dem Sterben
Wüstenkind
Es ist tot
Einerlei
Er hat Angst vor dem Sterben
Mit Schmackes
Ich halte die Leere nicht aus
Ich bin haltlos
Süsses oder Saures
Ratlos
In einer Endlosschlaufe gefangen
Ohne Aussicht auf ein Ende
Menscheskinder, da war wieder was los. Eine wilde Orgie mitten in der Heiligen Stadt. Kardinäle, Bischöfe, Prälaten, Messdiener und zahlreiche Gäste aus dem Darknet waren dabei. Beim Franz ist es immer gemütlich und heimelig. Da fühlt mann sich zu Hause. Vereint mit seinen Lieben.
: Komm, Geliebte
: Pimmelherrgottnochmal – Du machst ein Theater – schreist die ganze Gegend wach – ein Mädchen – war ich einmal – jetzt bin ich eine alte Frau – bin so alt wie du – Alter – greife dir in die rechte Backe – kralle meine Nägel in dein Fleisch
: Ich habe keine Angst vor dir. Finde es eher lustig. Nicht lustig. Schau’ nicht so finster. Du bist meine letzte Chance. Du bist stark. Sackstark. Mädchen
: Soll ich lachen? Du keiner Zwerg. Ein Mann willst du sein. Ein elendiges Würmchen bist du. Lächerlich. Eine Leiter brauchst du, um mit mir auf Augenhöhe zu sein. Ein dummer Idiot. Eine absolut holzige Knechtsgestalt.
: Lustig. Mach weiter. Schlag zu. Ich will dich spüren. Endlich. Er ist tot. Du lebst. Fettige Kröte, du. Missgeburt. In meiner Haut. Unter meinen Schenkeln. In meinen Eingeweiden. In meiner Brunst.
: Babymund. Affengebrüll. Mit einer Fackel in der Hand leuchte ich dir den Weg in die Hölle.
: Grillfest mit alten Freunden. Lebertran. Hurra, wir leben noch
: Kamerad, ich glaube nicht an das ewige Leben. Alles Betrug. Lug und Trug. Bonsai
: Küsse mich, meine Liebste
: Ich küsse keine Halbstarken
: Küsse mich, meine Dressurstute
: Du bist so ein Idiot
: Küsse mich du Idiotin
: Ich schlage dir den rechten Backenzahn in vier Stücke
: Wir kommen uns langsam näher. Spinnst du? Das tut weh! Hör auf! Mach kein Scheiss. Verdammtes Hurenweib!
: Das war nur ein kleiner Spass. Niedlich, wie wehleidig du bist. Mag ich
: Mit dir möchte ich eine Nacht im Regenwald verbringen
: Mit einem grossen Schild in der Hand
: Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei
: Und morgen verkleiden wir uns als Feuerwehrleute
: Gnädige Frau, darf ich ihre Hand küssen
: Bitte, bedienen sie sich
: Wir vereinen uns in der Walpurgisnacht
: Du bist unausstehlich
: Deine Nase stinkt zum Himmel
: Dein rechter Hoden ist kleiner
: Dein Stirn ist faltig
: Dein Hintern ist platt
: Deine Brüste sind weg
: hau ab, sonst vergesse ich mich
: Kommst du am Montag zum Turnen
: Ich mag es lieber gemütlich
Erika leidet unter einem schweren Sonnenbrand. Auf der Solarliege hat sie ihn geholt. Schon bitter.
Ferdinand ist grosszügig zu seinen Frauen. Er spendiert ihnen jeden Abend ein kühles Bier.
Er
hat mich unter seine Decke gezogen meinen Kopf an seinen Schwanz gedrückt er hat mit dem Finger meine Zunge aus dem Mund gezogen du hast mit der Zunge seinen Schwanz geleckt er hat gestöhnt leise damit ihn niemand hört er hat seinen Schwanz in den Mund gestossen in meinen Mund gespritzt seine eklige Sosse er hat die Nase zugehalten damit ich die klebrige Scheisse schlucke mir den Kopf gestreichelt mich liebkost mit dem Fingernagel in die Haut gedrückt den Mund zugehalten die Augen mit seiner Spucke benetzt in die Ohren gebohrt mit dem Füllhalter ein Bild auf den Bauch gemalt eine Schere in den After geführt eine Kerze hineingestossen eine Oblate mit Fäkalien der Schwester Oberin geschickt in der Mitternachtsmesse den Kelch mit Babypisse gefüllt die nackten Jungen an die Wand gestellt und exekutiert Hochwürden hat mit Schlangenbissen gedroht Herzstillstand sie haben einen Wettbewerb ausgeschrieben den Tabernakel mit Opfergaben gefüllt ein pochendes Herz ein abgetrennter Hodensack ein Augapfel ein Zehennagel eine Lutschestange eine nonnendurchflutete Vagina räuchern sie auf dem Altar Papa es tut weh sei ruhig mein Kind die Mama schläft Onkel darf ich bei dir bleiben eine Nacht und noch einen Tag du darfst mich auf den Mund küssen deine Zunge beisse ich nicht ab ich halte mich an deinen Pimmel fest kratzte dich blutig wenn du das willst pinkle auf dein Gesicht die anderen Männer dürfen auch mit mir machen was du machst sie haben keinen Fotoapparat der Vater hat mich lieb die Mutter passt auf mich auf die Geschwister dürfen nichts erfahren es bleibt unser Geheimnis Onkel Papa Hochwürdigen ich bücke mich auf die Knie Vater unser im Himmel gegrüsset seist du Maria mein Blut fliesst aus dem Rachen keine Spuren ich schreie ich schreie laut kein ton kommt heraus neben mir ein anderer Jungen sie nehmen ihn zu zweit an den Armen an den Beine sie ziehen er schreit sie ziehen ein dritter zieht an seinem Pimmel holen eine Schere holen eine Schüssel holen Pflaster Salbe der Junge sagt kein Wort sie ziehen eine Mütze über den Kopf bekomme kein Luft ich bin tot brauche keine Luft wache auf allein in einem Zimmer mit geschlossenen Gardinen eine Frau bringt Kakao und ein Milchbrötchen die Mutter holt mich ab sie sieht mich freudig an hat es dir gefallen beim Doktor? sag was schweige unten tut alles weh kann kaum laufen stell dich nicht so an das nächste Mal wäschst du dir vorher das Gesicht der Arzt soll dir eine Beruhigungsspritze geben du bist sein Liebling er hat dich gern der Doktor und er hat ganz viele Freunde der Vater schafft es nicht allein nächsten Monat kommen noch andere Kinder mit denen kannst du dann spielen deine Stirn ist heiss in der Nacht kam ein ganz grosser Mann ins Schlafzimmer er hat auf den kleinen Simon gezeigt der musste mit ihm raus wir haben so getan als ob wir schliefen Simon eine Schwester musste ihn ins Heim bringen er hat aus den Ohren geblutet und drei Zähne waren herausgeschlagen mein Glied tut weh ich kann nicht auf Toilette es brennt er hat mich beim kacken fotografiert ich musste mich bücken auch ein Kissen eklig wenn ich gross bin darf ich mit in die Ferien fahren er wird mit den Eltern sprechen die können stolz auf ihren Jungen sein ich bin schön der schönste so einen hat er noch nie bei sich gehabt der Vater soll mich in Ruhe lassen er soll mich nicht mehr anfassen die Mutter weiss ich darf niemanden etwas erzählen es bleibt unser Geheimnis ich hab dich sehr lieb vergiss das nicht ich denke an dich ich möchte ein Zeichen der Erinnerung du musst jeden Abend den lieben Gott sagen wie lieb du mich hast danach steckst du einen Finger in deinen After und leckst ihn ab wenn du das machst bin ich denke ich an dich er wird ganz gross ich spritze in ein Taschentuch und stecke es in meine Hosentasche du wirst es noch weit bringen doch die anderen müssen dich in Ruhe lassen du gehörst mir allein das musst du dir merken niemand darf dich anrühren hunderttausendmal musste ich sie küssen dreissigtausendmal haben sie meinen Pimmel gedrückt viermillionenmal ihre Arschlöcher gezeigt haben ihre grosse Pimmel dort hineingesteckt hundertmilliarden Jahre musste ich warten bis ich wieder dran kam tausend Reiter mussten mich vom Tod erretten bis zur letzten Salbung siebenmal werde ins totenreich stiegen um die Verdammten zu fesseln vergiftete Bonbons die sich im Gehirn festsetzen später die Hirnblutung auslöste die Angstattacken ohne Ende nur der Onkel Mansfeld hatte ein Lächeln verwöhnte mich machte Komplimente sie haben hart angefasst schrei nicht so Kleiner hab dich nicht so du durchtriebener Bastard du willst hart angepackt werden rühr dich nicht vom Fleck schau mich an setz dich auf meinen Bauch umgekehrt zeig mir dein Arschloch leck meine Eier leckt meinen Schwanz saug nimm ihn in den Mund schneller hoch und runter rein in den Mund tiefer meine Eier fester fester tiefer schneller wehe du ziehtst den Mund weg wehe ich spritze dir die feinste Milch lecker schluck sie runter damit der nächste der ist süss der ist gut der macht alles guter Junge verdammte Saubande dreckiges Gesindel ihr bekommt was ihr verdient die Beine auseinander los mehr Rotzlümmel lasst ihn in Ruhe er gehört mir heute Nacht bei mir .
: Geliebte
: Geliebter
: wir laufen einmal ums Eck
: das erste Wort
: die erste Berührung
: Komm
: nimm mich
: gib mich
: dir
: wir machen Liebe
: ziehen die Vorhänge
: ein getränkter Schwamm
: feuchten unsere Münder
: ich liebe deine sanften Lippen
: ich begehre deine Lust
: vergesse mich
: dich
: fallen in glühende Trance
: fallen ins Vergessen
: fallen in
: eine Welt
: Seifenoper
: Kindergeflüster
: schmecken die salzigen Tränen
: tauche in deine Süsse
: rufen, schreien, beten
: Göttinnen
: Götter
: Engel bewachen uns im Schlaf
: einsam
: warten
Ich
Konnte nur schwer die Tränen der Kinder ertragen
Toben, Tränen, das nicht zu stillende Bedürfnis nach Bewegung und kraftvollen Ausdruck.
Konnte ich nicht aushalten. Habe es für einen Machtkampf gehalten, in dem das Kind der Stärkere sein will.
Das Schreien des Säuglings habe ich als Qual empfunden.
Töchter haben mein Wüten erlebt. Ich habe ihnen Angst gemacht.
Ich habe Franziska geschlagen. Zu Boden gedrückt. Kinder waren Zeugen.
: Hör‘ mir auf mit der Kunst
: Nein!
: häng‘ dich rein – jetzt oder nie
: Jango
Den Hengst machen
Geht nicht
Das Mäuschen spielen
Langweilig
: sei ein Mann
: Pimmelarsch und Zwirne
: hab‘ mich lieb
: läck mi
Ohne Einfühlungsvermögen.
: stimmt nicht
:
In deinem Schreien habe ich dich als Baby nicht aushalten können. Habe dich in meinen Armen gehalten. Versucht, dich in den Schlaf zu schaukeln. Du hast nicht aufgehört zu schreien. Mein Bauch hat sich zusammengezogen. Mein Atem stockte. Sei doch endlich ruhig. Schlafe, mein Kind. Ich halte es nicht länger aus. Wiege dich, drücke dich, beschwöre dich. Schlafe endlich mein Kind. Sei ein liebes Kind.
: ich bin ein braves Kind
:
Machtkampf. Eingepinkelt vor Angst. Eine der ganz wenigen Erinnerungen.
Dein Weinen konnte ich nicht ertragen. Habe es als Aufbegehren und unterdrückte Wut gedeutet. Je heftiger dein Jammern, um so lauter meine drohende Stimme.
: ich bin ein böser Junge
:
Ihr treibt mich zur Weissglut. Ich lass‘ das nicht mit mir machen!
: Ich bin ein kleiner Teufel
: komm in meine Arme
: lieber nicht
:
Chris ist ein Schlawiner. Petra ist das Gegenteil. Manfred steht auf Grenadiere. Severin muss seinen Keuchhusten auskurieren.
Diese verdammte Sehnsucht nach Liebe.
: ich bin ein auserwähltes Kind
: Halt! Du bist ein verletztes Kind. Geschunden, vergewaltigt, missbraucht. Ein schmerzendes Kind. Ein Kind, Einfach ein Kind. Angewiesen auf Schutz, Behütetwerden. Ein Kind, ein Kind, ein Kind. So will ich dich schaun‘.
: stimmt nicht. Bald werde ich mit der Kutsche abgeholt. Eine Prinzessin bin ich. Ein Prinz wird mich zum Königshof führen. Der König wird ein grosses Fest ausrichten. Ein Hochzeitsfest.
: Niemand holt dich.
Pornographie ist langweilig
Schwanzlutschen ist eklig
In gremio matris sedet sapientia patris
Mutter und Kind
Gekrönt
Gehörnt
Der Inzucht treibende Vater
Hefepilze haben wenig Geschmack
Ohne Vergebung
Täter
Mundgeruch ist nicht hinderlich
können sich nicht schämen
Fieberbläschen machen Spass
Wollen ihr Gesicht nicht verlieren
Dafür gehen sie über Leichen
Hardcoreliebhaber stehen mehr auf harte Sachen
: Schau‘ mich an
: faltengezeichnet
: und
: ich möchte dich küssen auf deine Lippen
: und
: Ich möchte dich umarmen ganz fest
: und
: ich möchte mit dir eine ganze Nacht verbringen
: und
: ich möchte an deinen Ohrläppchen knabbern
: süss
: ich möchte dich in den Schlaf wiegen
: ja
: ich möchte mit dir um die Wette schreien
: toll
: ich möchte mit dir in die Fremde ziehen
: heute
: ich möchte ein Kind von dir
: vor 40 Jahren
: Ich möchte mit dir nach Amerika
: mit dem Strassenkreuzer
: Ich möchte mit dir auf einen LSD-Trip
: rosaroter Panther
: ich möchte mit dir alt werden
: ein bisschen noch
